Südafrika Ein Teil Kapstadts droht zu sterben

Als die Häuser von Bo-Kaap noch dem Staat gehörten, waren sie weiß oder in Pastelltönen gehalten. Nachdem die Bewohner sie zu günstigen Preisen kaufen konnten, malten viele ihr neues Eigentum stolz in knalligen Farben an - was heute Touristen begeistert.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Was Apartheid und Sklaverei nicht geschafft haben, könnte nun der Gentrifizierung gelingen: Im Szeneviertel Bo-Kaap zerbricht die Gemeinschaft aufgrund der steigenden Immobilienpreise.

Reportage von Bernd Dörries, Kapstadt

Manchmal, so erzählen sie in Bo-Kaap, gehen die Fremdenführer durch ihr Viertel mit vielen bunten Häusern und erklären den Touristen, warum die Gebäude so kräftige Farben haben: Damit die Leute ihre Wohnung wiederfinden, wenn sie abends betrunken nach Hause kommen. Bo-Kaap ist ein muslimisches Viertel in Kapstadt, in dem viele Bewohner gar keinen Alkohol trinken. Die Fremdenführer sind genauso fremd wie die anderen Fremden, die sie durch Bo-Kaap führen, ein Viertel, das seinen ursprünglichen Bewohnern aber auch selbst fremd zu werden droht.

Wir haben die Sklaverei überstanden und die Apartheid, den Kampf gegen die Gentrifizierung verlieren wir aber womöglich, so sagt es Razeen Diedericks. 38 Jahre ist er alt, von denen er auch alle 38 in Bo-Kaap verbracht hat. "Die Frage ist, wie lange wir noch hier wohnen können", sagt er. Es ist ein Donnerstagabend, Diedericks steht mit etwa 50 anderen an einer Straßenkreuzung am Rande des Viertels, der Feierabendverkehr schleicht vorbei, die kleine Gruppe hebt ihre Schilder hoch, auf denen steht: "Rettet unser Erbe". Neben ihnen kommt gerade ein neuer Betontransporter an, wird wieder ein großer Wolkenkratzer hochgezogen, Luxuswohnungen für Wohlhabende entstehen. So geht es überall in Bo-Kaap: "Viele der ursprünglichen Einwohner sind gezwungen zu gehen. Wir müssen Beziehungen aufgeben, die seit Jahrzehnten bestehen", sagt Diedericks. Ein Teil der Stadt und ihre Geschichte droht zu sterben.

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Bo-Kaap, der Name des Viertels bedeutet so etwas wie "über dem Kap gelegen", ist eine der größten Touristenattraktionen Südafrikas. Täglich werden ganze Busladungen durch die engen Straßen gekarrt. Gegründet wurde Bo-Kaap als Viertel für die Sklaven, die aus den damaligen holländischen Kolonien zwangsweise ans Kap gebracht wurden, vor allem aus dem heutigen Indonesien und Malaysia. Während der Apartheid wurden fast alle Nicht-Weißen aus der Innenstadt verbannt, in weit entlegene Townships, die Kap-Malaien von Bo-Kaap konnten jedoch bleiben. Sie schufen ein besonderes Viertel, in dem es echte Nachbarschaft gibt und kein Verschanzen hinter Mauern und Elektrozäunen, wie es sonst in Kapstadt üblich ist.

Was die Apartheid nicht geschafft hat, erledigt nun womöglich der Immobilienmarkt. Seit Jahren steigen die Preise in Kapstadt, weil dort - anders als im sonst stagnierenden Südafrika - immer noch neue Arbeitsplätze entstehen. Die Stadt ist seit 2001 um ein Viertel gewachsen auf etwa vier Millionen Einwohner. Dazu ist Kapstadt durch die Schwäche der lokalen Währung Rand für internationale Investoren und Spekulanten attraktiv geworden.

Im Viertel mit 6000 Einwohnern gibt es nur ein Polizeiauto, das manchmal Streife fährt

Letztlich sind die ursprünglichen Einwohner aber auch nicht unbeteiligt an der Situation. Bis zum Ende der Apartheid waren die meisten nur Mieter, die Wohnungen gehörten dem Staat. Mit dem Wandel bot sich die Möglichkeit, Eigentümer zu werden, zu sehr günstigen Preisen. Heute verkaufen viele wieder, zu Preisen, die teilweise um ein Hundertfaches über dem Erwerbspreis liegen. Ein Dreizimmerhaus kostet derzeit um die 300 000 Euro. Ganz freiwillig ist der Verkauf aber nicht immer. Die Familien der Kap-Malaien leben oft mit zehn oder mehr Personen in einem Haus. Stirbt das Familienoberhaupt, wird das Erbe aufgeteilt. Selbst wenn die Kinder weiter im Haus leben wollen - keiner kann bei den derzeitigen Immobilienpreisen die Geschwister auszahlen. Also wird verkauft und in die Vororte gezogen, die einst enge Gemeinschaft zerbricht.

"Viele der Eigentümer sehen wir nie, die lassen die Wohnungen leer stehen oder vermieten sie über Airbnb", sagt Jacky Poking von der Mieter- und Bürgervereinigung Bo-Kaap. Die neuen Verhältnisse brächten die ganze Dynamik des Viertels durcheinander. "Früher haben wir die Türen offen gelassen. Jetzt achten wir mehr auf unsere Sicherheit, müssen es tun." Bo-Kaap war lange eine Gegend, in der es nicht viel zu holen gab. In den vergangenen Jahren wurde es für Kriminelle attraktiver, die es auf die wohlhabenden Neuankömmlinge abgesehen haben und die Alteingesessenen als eine Art Beifang betrachten. Im Viertel mit 6000 Einwohnern gibt es nur einen Polizeiwagen, der manchmal seine Runden dreht. Oft aber auch nicht.

"Die Stadt kümmert sich nicht um uns", sagt Jacky Poking. Schon 2013 hat ihre Gruppe bei der Kommunalverwaltung einen Antrag eingereicht, dem Viertel in der Flächennutzung den Status eines lokalen Kulturerbes zuzugestehen, was neue Bauprojekte erschweren würde. Die damalige Bürgermeisterin hat den Antrag aber liegen gelassen, ihr wurde eine besondere Nähe zu Investoren nachgesagt. Die versuchen nach Ansicht vieler Bewohner, den zunehmenden Protest der Bewohner zu spalten. Einzelne Investoren handeln mit einer Gruppe von jugendlichen Aktivisten Verträge aus, die garantieren sollen, dass die Gemeinschaft von den riesigen Neubauten profitiert und nicht erdrückt wird. Sozialer Wohnungsraum und Arbeitsplätze werden versprochen. "Diese Wohnungen sind aber dennoch unbezahlbar für die meisten hier, und bei den Arbeitsplätzen handelt es sich oft nur um Stellen als Wachmann", sagt Jacky Poking. Die jungen Protestler entgegnen der alteingesessenen Bürgervereinigung, dem Wandel in Bo-Kaap zu lange passiv zugeschaut zu haben. Erst als die Jungen vor einem halben Jahr die Reifen brennen ließen, interessierte sich auch die Stadtverwaltung für den Protest.

Als eine Art touristische Fototapete ist Bo-Kaap von großem Wert für die Fremdenverkehrsindustrie. Während der Apartheid waren die meisten Häuser weiß oder in Pastellfarben, was am Muschelkalk lag, mit dem sie verputzt wurden. Vor allem nach dem Ende der Rassentrennung wurden die Häuser aber immer bunter, erzählen die Bewohner, aus Stolz über das neue Eigentum. Die bunten Farben ziehen nun Touristen an.

Nur Bo-Kaap selber hatte bisher wenig davon, die Busse fuhren nur durch. Die Einwohner haben es verschlafen, ihr Viertel als Nationales Kulturgut registrieren zu lassen und haben lange keine Möglichkeit gesehen oder sehen wollen, auch vom Touristenboom zu profitieren. Die Küche der Kap-Malaien ist gut, ein Restaurant, das man begeistert weiterempfehlen könnte, gibt es in Bo-Kaap aber nicht unbedingt, Streetfood für Touristen schon gar nicht. Das soll sich nun ändern, sagt die Bürgervereinigung. Südafrikas Kulturminister kündigte vor wenigen Tagen an, dass das Viertel im kommenden Jahr zum Nationalen Kulturgut erhoben und dadurch besonders geschützt werden soll. Womöglich setzt sich in der Politik die Einsicht durch, dass Bo-Kaap ohne seine Bewohner nicht mehr dasselbe ist.

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