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Ein Bild und seine Geschichte:Als sich Soldaten Hakenkreuze auf die Helme malten

Kapp-Soldaten riegeln das Regierungsviertel in Berlin ab, 1920

Kapp-Soldaten riegeln das Regierungsviertel in Berlin ab. Während des Kapp-Putsches 1920 errichten Freikorpssoldaten eine Straßensperre. Ein Schild warnt die Berliner 'Halt! Wer weitergeht wird erschossen.'

(Foto: SZ Photo)

Im März 1920 scheitern Rechtsextreme mit ihrem Versuch, die Weimarer Republik zu stürzen. Der misslungene Kapp-Lüttwitz-Putsch ist ideologischer Nährboden für einen Österreicher, der schon damals mitmischen will.

Von Robin Hetzel

Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Laute Marschmusik klingt durch das Berliner Regierungsviertel. An den Straßenecken positionieren sich Soldaten der Marine-Brigade Ehrhardt, gefechtsbereit mit geladenen Karabinern. Andere ziehen mit Geschützen und Maschinengewehren durch die Straßen.

Auf den schwarzen Stahlhelmen mehrerer Soldaten prangen an diesem Morgen des 13. März 1920 weiß aufgemalte Hakenkreuze. Am Regierungsgebäude hissen sie die alte kaiserliche Reichkriegsflagge. So beginnt der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Der Umsturzversuch wird zwar nur von kurzer Dauer sein; gleichzeitig ist er jedoch ein Fanal für die furchtbare Entwicklung, die Deutschland wenige Jahre später nehmen sollte.

Die Vorgeschichte begann mit der nun auch in Papierform festgehaltenen deutschen Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg: Die alleinige Kriegsschuld, die Abtretung großer Gebiete mit ihren Menschen, immense Reparationen und noch viele weitere Zumutungen und Auflagen legte der Versailler Vertrag fest - zu Lasten der Weimarer Republik.

Dabei hatte nicht die junge Demokratie Schuld an der desolaten Lage Deutschlands, sondern die Monarchie des flatterhaft-zackigen Kaisers Wilhelm II. und seinen Chargen, die 1914 unbedingt einen großen Krieg führen wollten.

Der Kaiser war ins Exil geflohen, doch der militaristisch-nationalistische Unterbau blieb auch nach der Revolution vom November 1918 weitgehend in Schlüsselfunktionen. Die radikal rechten Kreise empfanden die demokratischen Staatsform als Verrat, sie unkten davon, dass der der Krieg angeblich nur verloren ging wegen der Feinde im Inneren - wegen den Parteien, die den Friedensvertrag unterzeichneten: die in mannigfachen Varianten erfundene Dolchstoßlegende.

"Reichswehr schießt nicht gegen Reichswehr"

Zunächst aber hielten diese rechtsradikalen Kreise weitgehend still, sie arrangierten sich sogar mit den gemäßigten Sozialdemokraten, die mit Friedrich Ebert den Reichspräsidenten stellten; zur Jahreswende schlugen die rechtsradikalen Freikorps im Einvernehmen mit der Regierung den sogenannten Spartakus-Aufstand und die Münchner Räterepublik blutig nieder.

Seit des Inkrafttretens des Versailler Friedensvertrages im Januar 1920 ändert sich die Lage. Es brodelt es in Offizierskreisen. Die im Versailler Vertrag auferlegte Heeresbegrenzung auf 100 000 Mann widerstrebt vor allem den Freikorps, die vor allem aus verrohten Kriegsveteranen bestehen. Ende Februar 1920 entschließt sich Reichswehrminister Gustav Noske (SPD), die 5000 Mann große Marine-Brigade des Korvettenkapitäns Hermann Ehrhardt aufzulösen.

Ein Ende der in Döberitz, westlich von Berlin stationierten Truppe will man dort nicht hinnehmen. General Walther Freiherr von Lüttwitz, inoffizieller "Vater der Freikorps", kündigt an, dass er eher die Regierung stürzen werde, als dass man die seinem Kommando untergeordnete Marine-Brigade auflöse. "Wann marschieren wir endlich nach Berlin? Wir wollen die ganze Bande zum Teufel jagen!", werden die Worte eines Unteroffiziers der Brigade zitiert.

Seine Wut über die Auflösung äußert Lüttwitz am 10. März, dem für die Auflösung geplanten Tag, bei Reichspräsident Ebert. Neben der Rücknahme des Befehls fordert der General auch Neuwahlen, neue Fachminister und seine eigene Berufung zum Oberbefehlshaber der Reichswehr. Lüttwitz stellt ein Ultimatum: Entweder, sie nimmt seiner Forderungen - oder es kommt zum Militärputsch. Die Politiker versuchen zu deeskalieren. Statt den drohenden General in Gewahrsam zu nehmen, empfehlen Noske und Ebert ihm lediglich den Rücktritt und lassen ihn gehen.

Kapp-Soldaten verteilen in Berlin Flugblätter

Berlin Mitte März 1920: Soldaten der Marinebrigade Erhardt verteilen Flugblätter. Unabhängige Zeitungen verboten die Putschisten, die 'Regierung' um den Generallandschaftsdirektor Kapp nutzte Flugblätter, um die Bevölkerung zu informieren. Auf die Stahlhelme der Freikorpssoldaten sind weiße Hakenkreuze gemalt.

(Foto: SZ Photo)

Zurück in Döberitz mobilisiert Lüttwitz zwei Rechtsextreme, die seit vielen Jahren Umsturzgedanken hegten: Wolfgang Kapp und Erich Ludendorff. Der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Kapp hatte bereits im September 1917 gemeinsam mit dem ehemaligen Großadmiral Alfred von Tirpitz die Deutsche Vaterlandspartei gegründet, die mit einer Million Mitgliedern als Massenbasis für eine zukünftig erhoffte Militärdiktatur dienen sollte.

Auch Ludendorff, der in den letzten beiden Jahren des Weltkriegs als Generalquartiermeister zum heimlichen Militärdiktator avancierte, feilte schon im Sommer 1919 zusammen mit Kapp an Putschplänen. Ideologisch ticken die Männer allesamt völkisch, antisemitisch und antidemokratisch, sie verachten die für die damaligen Verhältnisse ziemlich liberale Weimarer Republik. Und sie sind Mitte März 1920 entschlossen, nach der Macht zu greifen und dann Deutschland entsprechend umzubauen.

In Berlin beruft Ebert noch um vier Uhr in der Nacht eine Krisensitzung ein, um das Ultimatum zu besprechen und sich auf eine mögliche Belagerung vorzubereiten. Militärischen Widerstand gegen die anmarschierenden Putschisten schließen die Berliner Offiziere aus, denn "Reichswehr schießt nicht gegen Reichswehr", so erklärt es Hans von Seeckt, der quasi als Generalstabschef amtiert.

Der Reichsführung bleibt nichts Anderes übrig, als das Ultimatum abzulehnen und nach anderen Wegen des Widerstandes zu suchen. Nur wenige Minuten bevor die Putschisten Berlin erreichen, entscheidet sich die demokratisch gewählte Regierung, die Hauptstadt zu verlassen. Sie flieht zunächst nach Dresden, dann nach Stuttgart. Aber die Ämter legt niemand nieder.

"Diktatur von rechts"

Das stört die Putschisten nicht, sie glauben sich auch so am Ziel. Kapp erklärt sich zum Reichskanzler und ernennt Lüttwitz zum Reichswehrminister und Oberbefehlshaber. Die Botschaft lautet: Die demokratische Regierung ist vertrieben und der Staatsstreich erfolgreich.

"Reaktionärer Umsturz in Berlin", titeln die Münchener Neuste Nachrichten am Morgen der Besetzung Berlins. Die Vorgänger-Zeitung der SZ schreibt von der "Diktatur von rechts", die jedoch bisher "keine Wendung der Dinge in Bayern" ausgelöst habe, und druckt dazu folgsam eine Bekanntmachung der Putschisten: "Die bisherige Reichsregierung hat aufgehört zu sein."

Abseits des großen Umsturzgeschehens macht sich nach der Verkündung des Putsches der neue rechtsextreme Münchner Lokalmatador auf den Weg nach Berlin: Adolf Hitler. Der Österreicher hat erst wenige Wochen zuvor eine Kleinstpartei zur NSDAP geformt und sich als Propagandist lautstark in Szene gesetzt. Nun wittert er seine Chance ganz oben mitzumischen. Hitler wird noch von einem rechtsradikalen Hauptmann einer Münchner Reichswehr-Einheit beschäftigt. Er soll "als Verbindungsmann" zwischen der bayerischen Reichswehr und den Putschisten nach Berlin fliegen", vermerkt der Historiker Harald Sandner.

Mit dem Flugzeug reist bricht Hitler in die Reichshauptstadt auf und kommt am 16. März an. Dort lernt er unter anderem Ludendorff kennen. Am nächsten Tag will sich Hitler dem Offizier Waldemar Pabst als Propagandaleiter andienen. Papst ist für die Ermordung der Spartakisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Jahr zuvor verantwortlich.

Auch Heinrich Himmler, später Chef der SS und einer der Hauptverantwortlichen des Holocausts, ist damals als 19-Jähriger auf der Seite der Umstürzler dabei: In seiner Heimatstadt München nimmt er an einer Militärpatrouille der Putschisten teil.

Doch die Hoffnungen von Hitler und Himmler enden bald in Enttäuschung. Denn so richtig gelingt der selbsternannten neuen Reichsregierung das Regieren nicht. Kapp und Lüttwitz schaffen es nicht, genügend Minister für ihr Kabinett zu rekrutieren. Außerdem verweigern­­­ Berliner Ministerialbürokraten den Putschisten ihre Unterstützung, es kommt zu Sabotage der besonderen Art: In den Büros fehlen plötzlich die Schreibmaschinen.

Entscheidend ist aber der Druck der Bevölkerung in Form eines Generalstreiks. Ein Aufruf der geflüchteten Regierung zum passiven Gegenhalten entfaltet seine Wirkung. Vor allem die Gewerkschaften organisieren am 15. März, zwei Tage nach dem Beginn des Putschs, im ganzen Land Widerstand. Arbeiter, Angestellte und Beamte legen geschlossen ihre Arbeit nieder. Die Strom- und Wasserversorgung von Berlin ist ausgesetzt. Es ist der größte Generalstreik der Geschichte des Landes. Die Putschisten - im Kerzenlicht in der Reichskanzlei hockend - sind zunehmend isoliert.

Negativ für Kapp, Lüttwitz und Ludendorff wirken sich noch andere Faktoren aus. Im Gegensatz zu den ostpreußischen Provinzen, wo die neuen Herren widerspenstige Beamten entlassen, ist die Stimmung in den meisten Teilen Deutschlands eher von Zurückhaltung geprägt, besonders bei den mächtigen Industriellen. Zweifel an der Durchsetzungsfähigkeit der Putschregierung verhindern, dass die Reichswehr-Kader Partei für eine Seite ergreifen. "Am Verrat und an der verächtlichen Lauheit der hohen Generalität und Bürokratie, die völlig versagte" ist der Putsch gescheitert, wird Kapp später klagen.

So beginnen nur wenige Tage nach dem Einmarsch die ersten Gespräche zwischen den Aufständischen und der rechtmäßigen Regierung. Auf deren Seite herrscht Uneinigkeit, wie weit man den Putschisten entgegenkommen solle. Reichspräsident Ebert, der zu diesem Zeitpunkt noch immer in Stuttgart ausharrt, stimmt schließlich der Forderung nach Neuwahlen zu.

Bis zum Mittag des 17. März fordern Kapp und Lüttwitz Bedenkzeit, ob sie im Gegenzug zurücktreten. Neben dem noch immer laufenden Generalstreik zwingen nun auch Teile der Reichswehr die Putschisten zur Kapitulation. Nur eine Stunde vor Ende der Bedenkzeit tritt Kapp zurück. Der am Vortag in Berlin eingetroffene Hitler sieht mit eigenen Augen im Hotel Adlon, wie der selbsternannte Reichskanzler die noble Herberbe verlässt und die Flucht antritt.

Wolfgang Kapp auf der Flucht nach Schweden, 1920

Nach dem Scheitern seines Putsches begibt sich Wolfgang Kapp (Mitte) in einem Flugzeug auf der Flucht nach Schweden.

(Foto: SZ Photo/Sammlung Megele)

Kapp setzt sich mit einem Flugzeug nach Schweden ab. Auch Lüttwitz, der bis zuletzt hartnäckig seine Forderungen durchsetzen will, gibt schließlich sein Amt als Oberbefehlshaber auf.

Damit ist der gewaltsame Versuch der Machtübernahme von Kapp und Lüttwitz nach nur vier Tagen gescheitert. Unter den Folgen leidet die junge Demokratie weiter, sie wird sich nicht mehr erholen. Die ausbleibende rechtliche Verfolgung der Verschwörer ermutigt die Rechten, sich auch in der Folgezeit am Umsturz der Republik zu versuchen.

Die demokratische Mitte schrumpft dagegen nach dem Putsch, die Gesellschaft polarisiert sich. Bei den Reichstagswahlen im Juni verliert die Weimarer Koalition aus SPD, katholisch-konservativem Zentrum und liberaler DDP die Mehrheit. Das Misstrauen in die Demokratie der politischen Mitte nimmt in den Folgejahren weiter zu, die Extreme erstarken. Linksaußen erhalten die Kommunisten Zulauf, deren mörderische Idole Lenin und später Stalin sind.

Auf dem ideologischen Nährboden der gescheiterten Putschisten wachsen bald andere Kräfte: die Nationalsozialisten, an deren Spitze sich bald auch offiziell Hitler setzt. Der Umsturzversuch kann als Anfang vom Ende der Weimarer Republik angesehen werden.

Drei Jahre später versucht Hitler seinen eigenen Putsch

"Diese Zeit war noch nicht reif für die Rettung des Vaterlandes", schreibt Kapp in einem Brief im September 1920 über seinen Traum von einer rechtradikalen Diktatur. Aus seiner Sicht sollte er Recht behalten.

Die weißen Hakenkreuze auf den Stahlhelmen der Freikorpssoldaten werden das zentrale Symbol der NSDAP von Adolf Hitler. Am 9. November 1923 versucht der Österreicher eine eigene Machtergreifung, wieder ist Ludendorff dabei, diesmal wird der Umsturz zusammengeschossen.

Doch die deutsche Demokratie geht wie bei Kapp und seinen Kumpanen zu zaghaft vor gegen diejenigen, die sie abschaffen wollen. So kommt Hitler Anfang 1933 ganz legal an die Macht, und das Grauen beginnt.

© SZ.de/odg
Kapp-Putsch in Berlin, 1920

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Kapp-Putsch 1920
:Im Frühling blüht der Hass

Vor hundert Jahren scheitert der von Teilen der Reichswehr unterstützte rechtsextreme Kapp-Putsch am Widerstand der Bevölkerung. Der Umsturzversuch zeigt die Schwäche der jungen Demokratie.

Von Joachim Käppner

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