Kapitalismus:Sahra Wagenknechts Idee vom Kapitalismus

Sahra Wagenknech

Bissig im Bundestag, doch trocken in der Analyse.

(Foto: dpa)

In "Reichtum ohne Gier" rechnet die Linken-Politikerin mit einer außer Rand und Band geratenen Finanzwirtschaft ab. Eine linke Analyse - aber nicht nur.

Gastbeitrag von Peter Gauweiler

Das Buch "Reichtum ohne Gier - Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten" ist wirklich gut geschrieben. Die Autorin beherrscht die Kunst des klaren Denkens und kennt sich über den Unterschied von Haben und Nichthaben auch in der Praxis aus. Nicht nur als promovierte Ökonomin. Ich habe diese Frau viele Jahre im Deutschen Bundestag erlebt und weiß, dass sie - bei aller Linkheit - mit Haltung und geradem Rücken etwas retten will, was uns allen wichtig ist: Marktwirtschaft und Demokratie.

Die Autorin plädiert unmissverständlich für den "historisch entstandenen Staat"

Ausgerechnet Sahra Wagenknecht wird mancher sagen - sie entstammt doch der Ursuppe des Marxismus-Leninismus, der das Gegenteil von alledem verkörperte. Das kann schon sein. Aber auf der anderen Seite hat sich die bei der Wende 19-jährige Abiturientin, von Ostberlin übrigens wegen Insubordination mit einem Studienverbot belegt, seit ihrem ersten Auftauchen in der deutschen Politik vor mehr als 20 Jahren ein Verständnis des Wertekanons der bundesrepublikanischen Gründerväter erarbeitet, das manchen geborenen BRDler erblassen lassen könnte.

Unsere Autorin kennt - wie schon in ihren vorhergehenden Schriften gut nachlesbar - ihren Ludwig Erhard, und zitiert ihn voller Respekt. Diesmal bei der Darstellung seines Ausgangspunkts - Erhards Text über den Nationalökonomen Franz Oppenheimer: "Er erkannte den Kapitalismus als das Prinzip, das zur Ungleichheit führt, ja, das die Ungleichheit geradezu statuiert, obwohl ihm gewiss nichts ferner lag als eine öde Gleichmacherei. Auf der anderen Seite verabscheute er den Kommunismus, weil er zwangsläufig zu Unfreiheit führt. Es müsse einen Weg geben - einen dritten Weg -, der eine glückliche Synthese, einen Ausweg bedeutet."

Die goldenen Jahre der frühen Bundesrepublik beschreibt sie heute so: "Erstmals zeigte in den Industrieländern die persönliche Wohlstandskurve für alle Schichten nach oben. Die Ungleichheit wurde geringer, die Armut ebenso, eine breite Mittelschicht entstand und über mehrere Jahrzehnte schien das Wachstum von Produktion und Konsum keine Grenze mehr zu kennen." Dem kann man so wenig widersprechen wie ihrer Diagnose, dass diese positive Phase von Marktwirtschaft und Demokratie in der Mitte Europas inzwischen Geschichte ist.

Eine der wichtigsten Ursachen für den Abstieg sieht Wagenknecht in der sich seither - vor allem seit der globalen Wende 1990 - entwickelten Asymmetrie zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft. Letztere von Manhattan, der Wall Street sowie der Londoner Börse verordnet, verformt, außer Rand und Band gebracht und um sich selbst rasend. "Lag der jährliche Umsatz mit Finanzderivaten 1986 bei weniger als 50 Billionen Dollar, setzt das globale Wettcasino heute Jahr für Jahr Derivate im Wert von 1500 Billionen um. Allein in den 20 Jahren zwischen 1990 und 2010, in denen sich die Weltwirtschaft verdreifachte, hat sich die Finanzwirtschaft mehr als verdreihundertfacht."

Fast im gleichen Atemzug erinnert sie uns daran, was davor war: "In der Zeit zwischen 1945 und 1971 gab es keine einzige nennenswerte Bankenkrise. Niemand vermisste all die Derivate, Verbriefungen und sonstigen Finanzinnovationen, über deren existenzielle volkswirtschaftliche Bedeutung uns die Finanzlobby heute Lügenmärchen erzählt." Diesen heutigen Vorrang einer entfremdeten Finanzwirtschaft nennt sie "Kapitalismus". Das legitimiert ein bisschen den parteipolitischen Standort, wird linke Leser erfreuen und Nichtlinke irritieren.

Demokratie statt Arroganz der EU-Kommission

Weil für Letztere das Vorhandensein von "Kapital" grundsätzlich eher gut ist als sein Fehlen, und Unternehmer und Kapitalgeber einander bedürfen wie die Henne und das Ei. Dass diese neue angelsächsische Finanzwirtschaft - das völlig entpersonalisierte Investmentbanking - mittlerweile aber zu einer tödlichen Gefahr für das freie Unternehmertum wurde, ist auf der anderen Seite freilich völlig unbestreitbar und dass - so heißt es im Text wörtlich - "echte Unternehmer" dieser Finanzwirtschaft nicht bedürfen, auch.

In gewisser Weise ist dieses Buch in "Pflicht" und "Kür" gegliedert. Die Kür bietet ein unmissverständliches Plädoyer für den "historisch entstandenen Staat mit seinen verschiedenen Ebenen" und gegen die "arrogante EU-Kommission". Das liest sich ganz ausgezeichnet, ebenso die Warnungen vor den Demokratiedefiziten der immer riesigeren supranationalen Einheiten. Wagenknecht schließt in dieses Demokratiedefizit ausdrücklich das Europäische Parlament ein (". . . viel zu fern, viel zu wenig erfahrbar und der Lebensrealität der Bevölkerung in den einzelnen Ländern viel zu stark entfremdet").

Eindrucksvoll auch die furiose Abrechnung mit allen Übeln, die sich der globale Managerkapitalismus, insbesondere die Finanzwirtschaft, geleistet hat und was er sich seit Bill Clinton, Tony Blair und der Herrschaft der Rot-Grünen in Deutschland sogar gesetzlich alles herausnehmen darf. Hedgefonds, Europäische Zentralbank, das EU-Gemeinschaftsgeld und die "Euro-Rettung" inklusive. "Entweder man kappt die Basis ihrer Macht - ihre Fähigkeit, nahezu unlimitiert Geld zu erzeugen und sagenhafte Gewinne damit zu machen -, dieses Geld in realwirtschaftlich sinnlose oder sogar schädliche Kanäle zu lenken, oder man hat verloren."

Weil es aber dann doch ein paar Unterschiede zu den klassischen Marktwirtschaftlern geben muss - im letzten Kapitel des Buchs kommt endlich die "Pflicht" zu ihrem Recht, die naturgemäß eine linke sein muss: "Eigentum neu denken" heißt die Überschrift, was ein bisschen bedrohlich klingt, auch wenn es bloß um Vorschläge wie "Mitarbeitergesellschaften" geht und "Gemeinwohlgesellschaften".

Ein gewisser Diskussionsbedarf mit Sahra Wagenknecht besteht aus der Sicht eines konservativen Lesers auch noch in Sachen Erben und Vererben und Generationenfolge als Wert. Was eine familiäre Nachhaltigkeit für die Unternehmenskultur und die Arbeitnehmerkultur unseres Landes im Positiven bedeutet, wird meist erst dann erkannt, wenn es zu spät ist: wenn wieder ein Familienunternehmen in die Hände der Investmentbanker geraten, zerschlagen und filetiert ist.

Beim Thema Erben und Vererben besteht beim konservativen Leser durchaus Diskussionsbedarf

Die aktuelle Pointe der Geschichte besteht gegenwärtig ja darin, dass der neue verschärfte Erbschaftsteuerentwurf für große Familienunternehmen in Deutschland ein Förderprogramm für die globalen Kapitalgesellschaften bewirken wird, die bekanntlich nirgends auf der Welt Erbschaftsteuer zahlen und durch die jetzt fiskalisch veranlassten Zwangsverkäufe weiter gemästet werden dürften. Dieser Gesetzesentwurf stammt aber nicht von der Linken, schon gar nicht von Sahra Wagenknecht, sondern aus dem Hause Schäuble. Hier waltet ein Unsegen.

Damit also etwas kritisiert ist: Man könnte diesen letzten Teil des Buches statt "Pflicht" auch "das Schiff des Theseus" nennen. In memoriam Umberto Eco, weil dieser sein letztes Projekt ja so taufte, um deutlich zu machen, dass ein bestimmtes Vorhaben immer dasselbe bleibt, auch wenn es nach und nach in all seinen Bestandteilen ausgetauscht worden ist. That's the left.

Aber um nicht missverstanden zu werden: Auch dieser Teil des Textes ist klar und informativ verfasst und enthält sogar wichtige Aussagen über die "Legitimität von Privateigentum" und "Eigentum als Menschenrecht". Alles in unvergleichbar bessererzogener und -gesetzter Form als wir Westler es von unseren alten 68ern mit ihrem undurchdachten Schmaddertum gewohnt waren. Comrade Sahras Buch ist also selbst da besser, wo es noch wirklich links ist.

Das übergreifende Fazit zu diesem Werk nahm vor mehr als 60 Jahren der Augsburger Staatsbayer Bert Brecht schon vorweg, als er sagte: "Es geht auch anders, doch so geht es auch."

Peter Gauweiler ist Anwalt, Publizist und ehemaliger CSU-Bundestagsabgeordneter.

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