Kanzlerkandidaten in der ARD:Zwei streiten, einer schmunzelt

Germany's Candidates For Chancellor Attend TV Debate In Berlin

Schon wieder ein Triell: Die Kandidaten fürs Kanzleramt (von links) Armin Laschet (CDU), Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) begegnen sich derzeit erstaunlich oft - zuletzt am Samstag in der ARD.

(Foto: Pool/Getty images)

Annalena Baerbock sucht die Kontroverse, Armin Laschet lässt sich provozieren - und Olaf Scholz sitzt ziemlich scholzig da. Was die jüngste TV-Runde über die Kanzlerkandidaten verrät.

Von Boris Herrmann

Wenn das so weitergeht, dann werden die drei noch richtige Freunde. Annalena Baerbock schätzt an Olaf Scholz "seine Ruhe" und an Armin Laschet "seine Standfestigkeit bei Gegenwind", wie die Kanzlerkandidatin der Grünen gerade in einer Debatte mit ihren Mitbewerbern von der SPD und der Union erzählte. Laschet würdigte im Gegenzug den gesunden Pragmatismus des "Kollegen Scholz" und an "Frau Baerbock" den Idealismus, "Dinge in der Welt couragiert zu verändern".

In der Kunst, freundlich klingende Worte mit einem leicht vergifteten Lob anzureichern, scheint aber ausnahmsweise der SPD-Kandidat und Vizekanzler Scholz vor der Konkurrenz zu liegen. Er sagte, er schätze an Baerbock "das große Engagement" und an Laschet "das Rheinische", was eben auch heißen kann: Die eine ist stets bemüht und der andere stets weit weg von Berlin. Das dürfte aber als der einzige Wirkungstreffer von Scholz aus dieser Runde zurückbleiben.

Fest steht: Der Austausch jedweder Nettigkeiten unter den Kanzlerkandidaten beruht inzwischen auf einer soliden empirischen Basis. In einer Zeit, in der sich die meisten Deutschen erst wieder allmählich an zwischenmenschliche Begegnungen aus mehreren Haushalten gewöhnen, begegnen sich Baerbock, Laschet und Scholz erstaunlich oft.

Der CDU-Chef will die Rivalin offenkundig als naiv und weltfremd entlarven

Schon Mitte Mai diskutierten sie erstmals beim WDR-Europaforum in einem sogenannten Triell. Als Nächstes trafen sie sich beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Und in der zurückliegenden Woche war sogar ein zweimaliges Schaulaufen des Bewerberfeldes zu erleben, zunächst beim Bundesverband der Deutschen Industrie und dann auch noch im Rahmen der Europa-Debatte im Bundestag. Es trielliert in Deutschland gerade so heftig, dass sich die Frage stellt, was sich die drei eigentlich noch zu sagen haben werden, wenn im September die hochoffiziellen TV-Trielle bei RTL sowie bei ARD und ZDF anstehen.

Die jüngste Ausgabe vom Samstagabend wurde von der Münchner Sicherheitskonferenz gemeinsam mit der ARD ausgerichtet, deshalb standen vor allem außen- und sicherheitspolitische Fragen auf dem Programm. Dabei bestätigte sich über weite Strecken das Muster der zurückliegenden Debatten: Baerbock und Laschet streiten sich, Scholz macht irgendwie auch noch mit.

Als es um den Umgang mit dem schwierigen EU-Partner Viktor Orbán geht, liefern sich Baerbock und Laschet ein längeres Scharmützel über die Möglichkeit von Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn und schneiden sich dabei mehrfach gegenseitig das Wort ab. Baerbock fordert eine Reduzierung der europäischen Fördergelder. Laschet entgegnet, das sei rechtlich gar nicht möglich, weil man erst ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs abwarten müsse.

Die Kandidatin der Grünen wirft den Regierungsparteien nicht nur an dieser Stelle faule Kompromisse in der Außenpolitik vor, der CDU-Chef verfolgt offenkundig die Strategie, solche markigen Thesen als naiv und weltfremd zu entlarven. Einmal fragt er seine Stuhlnachbarin: "Was machen wir jetzt außer Sprüche?" Baerbock giftet zurück: "Wenn Sie mich ausreden lassen würden." Das geht so lange, bis sich die ARD-Moderatorin Tina Hassel fast ein wenig mitleidig an den SPD-Teilnehmer in der Runde wendet: "Herr Scholz, Sie sitzen da und schmunzeln."

Die meiste Zeit sitzt Scholz aber einfach ziemlich scholzig da. Mit staatsmännisch durchgedrücktem Rücken, ohne die geringsten Emotionen in die eine oder andere Richtung erahnen zu lassen. Annalena Baerbock tritt dagegen als forsche Oppositionspolitikerin auf, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Kontroverse sucht, um die Notwendigkeit eines politischen Wandels darzulegen. Und Laschet lässt sich zumindest hier und da provozieren.

Bei Nord Stream 2 wird Laschet dann doch konfrontativ

Etwa bei dem beliebten Aufregerthema Nord Stream 2. Baerbock plädiert für einen sofortigen Stopp der Gaspipeline durch die Ostsee. Es sei naiv, so zu tun, als sei das ein rein wirtschaftliches Projekt und als verfolge der russische Präsident damit keine geostrategischen Interessen, um Europa und die Ukraine unter Druck zu setzen. "Wenn man wirklich ein Land führen will, dann muss man ein bisschen vorausschauen", sagt Baerbock - und meint damit natürlich Laschet.

Der CDU-Chef bleibt bei der grundsätzlichen Haltung: "Das ist ein rein wirtschaftliches Projekt." In einer idealen Welt jedenfalls. Er wird dann aber für seine Verhältnisse erstaunlich konfrontativ, als er den Betrieb von Nord Stream 2 an eine klare Bedingung knüpft. Sollte sich Putin nicht an die vereinbarten Regeln halten und das Projekt gegen die Ukraine einsetzen, könne man es jederzeit auch wieder stoppen, selbst wenn der Bau dann schon abgeschlossen sei, sagt Laschet. Dann sei die "Geschäftsgrundlage" für die deutsche Zustimmung entfallen. Ähnlich, bloß nicht ganz so deutlich äußert sich auch Olaf Scholz.

Im besten Fall bekommen die Zuschauer solcher Trielle einen Eindruck davon, wohin die Reise mit dem jeweiligen Kanzler oder der Kanzlerin gehen würde. In diesem Fall erfährt man immerhin von zwei Kandidaten, wohin ihre erste Reise geht. Baerbock würde in Brüssel, Scholz in Paris beginnen. Laschet verrät da noch nichts. Aber es kommen ja noch ein paar Trielle, um es aus ihm herauszukitzeln.

© SZ
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