Kanzlerkandidat Steinbrück:Was sind noch die Traditionskerne der SPD?

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Natürlich braucht Steinbrück, um den nötigen Spielraum für dergleichen Avancen abzusichern, Steinmeier und Gabriel. Überall ist zu lesen, dass mit der Entscheidung vom vergangenen Freitag "endlich" die Troika passé ist.

Aber das Gegenteil ist richtig. Nun erst beginnt die reale politische Phase der Troika, vorher war sie nicht mehr als eine Chimäre der Medien. Jetzt aber sind die Funktionen verbindlich zugeteilt. Ohne die Loyalität und politische Klugheit des Fraktionsvorsitzenden und des Parteichefs hat der Kandidat keine Chance, zusätzliche Stimmen und Optionen über den zusammengeschrumpften Traditionskern hinaus zu gewinnen.

Nur, was sind noch die Traditionskerne? Wo kann, ja muss die SPD zusätzliche Punkte machen, um gegenüber 2009 zuzulegen? In aller Regel lautet die Antwort auf die zweite Frage: in der Mitte, bei dem bürgerlichen Grenzwähler. Und daher sei ein Wirtschaftsfachmann und Helmut-Schmidt-Zögling der rechte Mann. Doch: Die Mitte heute ist nicht mehr die Mitte wie zu den Zeiten von Schmidt.

Frauen goutieren Steinbrück weniger als Männer

Die gesellschaftliche Mitte des Jahres 2012 ist keineswegs mehr rundum sozialzufrieden. Sie ist nicht mehr Apologetin der herrschenden Verhältnisse, keine Prätorianergarde der Märkte und kapitalistischen Profite. In der Mitte findet man inzwischen mehr Biss gegen Banker, größere Wut über Privatisierungen in der Wirtschaft und Marktprinzipien im Bildungssystem als bei den Mitgliedern des Parteivorstandes der SPD.

Dazu: Die SPD hat ja 2009 nicht nur in der Mitte verloren. Und, anders als zu den Zeiten eines Kanzlers Schmidt, sind die Abtrünnigen keineswegs en masse zur CDU geströmt. Die volatile Mitte siedelt heute eher bei potenziellen Bündnispartnern der SPD: bei Grünen oder Piraten.

Der größte Exodus aus dem sozialdemokratischen Lager vollzog sich jedoch seit 2002 im unteren Drittel der Gesellschaft. Merkwürdigerweise gerät das in den Medien, aber auch in den oft bizarren Politikberatungsunternehmen weitgehend aus dem Blick. Steinbrück muss im Übrigen für diese Schichten kein schlechter Kandidat sein.

Im soziologischen Duktus formuliert: Er kommt nachweislich gut an bei Männern mit formal geringer Bildung in schlecht bezahlten Jobs. Sein Rambo-Habitus nutzt ihm dort. Aber auch große Teile der Wirtschaftsbürger schätzen ihn deswegen; der Macho-Auftritt bildete eine eigentümliche Klammer zwischen den Führungsmännern in Unternehmen oben und dem maskulinen Antifeminismus unten. Allerdings: Frauen goutieren das - und daher Steinbrück - weit weniger.

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