Möglicher SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück Sie sind der Meinung: Der ist Spitze

Das Rennen ist offen, heißt es immer wieder. Dabei ist seit Monaten klar, dass Peer Steinbrück unter den möglichen SPD-Kanzlerkandidaten die besten Chancen hat - und Parteichef Gabriel sowie Fraktionsvorsitzender Steinmeier gar nichts dagegen haben. Trotzdem ist das derzeitige Gerede über den Superstar der Sozialdemokraten gefährlich.

Von Susanne Höll

Anfang Juni hatte Peer Steinbrück eine Art Schweigegelübde abgelegt. Zwei Monate lang wollte er sich öffentlich nicht mehr äußern, schon gar nicht zu der Frage einer Kanzlerkandidatur. Diese Zeit ist abgelaufen - und Steinbrück meldet sich zurück.

Der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück hat gute Chancen, der nächste Kanzlerkandidat der SPD zu werden.

(Foto: dpa)

In der Bundestagsfraktion warb er an diesem Freitag für Europa. Am Montag spricht er in Essen vor 2000 Menschen über die Zukunft des Euro. Am Dienstag redet er in der Hauptstadt über Finanzen und Politik, am Donnerstag erst in der Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin, anschließend bei einer SPD-Veranstaltung in der Jüdischen Gemeinde der Stadt.

Die Aufregung ist groß, Mitte Oktober wird sie sich überschlagen. Dann erscheint das gemeinsame Buch von Altkanzler Helmut Schmidt und Steinbrück, geplant sind zwei öffentliche Veranstaltungen und ein Talkshow-Auftritt der beiden. Man darf erwarten, dass der ältere Hanseat dem jüngeren Führungsfähigkeit attestiert. Und Steinbrück? Der wird überall sagen, dass er diese ewigen Kandidatenfragen nun nicht mehr hören könne.

Dabei ist seit dem Frühsommer klar, dass der 64-jährige Sozialdemokrat gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) antreten möchte, und dass sowohl der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel als auch der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier damit einverstanden sind. Offiziell heißt es, noch sei nichts entschieden, das Rennen offen. Mancher anderslautenden öffentlichen Bekundungen zum Trotz findet man in der SPD-Spitze diese Personalrätselei gar nicht schlimm. Sie macht die Partei schließlich attraktiv. Doch die Politshow ist riskant, zumal sie nach dem Willen aller Beteiligten noch ganze eineinhalb Jahre fortgesetzt werden soll. Erst Ende 2012 oder Anfang 2013 soll der Spitzenkandidat gekürt werden.

Derzeit trägt der Wettbewerb spielerische Züge, noch toleriert die offizielle Parteiführung das selbsternannte Triumvirat aus Gabriel, Steinbrück und Steinmeier. Öffentliche Kritik war bislang nicht zu vernehmen, kein Wunder, schließlich will niemand die derzeit gute Stimmung stören. Doch intern soll es schon Klagen gegeben haben. So fände es mancher namhafte Sozialdemokrat gar nicht komisch, ständig gefragt zu werden, warum er eigentlich nicht das Zeug zum Kandidaten habe, heißt es. Andere wiederum fürchten, dass die Partei in Sachen Herausforderer von dem Spitzentrio vor vollendete Tatsachen gestellt würde.

Sigmar Gabriel weist deshalb mehr oder minder regelmäßig darauf hin, dass allein ihm als Vorsitzenden das Vorschlagsrecht in dieser Personalie zusteht. Und er versucht, den Kreis der Anwärter so groß wie möglich zu halten, um Verärgerungen zu verhindern. Jeder SPD-Ministerpräsident sei grundsätzlich für das Amt geeignet, gab er vor. Diese Formulierung hat allerdings große Tücken.

Das erfuhr zuletzt SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die zuletzt auch Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zum Kreis der Anwärter zählte. Der Bürgermeister fühlte sich davon in seinem Wahlkampf gestört, andere SPD-Politiker gewannen den offenkundig unzutreffenden Eindruck, die frühere Vertreterin der Parteilinken wolle Wowereit gegen den SPD-Rechten Steinbrück ins Spiel bringen.

Ob und wie lange Gabriel mitsamt Steinbrück und Steinmeier die Kandidatenfrage unterhaltsam arrangieren können, hängt auch vom Umgang der drei miteinander ab. Glaubhaften Berichten zufolge ist das Verhältnis dieser bekanntlich sehr unterschiedlichen Charaktere bisher tatsächlich offen und vertrauensvoll. Freunde oder Kumpel sind sie nicht und geben es auch nicht vor. Aber sie kennen und schätzen sich wechselseitig, haben auch schon kleinere und größere Konflikte untereinander ausgestanden. Keiner redet abfällig über die anderen beiden in deren Abwesenheit. Und keiner hätte Probleme, mit oder unter dem jeweils anderen in einer SPD-Bundesregierung zu arbeiten, heißt es.

Delikate Dreierbeziehung

Wie leicht die delikate Balance in Dreierbeziehungen gestört werden kann, zeigte sich in den vergangenen Tagen. Da machten Spekulationen die Runde, Gabriel könne, wenn sich die Umfragen für die SPD spürbar bessern sollten, vielleicht doch Lust an einer Kandidatur finden. Manche Stirn, so ist zu hören, runzelte sich hernach.

Auch Steinbrück selbst wird allerhand abgefordert werden auf dem Weg zur Bundestagswahl. Es ist schwer vorstellbar, dass er monatelang als unerklärter Kandidat agiert und irgendwann im kommenden Jahr erklärt, er stehe nicht zur Verfügung. Andererseits müssen Gabriel und die SPD Interesse daran haben, dass die Verkündung des Kanzlerkandidaten noch einen gewissen Neuigkeitswert hat. Und nicht zuletzt muss Steinbrück darauf achten, dass ihm in der nächsten Zeit keine neuen, allzu despektierlichen Äußerungen über die SPD entfleuchen. Dann nämlich wäre Schluss mit der guten Stimmung.

Im Trio wird schon seit längerem überlegt, wie und mit welcher Rollenverteilung man das Kandidatenquiz inszeniert, das aktuelle Steinbrück-Spektakel aber in Grenzen hält. Der Ex-Finanzminister äußerst sich öffentlich vornehmlich zu den Themen, von denen er bekanntermaßen viel versteht, Währungs- und Geldfragen nämlich. Ausflüge in andere Gebiete würden den innerparteilichen Frieden gefährden, zumal Steinbrück offiziell ein ganz normaler SPD-Bundestagsabgeordneter ohne Führungsposten ist.

Im Bundestag, wo in der kommenden Woche sowohl über den Haushalt als auch über das neue Euro-Rettungspaket diskutiert wird, redet Steinbrück aber nicht. In der Etatdebatte soll Steinmeier auf Kanzlerin Angela Merkel antworten. Das Thema Euro übernimmt Gabriel.