Kanzlerin Merkel und die Macht:Glück gehabt, die Kleine! Seltsame Frisur ...

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Was auch immer Angela Merkel tut, stets wird es ihr zum Nachteil ausgelegt. Was bei Männern als hohe Kunst des Taktierens gilt, wird bei der Kanzlerin als zögerliches Verhalten abgetan, was Stärke offenbart, als eiskalte Meuchelei geschmäht. Doch letztlich zeigen all die Zuschreibungen vor allem eins: die Unfähigkeit, mit weiblicher Macht umzugehen.

Evelyn Roll

Was für seltsame Kinder-Märchen von Politik erzählen wir uns eigentlich? Und warum? Die "männermordende, eiskalte Schwarze Witwe" hat "brutal" und "exekutionsartig" "wie eine Schnappschildkröte im Sumpf" "ihren Primus" "auf offener Bühne geköpft" mit "einem einzigen letalen Schlag". Und das sind nur die Vokabeln aus den sogenannten Leitmedien.

Angela Merkel

Ob Mutti oder Medea: Weibliche Macht, wie sie Kanzlerin Angela Merkel verkörpert, scheint nur schwer zu beschreiben zu sein.

(Foto: AP)

Eben war sie noch so entscheidungsschwach und ohne jede Durchsetzungskraft, die Mutti. Und jetzt Medea, die ihren liebsten Sohn tötet? Man hätte die Sache ja auch so beschreiben können: Ein Minister, der eine wichtige Landtagswahl dermaßen haushoch verliert, hat in einer auf die nächste Bundestagswahl zusteuernden Mediendemokratie nicht mehr genug Autorität, um dieses so komplizierte, wie bedeutende Projekt seiner Regierung durchzusetzen.

Die Bundeskanzlerin, die diesen Zusammenhang etwas schneller zu Ende gedacht hat, als die meisten anderen, entlässt also diesen Minister, bevor das allgemeine Demontage-Theater los geht, und ersetzt ihn durch einen, dem sie offenbar zutraut, die Energiewende zu managen. Soweit die Nachrichten.

Ein möglicher Kommentar: Wenn Angela Merkel von der Unumkehrbarkeit eines Prozesses überzeugt ist, leistet sie sich keine Sentimentalitäten mehr. Siehe Fukushima. Die Fähigkeit zur Antizipation und zum Umdenken, gepaart mit Entschiedenheit, Härte und dem Gefühl für Timing scheint neben dem oft beschriebenen Verhandlungs- und Abwartegeschick ein politisches Talent dieser deutschen Bundeskanzlerin zu sein. Wahrscheinlich ist sie es deswegen auch geworden. - Oder, etwas kürzer und für Jammerlappen: Ist schon hammerhart, die Politik in der ersten Liga.

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Genderforscherin Margreth Lünenborg erklärt den "trivialen Rückgriff auf dichotome Geschlechterbilder" bei der Beschreibung von Angela Merkels Politik mit "einer Bedrohungsfantasie", die von einer weiblichen Machthaberin offenbar hervorgerufen wird.

Tapfer, tüchtig, das Mädchen

Klingt plausibel. Dieses furchtbare "Mutti" sagt ja vor allem Trauriges über diejenigen, die es benutzen und eine Frau an der Macht offenbar als dermaßen bedrohlich wahrnehmen, dass sie sich selbst wieder zu Kleinkindern machen. Wie Kleinkinder können sie ihre gespaltenen Mutterphantasien dann auf die eine an der Spitze projizieren. So wird aus der lieben "Mutti" schnell die rachsüchtige Furie, die ihren "Klügsten" verstößt.

Die systematische Unfähigkeit, mit weiblicher Macht umzugehen oder sie zu beschreiben, hat Angela Merkel von Anfang an begleitet. Ihr Aufstieg wurde in gönnerhaft-überheblichem Tonfall erzählt: Tapfer, tüchtig, bemüht sich, das Mädchen, hat Glück gehabt, die Kleine aus dem Osten. Seltsame Frisur.

Als deutlich geworden war, was Angela Merkel kann und tut, wurde ihr politisches Talent und ihr Wille zur Macht vom männlichen Mainstream noch erstaunlich lange weiter als Betriebsunfall unterschätzt, was aber ihren Aufstieg eher befördert als behindert hat. Seitdem sie Kanzlerin ist, hat die Frisur-Debatte aufgehört. Das immerhin.

Die Dichotomie ist geblieben: Wann immer sie abwartet und den Kompromiss sucht - bei Männern gilt das als hohe politische Kunst - ist sie zu zögerlich. Agiert sie explizit machtvoll, kippt die Unterschätzung sehr berechenbar um. Aber nicht in Bewunderung und Respekt wie bei männlichen Machteroberern, sondern in dieses: Aha. In Wahrheit ist sie also eine eiskalte, berechnende Lady, an deren Wegesrand sich rechts und links Berge von gemeuchelten Männern türmen.

Jetzt ist sie also Medea, die aus Rache ihren Sohn verstößt. Demnächst wird es dann wieder heißen: keine klare Kante die Frau, man weiß ja immer gar nicht, was Mutti überhaupt will. - Da kann man drauf wetten. Das ist vorhersehbar. Das ist traurig. Und auch ein wenig langweilig.

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