Kanzlerin auf Wahlkampf-Tour Pompons in Wiesbaden

Sogar das Aussteigen aus dem Bus ist choreografiert. Merkel geht wenige Schritte, nimmt dann zunächst den kleinen Jungen in Empfang. Er trägt ein Manchester-United-Trikot, in der Hand eine Blume für Merkel. Erst dann begrüßt die Kanzlerin Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin, und Volker Bouffier, den Ministerpräsidenten. Dann kurzer Stopp. Erinnerungs-Fotos mit der Jungen Union. Und Spannung aufbauen.

In der Rhein-Main-Halle warten 2300 Menschen auf Merkel. Die Moderatorin auf der Bühne hat keinen leichten Job: "Ich höre, die Kanzlerin ist da. Sie kommt bestimmt gleich. Das sind die schlimmsten Momente ... Ah, jetzt. Begrüßen wir ..." Weiter kommt sie nicht. Das Licht wird gedimmt, "Burning Heart" von Survivor dröhnt aus den Boxen. Cheerleaderinnen eines lokalen Footballteams wedeln mit ihren Pompons.

Indoor-Veranstaltungen vertragen offenbar deutlich mehr Inszenierung als Kundgebungen auf Marktplätzen. Oder liegt es am besonders knappen Rennen in Hessen? Dort wird am 22. September nicht nur der Bundestag, sondern auch ein neuer Landtag gewählt. Rot-Grün mit SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel schickt sich an, Bouffiers schwarz-gelbe Regierung abzulösen. Die CDU arbeitet mit Vehemenz dagegen an. "Wir wollen Volker", steht auf Spruchbändern, die etwas zu professionell wirken, um spontane Sympathiebekundungen zu sein. Auf der Bühne wird ein Wahlkampf-Motiv mit ihm eingeblendet, darüber der Slogan: "Hessen bleibt locker!" Bouffier darf sogleich in einer Rede erklären, warum er ein so lockerer Typ ist.

Merkel will keinen Veggie-Day

Hessen sei stark und lebenswert, aber Hessen müsse sich auch anstrengen, sagt Bouffier. "Aber nicht verbiestert, sondern mit einer gewissen Gelassenheit." Indirekt stellt er die Konkurrenz als Rohrstock schwingende Oberlehrer da. "Wir wollen kein Schul-Regime", sagt Bouffier. "Wir geben Chancen, nicht Vorschriften."

Er will Zeit sparen, deshalb jetzt Stakkato: "Hessen. Stark. Muss stark bleiben. Deshalb CDU wählen", sagt er. Für Deutschland gelte dasselbe. Und jetzt: Merkel. Die spricht diesmal nicht über Karneval, sondern gleich über die Grünen. Das angebliche Fleisch-Verbot, der Veggie-Day, das Publikum johlt. "Wir sind eine Partei, die sich darüber freut, dass die Menschen verschieden sind."

Die Rede ist ziemlich baugleich mit der, die sie mittags in Bonn gehalten hat. Mit abgewandelter Reihenfolge und etwas stärkerer Betonung sozialer Themen. Der Applaus ist dafür länger. Und als er zu Ende ist, halten viele Zuschauer auch die Veranstaltung für beendet. Das ist blöd für Franz Josef Jung, den ehemaligen Verteidigungsminister, der auch noch ein bisschen kämpferisch sein will. Und es stört auch das obligatorische Singen der Nationalhymne.

Merkel nimmt anschließend nicht wieder im Bus Platz, für die Kanzlerin sind andere Verkehrsmittel vorgesehen. Der Wahlkampf-Tag ist für sie beendet. Der Wahlkampf allerdings noch lange nicht.