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Kanzlerin auf Wahlkampf-Tour:Ein Tag mit der Königin

CDU-Wahlkampf in Hessen

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier heute in Wiesbaden.

(Foto: dpa)

Zwei Sitzplätze nur für sie im Wahlkampfbus, Häppchen kurz vor Wiesbaden. Zwei Reden aus dem Baukasten, einmal Klartext zwischendurch. Angela Merkel ist auf Wahlkampftour, von Nordrhein-Westfalen nach Hessen. Ein Tag mit der Kanzlerin, eine Reportage in drei Episoden.

Es rollt jetzt die zweite Welle. So nennen das die Wahlkampf-Strategen. Die CDU setzt auf TV-Spots, mit Kanzlerin Angela Merkel in Großaufnahme, Merkel als Königin von Deutschland. Dazu kommen: Plakate und Termine, viele Termine. Donnerstag im Harz, Freitag in Nordrhein-Westfalen, am Samstag weiter nach Hessen. Die Königin durchreist ihr Land. Wir haben sie begleitet, einen Tag lang. Von Bonn bis Wiesbaden.

Bonn

"Nur noch kurz die Welt retten", spielt die Band. Und dann: "Simply the best". Darunter macht es die CDU nicht. Nicht in Bonn. Die "Bundesstadt", wie jeder CDU-Direktkandidat auf der Bühne ins Mikrofon sagt. "Das zweite bundespolitische Zentrum", wie der CDU-Landesvorsitzende Armin Laschet sagt. Die alte Hauptstadt müsse erhalten und "weiter etabliert" bleiben. Schließlich sei Konrad Adenauer von hier. Und überhaupt.

Stolzes Bonn, "das Tor in die Welt" (Laschet). Stolzes Rheinland. Die Kanzlerin soll auf dem zur Hälfte gefüllten Marktplatz erst mal erzählen, wie das war, damals, als sie in Bonn-Muffendorf gewohnt hat, als Bundesumweltministerin unter Helmut Kohl. "Wunderbar, eine Wohnung am Hang gelegen, ich war sehr gerne dort", sagt Merkel. Nur im Karneval, da sei sie gerne an die Ostsee gefahren. Gelächter im Publikum.

Auch das Haus der Geschichte muss noch gewürdigt werden. Ob Merkel schon wisse, was sie aus ihrer Amtszeit dort ausstellen wolle, fragt die Moderatorin? Die Kanzlerin: "Ich arbeite an der Zukunft, nicht an meiner Geschichte."

Das Lokalkolorit zieht sich bis in ihre Rede. Sie sei ja zuletzt im Münsterland und im Ruhrgebiet gewesen, "da drängte es jetzt, auch ins Rheinland zu fahren". Bonn habe "diese Bundesrepublik ganz stark geprägt. Bonn ist ein wichtiger Teil unserer Regierungsarbeit."

"Danke, dass Sie ausharren"

German Chancellor and CDU head Merkel holds university Bonn pullover after a CDU election campaign event in Bonn

In Bonn bekommt sie einen Kapuzenpulli der Universität geschenkt.

(Foto: REUTERS)

Dann kommt der Standard-Teil der Rede, den sie überall halten kann. Der mit ein paar Bausteinen auskommt. Ein bisschen Attacke. Ein Seitenhieb auf die Grünen und ihre Idee eines "Veggie-Day". Vegetarische Gerichte seien gut, aber die Menschen sollten selbst entscheiden dürfen. Ein bisschen Mahnung: "Heute darf ich Ihnen berichten, dass noch nicht alles in Ordnung ist." Es geht um die Eurokrise. Aber die Banken hätten jetzt mehr Kapital, es gebe internationale Vereinbarungen, Finanzminister Wolfgang Schäuble sei da ein Vorreiter. Jetzt seien die Schattenbanken dran. Ein bisschen: "Dafür werden wir kämpfen."

Es beginnt zu regnen. Die Bonner halten sich die "Angie"-Plakate über den Kopf, zum Schutz. "Danke, dass Sie ausharren", sagt Merkel. Sie rattert positive Arbeitsmarktzahlen herunter, verspricht Investitionen in Bildung und Forschung. Schneidet das Thema Europa an, "als Garant, dass es seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr gibt. Die Älteren wissen, was das für ein Schatz ist. Wir haben Pressefreiheit, wir haben Religionsfreiheit." Und den Euro, den haben wir auch.

Ein bisschen Nostalgie, ein bisschen "Weiter so." Den Weg nicht verlassen, "sondern ihn weitergehen." CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe steht neben ihr und wischt auf seinem Smartphone, schließlich verlässt er die Bühne. Merkel legt noch ein bisschen Attacke nach: Die SPD sei noch immer mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. Ihre geplanten Steuererhöhungen seien falsch.

Schlussteil: "Wenn Sie finden, dass wir ein gutes Angebot für Sie haben, dann machen Sie ihr Kreuz bei uns. Beide Stimmen für die CDU, herzlichen Dank fürs Kommen, und gehen Sie zur Wahl." Applaus. Abschiedsgeschenke: Ein dicker Pullover, natürlich aus Bonn, und Kunstkarten, von Bonner Künstlern. Mitarbeiter nehmen ihr das ab. Der Bus wartet, der Motor läuft. Ein Platz in der Mitte ist für Merkel reserviert. Sie ist kaum eingestiegen, da geht die Reise weiter. Nächster Halt: Wiesbaden.

Angela Merkel

Von "Kohls Mädchen" zur Dauerkanzlerin

Häppchen und Klartext

Der Bus der Kanzlerin

Der Wahlkampf-Bus der Kanzlerin ist ein Modell der gehobenen Sorte, ausgerüstet für lange Fahrten. 22 Grad Innentemperatur, blaue LED-Lichtbänder. Leder-Applikationen, Holzimitat auf dem Boden. Eine Lautsprecheranlage, mit Stativen und Stahlseilen gesichert. Zwei Kühlboxen mit Häppchen und Getränken in den hinteren Sitzreihen.

Merkel hat zwei Sitzplätze für sich, als einzige im Bus. Ein Journalist steht die ganze Fahrt über im Gang. Merkel äußert ihre Sorge um sein Wohlbefinden, aber er wehrt ab.

Was im Bus gesagt wird, ist "unter drei", also nur für den Hinterkopf der gut 30 mitgereisten Journalisten. Zitiert werden darf Merkel nicht. Das ist so üblich, aber auch ein bisschen eigenartig. Und schade. Eigenartig, weil Merkel off the record gar nicht viel anders klingt als Merkel on the record. Schade, weil Merkel sehr schlagfertig ist.

Merkel will nur eine Stunde Fragen beantworten, aber dann werden es doch eineinhalb. Erst kurz vor Wiesbaden ist alles geklärt. Dann die Häppchen. Dann raus aus dem Bus und rauf auf die Bühne. Der Filter ist dann wieder eingeschaltet.

Pompons in Wiesbaden

Sogar das Aussteigen aus dem Bus ist choreografiert. Merkel geht wenige Schritte, nimmt dann zunächst den kleinen Jungen in Empfang. Er trägt ein Manchester-United-Trikot, in der Hand eine Blume für Merkel. Erst dann begrüßt die Kanzlerin Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin, und Volker Bouffier, den Ministerpräsidenten. Dann kurzer Stopp. Erinnerungs-Fotos mit der Jungen Union. Und Spannung aufbauen.

In der Rhein-Main-Halle warten 2300 Menschen auf Merkel. Die Moderatorin auf der Bühne hat keinen leichten Job: "Ich höre, die Kanzlerin ist da. Sie kommt bestimmt gleich. Das sind die schlimmsten Momente ... Ah, jetzt. Begrüßen wir ..." Weiter kommt sie nicht. Das Licht wird gedimmt, "Burning Heart" von Survivor dröhnt aus den Boxen. Cheerleaderinnen eines lokalen Footballteams wedeln mit ihren Pompons.

Indoor-Veranstaltungen vertragen offenbar deutlich mehr Inszenierung als Kundgebungen auf Marktplätzen. Oder liegt es am besonders knappen Rennen in Hessen? Dort wird am 22. September nicht nur der Bundestag, sondern auch ein neuer Landtag gewählt. Rot-Grün mit SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel schickt sich an, Bouffiers schwarz-gelbe Regierung abzulösen. Die CDU arbeitet mit Vehemenz dagegen an. "Wir wollen Volker", steht auf Spruchbändern, die etwas zu professionell wirken, um spontane Sympathiebekundungen zu sein. Auf der Bühne wird ein Wahlkampf-Motiv mit ihm eingeblendet, darüber der Slogan: "Hessen bleibt locker!" Bouffier darf sogleich in einer Rede erklären, warum er ein so lockerer Typ ist.

Merkel will keinen Veggie-Day

Hessen sei stark und lebenswert, aber Hessen müsse sich auch anstrengen, sagt Bouffier. "Aber nicht verbiestert, sondern mit einer gewissen Gelassenheit." Indirekt stellt er die Konkurrenz als Rohrstock schwingende Oberlehrer da. "Wir wollen kein Schul-Regime", sagt Bouffier. "Wir geben Chancen, nicht Vorschriften."

Er will Zeit sparen, deshalb jetzt Stakkato: "Hessen. Stark. Muss stark bleiben. Deshalb CDU wählen", sagt er. Für Deutschland gelte dasselbe. Und jetzt: Merkel. Die spricht diesmal nicht über Karneval, sondern gleich über die Grünen. Das angebliche Fleisch-Verbot, der Veggie-Day, das Publikum johlt. "Wir sind eine Partei, die sich darüber freut, dass die Menschen verschieden sind."

Die Rede ist ziemlich baugleich mit der, die sie mittags in Bonn gehalten hat. Mit abgewandelter Reihenfolge und etwas stärkerer Betonung sozialer Themen. Der Applaus ist dafür länger. Und als er zu Ende ist, halten viele Zuschauer auch die Veranstaltung für beendet. Das ist blöd für Franz Josef Jung, den ehemaligen Verteidigungsminister, der auch noch ein bisschen kämpferisch sein will. Und es stört auch das obligatorische Singen der Nationalhymne.

Merkel nimmt anschließend nicht wieder im Bus Platz, für die Kanzlerin sind andere Verkehrsmittel vorgesehen. Der Wahlkampf-Tag ist für sie beendet. Der Wahlkampf allerdings noch lange nicht.