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Migration:Die Kanaren werden zu Europas Vorhölle

Migranten auf den Kanaren

Ein Holzboot, mit dem Flüchtlinge aus Marokko über den Atlantischen Ozean gefahren sind, liegt an der Küste der Kanarischen Inseln.

(Foto: Javier Bauluz/dpa)

Hunderte Bootsflüchtlinge kommen in diesen Tagen auf den spanischen Inseln im Atlantik an. Sie wollen ins sichere Europa, doch sie werden einfach auf den Kanaren abgeladen und vergessen.

Kommentar von Karin Janker

Rund 1000 Kilometer liegen zwischen den kanarischen Inseln und dem spanischen Festland. 1000 Kilometer, die es Europa allzu leicht machen, die Kanaren zu vergessen, wenn nicht gerade Urlaubssaison ist. Woche für Woche kommen dort derzeit wieder Hunderte Bootsflüchtlinge an. Sie kommen in schwimmenden Nussschalen, die einst Fischerboote waren. Sie wollen nach Europa, doch sie landen in einer Vorhölle, die Europa ihnen bereitet.

Die Situation vor den Kanaren ist anders als im Mittelmeer: Einerseits kreuzt hier - noch - die spanische Küstenwache und holt Menschen an Land, ehe sie aufs offene Meer und in den sicheren Tod treiben würden. Der spanische Staat tut, was im Mittelmeer inzwischen vorrangig private NGOs erledigen: auf offener See Leben retten. Andererseits ist die Route von Marokko und Mauretanien aus auf die Kanaren trotzdem ungleich gefährlicher als die Flucht übers Mittelmeer. Laut Vereinten Nationen stirbt hier jeder 16. Bootsflüchtling. Immer wieder findet die Küstenwache leere Boote, die Toten im Atlantik vermag niemand zu zählen.

Diejenigen, die ankommen und überleben, werden Teil von Europas Abschreckungsstrategie. Tagelang lässt man sie auf der Hafenmole kauern, kein Journalist darf sich ihnen nähern. Auf der Inselgruppe, die Jahr für Jahr 14 Millionen internationale Touristen beherbergt, fehlen offenbar Möglichkeiten, ein paar Tausend Menschen unterzubringen. Die einst errichteten Migrationszentren auf den Inseln sind baufällig und geschlossen.

Die lokalen Politiker fühlen sich alleingelassen und fürchten, dass die Kanaren zu Europas "neuen Gefängnisinseln" werden könnten. Sie fürchten zu Recht. Denn 1000 Kilometer Entfernung machen das Wegsehen leicht. Arguineguín auf Gran Canaria droht bald in einer Reihe mit Moria und Lampedusa zu stehen. Der Hafen ist zu einem Abladeplatz für Menschen geworden.

© SZ
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