Streit um inhaftierte Aktivistin Welche Folgen die saudischen Strafmaßnahmen für Kanada haben

Bisher exportiert Kanada pro Jahr Waren im Wert von knapp vier Milliarden US-Dollar nach Saudi-Arabien, wovon die Radpanzer einen erheblichen Teil ausmachen. Zum Vergleich: Im Handel mit den USA ist diese Summe nach nur zwei Tagen erreicht. Allzu hart trifft das Einfrieren der Handelsbeziehungen das Land also nicht; die Importe von saudischem Rohöl machen weniger als zehn Prozent des Gesamtvolumens aus und sind nach Expertenmeinung leicht zu ersetzen.

Dass die staatliche Fluglinie Saudia vom 13. August an Toronto nicht mehr direkt ansteuert, dürfte vielen der 36 Millionen Kanadier egal sein. Auch die Meldung, dass die saudische Zentralbank kanadische Wertpapiere abstoße, sorgte im Finanzzentrum Toronto für wenig Aufregung.

Dass mindestens 16 000 saudische Studenten, deren Ausbildung vom Königreich finanziert wird, ihre Studien anderswo fortsetzen sollen, könnte allerdings Auswirkungen auf das Budget mancher Hochschulen haben: Die Saudis zahlen oft den Höchstsatz von etwa 60 000 US-Dollar und bringen Angehörige mit, die ebenfalls Geld ausgeben. Mittelfristig müssen wohl auch die 800 saudischen Ärzte ausreisen, die momentan hier ihre medizinische Fachausbildung absolvieren - auch hierfür übernahm das Königreich bisher die Kosten von etwa 80 000 US-Dollar pro Person.

Es droht zumindest kurzfristig ein Mangel an Fachkräften: "Die saudischen Mediziner leisten einen ganz wichtigen Anteil, um die Patienten hier in Ontario zu versorgen", sagte die Ärztin Caroline Just dem Toronto Star. Zuletzt meldete die staatliche Nachrichtenagentur Spa, dass die Programme mit Kanada zur medizinischen Behandlung von saudischen Staatsbürgern gestoppt worden seien. Die Patienten würden von Krankenhäusern in anderen Ländern aufgenommen.

"Washington Post" fordert Trump auf, Kanada zu unterstützen

Die internationalen Reaktionen auf den diplomatischen Streit fallen wenig überraschend aus. Wahrend sich die arabischen Staaten hinter Riad stellen und Saudi-Arabien auch von Russland unterstützt wird (Kanadas Außenministerin Freeland ist seit Jahren eine ausgewiesene Putin-Kritikerin und steht auf der Sanktionsliste des Kreml), schweigen die meisten westlichen Regierungen - darunter auch die Bundesregierung - bislang und verteidigen Ottawa nicht.

Angesichts des angespannten bilateralen Verhältnisses zwischen US-Präsident Donald Trump und Kanadas Premier Trudeau hatte man in Kanada gespannt auf die Reaktion aus Washington gewartet. Dort hieß es dann, beide Seiten müssten das Problem gemeinsam auf diplomatische Weise lösen. "Wir können das nicht für sie tun", teilte Heather Nauert mit, die Sprecherin des US-Außenministeriums.

Ähnlich wie die wichtigsten kanadischen Medien lobt auch die Washington Post die Standfestigkeit der Trudeau-Regierung. Sie erkenne, dass Demokratie und Meinungsfreiheit universale Werte seien. Es sei positiv, dass Ottawa nicht davor zurückschrecke, die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien anzusprechen - und dass man bereit sei, dafür einen Preis zu zahlen. In einem Leitartikel, der auch auf Arabisch veröffentlicht wurde, forderte die Zeitung die eigene Regierung und andere Demokratien auf, Kanada nicht im Stich zu lassen.

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