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Kampfzone Weltraum:Zu Lande, zu Wasser, in der Luft. Und im All

Die Nato-Staaten sind sich einig: Wenn sie sich vor Angriffen schützen sollen, müssen sie auch im Orbit aktiv sein. Nur wie?

Von Matthias Kolb

Die Sorgen waren groß, als sich die Staats- und Regierungschefs der Nato im Dezember 2019 in London trafen. Würde Donald Trump erneut mit dem Ausstieg der USA aus dem Bündnis drohen oder die "Hirntod"-Analyse von Emmanuel Macron zum Eklat führen? Der Streit blieb aus, die seltene Harmonie beherrschte die Berichterstattung. Daher fand Artikel 6 der Abschlusserklärung kaum Beachtung: Man erklärte den Weltraum zum eigenständigen Operationsgebiet. Dieser werde für die eigene Sicherheit und die Abwehr von "Sicherheitsherausforderungen" immer wichtiger.

Ohne Satelliten würde der Alltag moderner Gesellschaften kollabieren. Sie werden für Bankgeschäfte und Logistik ebenso benötigt wie für Mobiltelefone oder Wettervorhersage. Etwa 2400 Satelliten kreisen um den Erdball, etwa 60 Prozent gehören den 30 Nato-Staaten oder dort ansässigen Firmen. Hinzu kommen gut eine halbe Million Teile an Weltraumschrott, die zur Bedrohung werden. Für Armeen sind Satelliten ebenfalls unabdingbar: Für Kommunikation, Aufklärung und Einsatzplanung ebenso wie zur Überwachung der gegnerischen Fähigkeiten, des Erkennens von Raketenstarts oder für die Raketenabwehr.

Noch vor dem Londoner Gipfel hatten viele Nato-Mitglieder ihre Investitionen erhöht. Der Weltraum sei ein "neuer Bereich der Konfrontation", sagte Frankreichs Präsident Macron im Juli 2019 und kündigte den Aufbau eines militärischen Weltraumkommandos an. Trump hat die "United States Space Force" als sechste US-Teilstreitkraft gründen lassen, zudem bauen China, Indien oder Russland ihre Fähigkeiten aus. Alle drei haben schon erfolgreich Raketen auf Satelliten abgefeuert. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnt vor einer "Militarisierung des Weltraums", welche die Allianz ablehne. Dennoch: "Ich erwarte, dass die Verteidigungsminister zustimmen werden, ein neues Weltraum-Zentrum in Ramstein einzurichten", sagte er der SZ vor deren Treffen am nächsten Donnerstag. In dem Zentrum in Rheinland-Pfalz, das an das Luftwaffen-Hauptquartier der Nato angedockt ist, sollen möglichst bald Informationen geteilt und Aktivitäten koordiniert werden.

Erfahrungen mit Satelliten hat die Nato: Über Jahrzehnte unterhielt sie 23 Bodenstationen zur Kommunikation zwischen den Alliierten. Bald soll es nur noch vier geben, in Griechenland, der Türkei, Italien und Belgien.

Die Anlage in Kester in Flandern ist die modernste und rund um die Uhr besetzt. Wer hinein will, muss zwei Reihen Stacheldraht sowie schwere Tore passieren. Was aussieht wie vier riesige Golfbälle, sind durch Kevlar geschützte Antennen. Zwei sind elf Meter lang, die anderen 16 Meter, über sie laufen 40 Prozent der Daten, die etwa von den Nato-Kommandeuren in Afghanistan ans Hauptquartier in Mons geschickt werden. Die Kevlar-Hüllen bewirken, dass niemand die Ausrichtung der Antennen erkennen kann.

"Die Informationen sind verschlüsselt, wir leiten sie nur weiter", sagt Kevin Scheid von der Nato-Informationsagentur NCIA. Die Allianz sei Dienstleister, sie besitze keine Satelliten und wolle auch keine kaufen. Im Februar schloss die Nato einen Vertrag mit den USA, Italien, Großbritannien und Frankreich, deren Satelliten 15 Jahre lang entsprechende Bandbreiten bereitstellen. Die Bodenstation in Kester ist für alle Ernstfälle gerüstet: Diesel-Generatoren können sie 90 Tage betreiben. Während die Nato die Daten-Verschlüsselung finanziert, sind es die Mitglieder, die ihre Satelliten verstärken und vor Angriffen schützen müssen.

Die Allianz will auch ein Exzellenz-Zentrum einrichten, in dem zum Weltraum geforscht werden soll. Eine ähnliche Denkfabrik existiert in der estnischen Hauptstadt Tallinn, dort geht es um Cyberabwehr. 2016 hatte die Nato den Cyberspace zum Einsatzgebiet erklärt. Seither sind Hackerangriffe oft Bestandteil von Übungen, in den Szenarien dürfte es bald um beschädigte Satelliten und die Folgen daraus gehen. Experten diskutieren bereits, ob die Beistandspflicht nach Artikel 5 des Nato-Vertrags gelten würde, falls der Satellit eines Mitgliedslands von einem Gegner zerstört würde. Aus der Nato heißt es, so etwas würde "im Einzelfall" geprüft werden.

Frank Rose, der sich in der Obama-Regierung um Rüstungskontrolle kümmerte, vermutet, dass Russland in einem Konflikt mit der Nato Satelliten angreifen würde. Er ruft Washington auf, mehr auf Diplomatie zu setzen, um die Verbündeten zu überzeugen: Außer Frankreich und Großbritannien hätten die Europäer große Probleme, über den Einsatz von Weltraumwaffen nachzudenken. Die Bundeswehr hat gerade ihr Weltraumoperationszentrum eröffnet. An offensive Fähigkeiten werde nicht gedacht, sagt der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz: "Es geht hier nicht um Weltraumwaffen, sondern darum, das zu schützen, was wir im Weltraum haben."

© SZ vom 19.10.2020
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