Süddeutsche Zeitung

Kampf um Syriens Wirtschaftsmetropole Aleppo:Wo die entscheidende Schlacht geschlagen wird

Kämpfer der Opposition sehen das syrische Regime vor dem Kollaps, Staatsmedien melden einen Triumph über die Rebellen. Der Schwebezustand in Aleppo bedeutet jedoch vor allem für die Menschen eine grausame Verschlechterung der Versorgungslage. Doch beide Seiten werden den Kampf verbissen weiterführen.

Sonja Zekri, Kairo

Der Kampf um Aleppo ist weiterhin unentschieden, die Lage kaum zu erfassen. Sowohl die Regierung als auch die syrischen Aufständischen behaupten, sie kontrollierten das strategisch wichtige Viertel Salah al-Din im Südwesten der Stadt, dessen Ausfallstraße Aleppo mit Damaskus verbindet. Aufständische beharren darauf, dass die Regierungstruppen bislang nur das angrenzende Viertel Hamdanija gestürmt hätten, Salah al-Din sei in der Hand der Oppositionellen. Syrische Staatsmedien hingegen melden triumphierend, Salah al-Din sei von Kämpfern "gesäubert".

Für die Einwohner Aleppos bedeutet der Schwebezustand vor allem eine dramatische Verschlechterung der Versorgung. Journalisten und Anwohner berichten von Schlangen vor Brotläden und leeren Märkten - und dies im Fastenmonat Ramadan, bei dem das Fastenbrechen traditionell mit einem ausgiebigen Festmahl begangen wird. Strom und Wasser immerhin seien selbst in manchen umkämpften Stadtteilen noch vorhanden, melden Agenturen.

Offenbar rechne die Regierung in Damaskus damit, dass sie bald zurückkehre. Zehntausende Anwohner wollen nicht so lange warten. Nach UN-Angaben flohen seit Ausbruch der Kämpfe am Wochenende mehr als 200 000 Menschen aus der bevölkerungsreichsten Stadt nach Damaskus.

Dennoch und trotz hoher Verluste geben sich die Aufständischen entschlossen, Aleppo zu halten. Eine Reuters-Journalistin zitiert einen Kämpfer namens Mohammed mit den Worten: "Wir wussten immer, dass Aleppo zum Grab des Regimes werden würde. Damaskus ist die Hauptstadt, aber hier leben ein Viertel der Einwohner des Landes und die gesamte Wirtschaftsmacht." Abdul Saleh, der Kommandeur der Tawhid-Brigade, einer der größten Rebelleneinheiten in Damaskus, sagte der BBC, mit dem Fall Aleppos werde das Regime von Baschar al-Assad kollabieren. Zwar gab er zu, dass die Panzer der Regierung nur zwei Kilometer entfernt stünden, aber: "Selbst wenn wir diesen Kampf verlieren, kontrollieren wir das Land."

Aus der Rebellenhochburg Homs in Zentralsyrien mussten sich die Kämpfer nach Wochen schwerer Gefechte zurückziehen. Auch den Sturm der Hauptstadt Damaskus schlugen Regierungstruppen bis auf weiteres zurück. Aleppo aber, die Händlerstadt, die lange als Hochburg sunnitischer Assad-Profiteure und Regimestützen galt, wäre nicht nur ein mindestens so symbolhafter Gewinn wie die Hauptstadt selbst.

Konvoi der UN-Beobachter beschossen

Auch die Umstände sind weit günstiger. Anders als in Homs und Damaskus halten die Kämpfer weite Gebiete des Hinterlands von Aleppo, jenen gerade 50 Kilometer breiten Streifen bis zur türkischen Grenze. Am Montagmorgen nahmen die Kämpfer nach eigenen Angaben den Kontrollposten Anadan nördlich der Stadt ein. Ein Video im Internet, dessen Echtheit nicht zu überprüfen ist, soll die letzten Schüsse im Morgengrauen zeigen.

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte vergangene Woche nach dem überraschenden Vorstoß der Rebellen nach Damaskus gesagt, die Dynamik zugunsten der Aufständischen sei nicht mehr umzukehren. Sie kontrollierten immer mehr Territorium und dies werde schließlich dazu führen, dass eine Sicherheitszone, ein "safe haven", in Syrien entstehen könne, der als "Basis für weitere Operationen der Opposition" dienen werde. Eben dies, eine Pufferzone von der türkischen Grenze bis tief ins syrische Kernland, haben die Aufständischen seit Monaten gefordert. Trotz fortgesetzter Angriffe der weit überlegenen Armee mit Hubschraubern bemühen sie sich deshalb verbissen, Assads Panzer von der Innenstadt Aleppos fernzuhalten.

Mehr als ein symbolischer Sieg wäre Aleppo ein strategischer Triumph. Es wäre Syriens Bengasi, denn so wie in Libyen die Rebellenhochburg im Osten als Rückzugsort und Aufmarschplatz, als Gegenentwurf zum Regime, aber auch als Anlaufstelle für internationale Hilfe gedient hatte, dürfte mit der Kontrolle über einen zusammenhängenden Landstrich durch die syrischen Rebellen die internationale Hilfe offensiver werden.

US-Verteidigungsminister Leon Panetta nannte den Einsatz schwerer Waffen durch die syrische Armee gegen die Aufständischen "Assads Sargnagel". Wie am Montagabend bekannt wurde, ist ein Konvoi des Chefs der UN-Beobachter von Panzern der Regierungstruppen am Sonntag beschossen worden. "Zum Glück gab es keine Verletzten", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Nur die Panzerung der UN-Fahrzeuge habe Schlimmeres verhindert.

Nachrichtenagenturen berichten, die Türkei sowie Saudi-Arabien und Katar hätten in der türkischen Stadt Adana ein geheimes Zentrum eingerichtet, um den Nachschub an Medikamenten, Geld und Waffen für die Rebellen zu koordinieren. Zwar sind Assads höchste Generäle nach wie vor loyal, doch blutet das Regime in den unteren Rängen aus: In der Nacht zu Montag flohen zwölf Offiziere in die Türkei. Zudem wandte sich der Geschäftsträger der Botschaft in London, Chalid al-Ajubi, nach Angaben des britischen Außenministeriums vom Regime ab.

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SZ vom 31.07.2012/mkoh
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