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Kampf um Kobanê:UN-Gesandter warnt vor Massaker wie in Srebrenica

Staffan di Mistura zeigt eine Karte der Frontlinie in Kobanê.

(Foto: AFP)
  • Die Lage in der syrisch-türkischen Grenzstadt Kobanê spitzt sich zu. Der Gesandte der Vereinten Nationen warnt vor einem Blutbad wie im bosnischen Srebrenica.
  • Die Terrormiliz IS soll die Kommandonzentrale der kurdischen Streitkräfte eingenommen und einen Grenzübergang beschossen haben.
  • Unter den Kurden wächst die Wut auf die türkische Regierung. Bei Protesten starben zahlreiche Menschen.
  • Die USA wollen nun im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) stärker mit Ankara kooperieren. US-Kampfflugzeuge setzen ihre Angriffe in der Krisenregion fort.

"Erinnern Sie sich an Srebrenica?"

Um Kobanê (Ain al-Arab) wird immer heftiger gekämpft. Mit drastischen Worten hat der UN-Beauftragte für Syrien, Staffan di Mistura, jetzt in Genf an die Türkei appelliert, die Grenze für kurdische Kämpfer zu öffnen, damit diese die Stadt verteidigen könnten. Außerdem sollten kurdische Flüchtlinge in der Region in die Türkei einreisen können. Di Mistura warnte vor einem Massaker an den verbliebenen Einwohnern in der Kurdenstadt Kobanê: "Erinnern Sie sich an Srebrenica? Wir schon", sagte di Mistura. Bei dem Massaker in der muslimischen bosnischen Enklave waren 1995 etwa 8000 muslimische Jungen und Männer getötet worden.

In Kobanê seien immer noch zwischen 500 und 700 Zivilisten, sagte di Mistura - überwiegend alte Menschen. Neben den Einwohnern Kobanês befänden sich noch zwischen 10 000 und 13 000 Menschen im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei. Der Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP, Besir Atalay, sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu, außer "kurdischen Militanten" halte sich niemand mehr in Kobanê auf. Alle Zivilisten seien in die Türkei geflohen.

IS erobert Militärhauptquartier

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat unterdessen offenbar auch die Kommandozentrale der kurdischen Streitkräfte erobert. Das berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Diese Angaben sind von unabhängiger Stelle aktuell nicht zu überprüfen. Die Kämpfer hätten inzwischen fast das gesamte Regierungsviertel mit den Gebäuden der kurdischen Regionalregierung und mindestens 40 Prozent des gesamten Stadtgebiets unter ihre Kontrolle gebracht, hieß es. Der Vize-Kommandeur der kurdischen Kämpfer, Öcalan Iso, widersprach dieser Darstellung.

Kurdische Aktivisten berichteten außerdem, dass die Terrormiliz mit massiven Angriffen auf eine Verbindungsstraße zur türkischen Grenze begonnen zu habe, um die Stadt gänzlich von der Außenwelt abzuschneiden.

Tote und Verletzte bei prokurdischen Demonstrationen

Auf der anderen Seite der Grenze, in der Türkei, kommt es in zahlreichen Städten weiterhin zu prokurdischen Demonstrationen. Seit deren Beginn am Montag sind nach Regierungsangaben mindestens 31 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 360 weitere seien bei den gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei verletzt worden, sagte Innenminister Efkan Ala. Die Demonstranten werfen der Regierung in Ankara Untätigkeit angesichts der Kämpfe um die syrische Kurdenstadt Kobanê durch IS vor. Auch in Deutschland werden nach den Freitagsgebeten erneut Auseinandersetzungen zwischen Kurden und IS-Anhängern erwartet. In Kassel besetzten kurdische Aktivisten kurzzeitig die SPD-Zentrale in Kassel.

Ankara und Washington verhandeln über Kooperation

Die US-Regierung will ihre Zusammenarbeit mit der Türkei im Kampf gegen den IS verstärken. Außenamtssprecherin Jennifer Psaki teilte mit, in der kommenden Woche werde sich eine US-Militärdelegation nach Ankara begeben, um die bereits begonnenen Gespräche über den gemeinsamen Kampf gegen den IS fortzusetzen. Verteidigungsminister Chuck Hagel zufolge sollen Flugzeuge des US-Militärs auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik stationiert werden. Außerdem soll Ankara moderate syrische Rebellen ausrüsten und trainieren.

Die US-Regierung hält den Einsatz "kompetenter" Einheiten am Boden für unerlässlich. Es gebe fortlaufende Gespräche über die Rolle der Türkei in dem Kampf, sagte Psaki. Es gehe derzeit aber nicht darum, an die Türkei "Forderungen zu stellen". Damit reagiert die US-Regierung auf Medienberichte der vergangenen Tage, denen zufolge in Washington der Unmut über die Untätigkeit Ankaras wächst. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu betonte, es sei "nicht realistisch", dass die Türkei "allein eine Bodenoperation" ausführe.

Neun IS-Ziele bombadiert

Die USA haben erneut Stellungen der Extremisten rund um Kobanê aus der Luft bombardiert. Die Luftwaffe habe sechs Angriffe auf Ziele der Dschihadisten südlich und drei weitere auf IS-Einheiten im Umland der syrisch-kurdischen Stadt geflogen, teilten die amerikanischen Streitkräfte in der Nacht mit. Bereits am Donnerstag flogen sie 14 Luftangriffe in der Gegend.

© SZ.de/AFP/dpa/Reuters/sebi/sks/zoch

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