Süddeutsche Zeitung

Kampf um den CDU-Vorsitz:Die Kraft des Zweifels

Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn? Auf der ersten Regionalkonferenz zeigt sich: Es ist ein offenes Rennen um den Posten des Parteivorsitzes. Und das tut den Christdemokraten nur gut.

Natürlich hat Jens Spahn keine Chance, aber er nutzt sie. Er nutzt sie, um das Image des unzuverlässigen Springginkels abzuschütteln. Er nutzt sie, um zum Anführer des liberalkonservativen Lagers in der CDU zu werden. Für Spahn ist die Kandidatur ein Teil seines Programms für die kommenden Jahre: Beliebt muss ich noch werden.

Von seinen Konkurrenten Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer wird einer Sieger und einer Verlierer sein im Kampf um den Parteivorsitz. Spahn wird auf jeden Fall Gewinner sein; das steht schon fest. Er hat also im laufenden Wettbewerb nichts zu verlieren. Eigentlich kämpft er nicht um den Vorsitz der CDU; er kämpft um seinen Rang in der Partei. Mit jedem Auftritt bei einer der Regionalkonferenzen vergoldet er seine langfristigen Perspektiven. Er ist jung. Er hat die Zeit, die Merz nicht mehr hat.

Merz hat eine einmalige Chance für die Rückkehr nach ganz oben in der CDU - die ist jetzt. Er nutzt sie im Wissen, dass er abgenutzt ist, wenn er sie nicht realisieren kann. Das große Echo, das seine Kandidatur erfährt, zeigt ihm, dass er sich vor der ungeschriebenen Boxerregel "They never come back" nicht fürchten muss. Die Regel gilt ja schon im Boxen nicht. Eher muss sich Merz vor seinen Claqueuren fürchten: Er wird von Wirtschaftskreisen und ihren Kommunikatoren in einer so übertriebenen Weise als Weltökonom hofiert und gepriesen, dass es schon fast wieder lächerlich wirkt. Der Kandidat versucht das dadurch auszugleichen, dass er betont geerdet auftritt und die Schneidigkeit, die er einst gepflegt hat, wattiert.

Merz' Reichtum kann zu seinem Image des starken Mannes beitragen

Schaden ihm seine Millionen? Schaden ihm seine zwei Flugzeuge? Schadet ihm der private Reichtum? Das schadet ihm dann, wenn er hier weiter so rumdruckst, wie er das jüngst gemacht hat. Die Karriere, die er in seinen knapp zehn Jahren abseits der Politik machte, kann zu seinem Image des starken Mannes beitragen, der sich jetzt, mit neuer Erfahrung, wieder in die Politik wirft. Blackrock und der Erfolg in der Finanzwirtschaft können aber auch zum Mühlstein am Hals von Merz werden. Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie souverän und offensiv er mit sich, seinen Jahren in der Finanzwirtschaft und dem dort verdienten Geld umgeht.

Als starker Mann muss Merz nicht agieren. Den Ruf hat er, der Ruf trägt ihn, der hilft ihm, das kann ein Pfund sein beim Versuch der CDU, der AfD wieder Wähler wegzunehmen. Und wenn es im Wettbewerb innerhalb der Union darum geht, ob er oder Kramp-Karrenbauer einem CSU-Chef Söder besser Paroli bieten kann, dürften viele Christdemokraten eher an Merz denken. Aber auch die Freunde eines starken Mannes wollen einen ehrlichen und integren starken Mann. Jede Spur von Zweifel daran hilft Kramp-Karrenbauer.

Ihr Ruf und ihre Integrität sind untadelig. Merz hat einst die Politik verlassen, um viel Geld zu verdienen. Kramp-Karrenbauer hat den Sessel der Ministerpräsidentin verlassen, um der Partei zu dienen. Und sie hat etwas, das Merz nicht hat: umfangreiche Regierungserfahrung. Auffällig ist, wie sie jetzt eine Schneidigkeit in Fragen der inneren Sicherheit und der Migration zu entwickeln versucht. Das gehört zu ihrem Programm: Ich bin loyal zur Kanzlerin, aber keine Merkel II.

Die verborgene Agenda beider Favoriten heißt: Ich kann auch Kanzler. Es siegt, wer oder wem die Delegierten das zutrauen.

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SZ vom 17.11.2018/jael
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