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Kampf gegen Missbrauch:Opfer sexueller Gewalt haben eine Stimme bekommen

Christine Bergmann hat für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gekämpft. Auch wenn sie viele ihrer Vorschläge nicht oder nur teilweise durchsetzen konnten, eines hat die scheidende Bundesbeauftragte geschafft: Durch Bergmann haben die Opfern sexueller Gewalt eine Stimme bekommen.

Beauftragte der Bundesregierung gibt es für Migranten und Drogenabhängige, für Behinderte, Patienten und die Kultur. Meist stellen sie einmal im Jahr einen Bericht vor, über den dann das Fernsehen berichtet: Man müsste eigentlich mehr tun für die Integration und gegen Drogen, für die Kranken und für die Kultur.

Vorschau: Christine Bergmann beendet Amtszeit als Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung

Die ehemalige Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Christine Bergmann, hat den Opfern sexueller Gewalt geholfen, das Schweigen zu brechen.

(Foto: dapd)

Die Arbeit eines Beauftragten läuft also immer Gefahr, sich ins gut gemeint Rituelle zu verflüchtigen. Sie muss es aber nicht. Das hat die Arbeit von Christine Bergmann gezeigt, der unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Dabei ist auch bei ihr vieles Bruchstück geblieben. Christine Bergmann, deren Tätigkeit nun endet, ist nicht die Superfrau, die mit wehendem Umhang angeflogen kam und den Opfern sexueller Gewalt namhafte Entschädigungen erkämpfte.

Viele ihrer Vorschläge sind nicht oder nur unvollständig umgesetzt, sie selber hat das zum Abschied noch einmal gesagt: Es fehlen Beratungs- und Therapiemöglichkeiten, und noch immer ist die Geschichte sexueller Gewalt in Familien und Institutionen ungenügend aufgearbeitet. Bergmann hat auch nicht mit aufrüttelnder Rede die zähen Interessenskämpfe am Runden Tisch sexueller Missbrauch überwinden können.

Aber: Sie hat den Betroffenen eine Stimme gegeben. 22.000 Menschen haben ihre Leidensgeschichten erzählt. Das Schweigen ist gebrochen, die Scham der Opfer nimmt ab. Noch vor fünf Jahren wäre eine derart breite Debatte über Gewalt gegen Kinder und Jugendliche undenkbar gewesen. Jetzt ist sie da, und sie sollte auch nicht wieder verschwinden. Ein guter Grund, schnell eine starke Nachfolgerin, einen starken Nachfolger für Bergmann zu ernennen.

© SZ vom 26.10.2011/infu
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