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Kampf gegen die PKK:Ex-Armeechef zeichnet desaströses Bild des türkischen Militärs

Einheiten vergessen die Lage ihrer eigenen Minen, Truppenführer laufen davon, wenn der Feind naht: Ein dem türkischen Ex-Armeechef zugeschriebenes Tonband charakterisiert das Militär als Trupp von Dilettanten, der im Kampf gegen den PKK-Terror versagt. Die zweitgrößte Armee der Nato ist dabei, ihren Ruf als stolze und starke Streitmacht zu verlieren.

Die türkische Armee hat derzeit nichts zu lachen. Die Schlachten im Machtkampf mit der Regierung von Premier Tayyip Erdogan hat sie verloren. Jeder siebte ihrer hohen Offiziere sitzt wegen angeblicher Zugehörigkeit zu Verschwörerkreisen im Gefängnis. Der Rücktritt des kompletten Generalstabs Ende Juli - wohl gedacht als Fanal für alle Patrioten - löste kaum mehr als ein müdes Schulterzucken aus. Und nun ist die zweitgrößte Armee in der Nato dabei, nach dem politischen Einfluss auch noch das Letzte zu verlieren, was ihr geblieben war: ihren Ruf als stolze und starke Streitmacht.

Türkische Offiziere wegen Putschplänen im Verhör

Den Türken wird der Glaube an die "glorreiche türkische Armee" schon in der Schule eingeflößt. Doch die Reputation der Armee gerät ins Wanken.

(Foto: dpa)

Am Mittwoch diskutierte das Land über ein Tonband, das in der Nacht zuvor im Internet aufgetaucht war. Auf dem offensichtlich heimlich aufgenommenen Band ist angeblich der zurückgetretene Armeechef Isik Kosaner zu hören, der in einer vernichtenden Ansprache an andere Offiziere ein desaströses Bild der Armee zeichnet: Die Aufnahme beschreibt einen Trupp von Dilettanten, der im Kampf gegen den PKK-Terror versagt. Einheiten, die vergessen, wo sie Minen gelegt haben; Soldaten, die aus Versehen ihre Kameraden erschießen; Truppenführer, die bei Herannahen des Feindes ihre Waffen fallen lassen und davon laufen.

Die "bitteren Geständnisse" (so die Hürriyet) beherrschten die Titelseiten der Zeitungen am Mittwoch, die Authentizität der Aufnahmen wurde dabei kaum angezweifelt - dass in der Türkei auch die Spitzen von Politik und Armee selbst Opfer von Lauschattacken sind, wird hier resigniert als Tatsache hingenommen. Weder von Kosaner noch vom amtierenden Generalstab gab es bisher eine Stellungnahme. Manche vermuten regierungsnahe Kreise hinter den Lauschangriffen und ihrer Veröffentlichung.

Für die Türken, denen der Glaube an die "glorreiche türkische Armee", die Retterin der Republik, schon in der Schule eingeflößt wird, sind die Aufnahmen schockierend. Der Sprecher gesteht ein, was armeekritische Zeitungen schon früher enthüllt hatten: Bei einigen PKK-Angriffen wie bei jenem in Cukurca vor etwas mehr als einem Jahr sandten unbemannte Drohnen Live-Bilder von den herannahenden PKK-Kämpfern mehr als 15 Minuten vor dem Angriff in die Kommandozentralen der Armee - ohne dass diese ihre Soldaten gewarnt, geschweige denn unterstützt hatten. Sechs Soldaten starben deshalb allein in Cukurca.

"Das ist ein Skandal"

Der angebliche Kosaner nannte das in den Aufnahmen "beschämend" und machte dafür die nicht funktionierende Befehlskette und untrainierte Einheiten verantwortlich: "Wenn der Mann, den ich zum Einsatzleiter mache, seine Waffe fallen lässt und wegläuft, dann kommen wir nicht weiter ... Da kommen zwei Leute auf sie zu und schlagen 30 unserer Leute in die Flucht. Das ist ein Skandal."

Sodann wurden die Truppen dafür kritisiert, dass sie längst vergessen hätten, wo sie überall Minen verlegt haben, dafür, dass Soldaten anderen Soldaten "in den Kopf schießen", weil sie sie irrtümlich für Terroristen halten und generell für ihren Dilettantismus: Man habe regelmäßig große Einheiten in die Berge geschickt, "wo dann zehn Soldaten selbst auf eine Mine getreten sind, mit Fünfen sonstwas passierte und der Rest nichts fand." Die gute Nachricht: Seit einem Jahr arbeite die Armee "logischer". Die Stimme auf dem Band mahnt dann die Zuhörer, die Armee stehe mittlerweile unter Beobachtung der Medien. "Wir müssen von nun an alles, was wir tun, auf legaler Basis tun."

Die Aufnahmen standen nur kurz auf der Webseite dailymotion.com. Bevor sie heruntergenommen wurden, teilte der anonyme Informant mit, es gebe zwei weitere Aufnahmen mit Kosaner. Darauf spreche er auch über die Ergenekon-Prozesse und die Beziehungen des Militärs zu den Journalisten. Das Land wartet.