Kampf gegen den Islamischen Staat Kurdischer "Engel von Kobanê" ist ein Mythos

Eine junge Frau ist zur Heldin des kurdischen Widerstands geworden, weil sie im Kampf um die syrische Stadt Kobanê angeblich mehr als 100 Kämpfer des IS getötet hat. Doch die Geschichte ist offenbar ein Medienmärchen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Jung, hübsch, "Engel von Kobanê" - so wurde die Kurdin, die unter dem Namen "Rehana" bekannt geworden ist, in manchen Medien beschrieben. Und zum Mythos wurde sie, weil sie im Kampf um die syrische Stadt Kobanê angeblich mehr als 100 IS-Kämpfer getötet hat. Mehr als 5500 Mal wurde der entsprechende Tweet eines indischen Bloggers vom 13. Oktober retweetet.

Die junge Frau, die auf dem angehängten Foto bewaffnet und in Tarnkleidung das Victory-Zeichen macht, entwickelte sich schnell zum Symbol des Kampfes gegen die islamistischen Extremisten. Als "Poster Girl" oder Ikone des kurdischen Widerstands bezeichneten sie Medien wie die Daily Mail und Bild.

Doch die ganze Geschichte ist wohl vor allem ein Hype, der sich aus den sozialen Medien in die internationale Presse ausgebreitet hat. Das berichten jetzt Journalisten der BBC.

Die Geschichte vom dramatischen und tragischen Kämpfen und Sterben des "Engels von Kobanê" ist demnach völlig übertrieben. Offenbar war es angesichts des tatsächlich verzweifelten Widerstands, den kurdische Kämpfer gegen den IS leisten, für einige Leute einfach zu verlockend, ein solches Idol zu kreieren. Vor allem der Umstand, dass hier ausgerechnet eine Frau wie ein Racheengel unter den islamistischen Extremisten zu wüten schien, dürfte Aufmerksamkeit erregt haben. Schließlich steht der IS nicht nur für brutale Gewalt gegenüber Andersgläubigen, sondern auch für die Unterdrückung von Frauen.

Die BBC hat nun die Geschichte hinter der Geschichte recherchiert und festgestellt, dass das Foto der jungen Kurdin mit dem Siegeszeichen zuerst auf der Seite bijikurdistan.tumblr.com auftauchte. Es zeigt angeblich eine freiwillige Kämpferin der Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Kobanê im August.

Am 5. Oktober stellte ein Twitterer aus Saudi-Arabien mit 200 000 Followern ein Foto ins Netz, das zeigen sollte, dass Kämpfer des IS eine kurdische Kämpferin gefangen genommen und enthauptet hätten. Auf dem Tweet-Kanal @Kurdistan_Army wurde dieses Bild fünf Tage später neben die Aufnahme der lächelnden Freiwilligen von bijikurdistan.tumblr.com gestellt und behauptet, es handele sich um dieselbe Frau. Dem widersprachen anderer Twitter-Nutzer, und behaupteten, die Frau lebe noch.

"Make her famous"

Am 13. Oktober dann twitterte der Blogger Pawan Durani, die Frau heiße Rehana und habe mehr als 100 IS-Kämpfer getötet. Durani ist ein indischer Blogger, der sich der BBC zufolge für die Rechte der Hindus in Kaschmir einsetzt. "RT and make her famous for her bravery", forderte Durani seine Follower auf. Mit Erfolg.

Danach begannen erneut die Gerüchte zu kursieren, sie sei enthauptet worden, die dann wiederum infrage gestellt wurden. Angebliche Freunde und Bekannte behaupteten nun, sie sei noch in Kobanê und kämpfe weiter, andere wähnten sie als Flüchtling in der Türkei.

Wie häufig im Krieg handelt es sich bei der Geschichte von Rehana offenbar um einen Mythos, der den Interessen einer der Konfliktparteien dienen soll.

Schon die Bildunterschrift zu der Aufnahme der jungen Frau auf bijikurdistan.tumblr.com war offenbar nicht ganz richtig. Wie der schwedische Journalist Carl Drott auf seiner Facebook-Seite bereits am 13. Oktober berichtete, hatte er die Frau, eine Studentin aus Aleppo, am 22. August in Kobanê getroffen. Ihm zufolge war sie tatsächlich Teilnehmerin einer Zeremonie mit Freiwilligen. Doch sie gehörte nicht zu den YPG-Milizen, sondern zu der an diesem Tag ins Leben gerufenen Einheit von "Home Guards", einer Art Bürgerwehr, die die Milizen und die Polizeikräfte in Kobanê etwa an Straßensperren entlasten soll.

"Nur im schlimmsten Fall würden diese wenig ausgebildeten Freiwilligen an die vorderste Front geschickt", schreibt Drott. "Ich bezweifle, dass selbst die fähigsten Scharfschützen der Milizen in Kobanê seit dem Beginn des Krieges hundert Feinde getötet haben, und es ist extrem unwahrscheinlich - wenn auch natürlich nicht unmöglich -, dass jemand, der nicht einmal in einem Trainingslager der Milizen war, so etwas in einigen Wochen schaffen würde."

Drott hatte bereits am 21. September einen Artikel über die Zeremonie in Kobanê in der israelischen Zeitung Haaretz veröffentlicht - zusammen mit einem Foto der aus Frauen bestehenden Einheit "Unit of the Martyr Jin". Auf dem Bild ist die später als "Rehana" bekannt gewordene Frau zu sehen, die Drott erklärt hatte, sie habe sich gemeldet, weil die Kämpfer der IS ihren Vater getötet hätten.

Er könne "Rehana" auch nicht auf dem Bild mit der enthaupteten mutmaßlichen kurdischen Kämpferin wiedererkennen, berichtete Drott auf Facebook.

"Sie hat sich freiwillig gemeldet, um Kobanê vor dem Islamischen Staat zu verteidigen und ihr Leben zu riskieren", schreibt Drott. "Es ist ein Affront ihr gegenüber, dass manche Leute meinen, das sei nicht genug, und dass weitere phantastische Details hinzugefügt werden müssten", ärgert sich der Journalist. Dies entwerte auch die vielen wahren und noch beeindruckenderen Geschichten, die aus Kobanê kämen. "Unglücklicherweise gibt es keine Ikone für jede phantastische Geschichte - und umgekehrt."