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Kampf gegen den IS:Wenn die USA wieder einmal eine irakische Stadt erobern wollen

Die Stadt Mossul sollen irakische Truppen und kurdische Kämpfer vom IS zurückerobern. Doch geplant wird die Frühjahrsoffensive im Pentagon. Was möchten die USA erreichen? Und: Wann gewinnen sie?

Ein Kommentar von Nicolas Richter

Im Frühjahr möchten die USA wieder einmal eine irakische Stadt erobern. Diesmal handelt es sich um die Metropole Mossul. Sie wird seit bald einem Jahr von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) regiert, wenn man denn Erschießen, Vergewaltigen und Zerstören religiöser Stätten "regieren" nennen möchte. In Mossul lebten einst weit mehr als eine Million Menschen, Hunderttausende sollen vor dem IS geflohen sein. Sollte es gelingen, die Extremisten aus Mossul zu vertreiben, wäre dies für etliche Menschen in und aus dieser Stadt eine Befreiung.

In der langen Geschichte amerikanischer Interventionen im Irak ist dies eine neue Variante. Diesmal sollen nicht US-Soldaten die Wohnviertel durchkämmen, sondern irakische Soldaten und kurdische Kämpfer. Die USA bilden diese Männer aus, rüsten sie aus, unterstützen sie aus der Luft. So viele Opfer der Häuserkampf auch fordern mag - die Opfer sollen keine Amerikaner sein. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass die Frühjahrsoffensive im Pentagon geplant wird.

Obama lenkt die Dinge - jedoch aus sicherer Entfernung

Letztlich ist also Barack Obama verantwortlich. Am Beispiel Mossuls wird sich zeigen, ob die Rechnung des US-Präsidenten im Kampf gegen den IS aufgeht. In dieser Auseinandersetzung spielt Obama die Rolle eines Aufsichtsrats, der die Dinge zwar lenkt, jedoch aus sicherer Entfernung. Für das schmutzige - in diesem Fall blutige - Tagesgeschäft sind hingegen irakische Abteilungsleiter zuständig.

Dies folgt aus der Erkenntnis, die Obamas gesamte Außenpolitik bestimmt: Die USA können und sollen sich nicht mehr ständig und überall auf der Welt militärisch verausgaben. Erstens möchten die meisten Amerikaner keine Soldaten mehr ins Feuer schicken, so sehr sie den IS mit seinen Köpf-Clips auch verabscheuen. Zweitens sind die USA vielerorts, wo sie sich schon verausgabt haben, etwa im Irak, nicht willkommen.

Die USA haben den IS unter- und das irakische Militär überschätzt

Allerdings offenbart der Irak auch, dass Stabilität nicht allein deswegen einkehrt, weil die USA abwesend sind. Aus dem Irak hat Obama 2011 alle US-Soldaten abgezogen und die Regierung in Bagdad sich selbst überlassen. Als dann der Islamische Möchtegernstaat auftauchte, passierten zwei Dinge: Die schlecht ausgebildeten irakischen Truppen liefen kampflos davon. Und etliche Sunniten im Land, die von der schiitischen Mehrheit und deren Sicherheitsapparat bedrängt worden waren, sympathisierten mit den Terroristen.

Die USA also haben den IS unterschätzt und das irakische Militär überschätzt. Wenn Obama jetzt die Rückeroberung Mossuls verantwortet, muss er nicht nur dafür sorgen, dass die irakische Truppe kampfbereit ist, er muss auch verhindern, dass der irakische Sicherheitsapparat die Sunniten im Land abermals gegen sich aufbringt.

Wie in alten Kriegen siegt, wer Fläche gewinnt

Der Kampf um Mossul besitzt immerhin den Vorteil, dass sich Erfolg hier messen lässt. Sollte die irakische Regierung die Kontrolle über eine der größten Städte zurückgewinnen, hätte sie wichtiges Territorium erobert. Wie in alten Kriegen siegt, wer Fläche gewinnt. Im neuen Krieg gegen den IS aber folgen dann erst die komplizierteren Fragen: Was möchten die USA eigentlich erreichen, und wann gewinnen sie? Wenn der IS aus dem Irak und Syrien verschwindet? Oder reicht es, Terroranschläge im Westen zu verhindern?

In Washington denkt man erst jetzt ernsthaft darüber nach. Obwohl Obama schon 2000 Luftschläge gegen den IS gebilligt hat, verlangt er erst jetzt ein förmliches Kriegsmandat vom Kongress. Sein Entwurf ist so weit gefasst, dass er jeden angreifen könnte, der noch so lose mit dem IS verbunden ist. Mossul ist nur ein weiteres Kapitel in einem Krieg, dessen Ende (und Ziele) auch 13 Jahre nach dem 11. September nicht sichtbar sind. Wo dieser Krieg hinführt, wann er vorbei ist, wissen weder der Aufsichtsrat noch die Aktionäre.

© SZ vom 25.02.2015/sks
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