bedeckt München 22°

Kampf gegen Corona:Auf diesen Stoff wartet die ganze Welt

Tübinger Impfstoff-Studie

Die Suche nach einer Corona-Impfung läuft, in Tübingen haben sie einer Probandin bereits einen möglichen Wirkstoff gespritzt.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Ist eine Impfung gefunden, wartet das nächste Problem: die Logistik. Scheitert die Rettung der Menschheit etwa an einem Fläschchen? Wie der Bund Engpässen vorbeugen will.

Wann die Klassenzimmer wieder dauerhaft für alle Schüler offen stehen? Wann die Fußballer wieder von ihren Fans angefeuert werden? Wann sich die Politiker wieder um Dinge kümmern können, die nicht mit Corona zu tun haben? Inzwischen dürfte jeder verstanden haben, dass es auf all diese Fragen nur eine Antwort gibt: wenn der Impfstoff da ist. Etwa ein Dutzend Unternehmen weltweit testen bereits Substanzen an Menschen. Nun ist es aber eine Sache, solch einen Impfstoff zu entwickeln. Eine ganz andere Sache ist es, ihn dann in ausreichender Menge zu produzieren, abzufüllen, zu verpacken und auszuliefern. "Dieser Part in der Impfentwicklung darf nicht unterschätzt werden", warnte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) dieser Tage, die Kapazitäten seien begrenzt, weil sie am bisherigen Bedarf für Impfstoffe ausgerichtet seien.

Bislang wurden weltweit etwa 1,5 Milliarden Dosen an Grippeimpfstoffen pro Jahr produziert. Experten schätzen, dass für eine breite Immunisierung der Weltbevölkerung gegen das Coronavirus im kommenden Jahr auf einen Schlag fünf bis sechs Milliarden an Impfdosen zur Verfügung stehen müssten. Es liegt auf der Hand, dass es zu Engpässen kommen kann, wenn plötzlich die ganze Welt dasselbe Produkt haben will. Die Bundesregierung versucht deshalb, so schnell wie möglich die Produktionskapazitäten für den noch zu entwickelnden Impfstoff aufzubauen, damit sich nicht das Hamsterkauf-Chaos wiederholt, das bei den Masken und bei Klopapier zu erleben war.

Die derzeit auffällig umtriebige Forschungsministerin Karliczek stellte in der vergangenen Woche ein Sonderförderprogramm über 750 Millionen Euro vor. Es soll potenzielle deutsche Impfstoffproduzenten in die Lage versetzen, ihre "Möglichkeiten auszureizen". Bei der Präsentation hielt Karliczek ein Glasfläschchen in die Kameras. "Darum geht es jetzt", sagte sie.

Diese sogenannten Durchstechfläschchen sollten irgendwann natürlich einen wirksamen und sicheren Impfstoff enthalten, aber ein neuralgischer Punkt sind auch die Fläschchen selbst. Verschiedene Pharmaunternehmen hatten zuletzt gewarnt, dass bei einer globalen Impfkampagne die geeigneten Verpackungen knapp werden könnten. Dazu zählen neben dem medizinischen Spezialglas auch so vermeintlich simple Dinge wie die passenden Aluringe oder Gummipfropfen, zumal einige Teile der Produktionskette bislang hauptsächlich in Indien oder China hergestellt werden. Um die Großproduktion in Gang zu bringen, genügt es deshalb nicht, wenn Deutschlands führende Biotechfirmen wie Biontech oder Curevac, an der sich der Bund mit 300 Millionen Euro beteiligt hat, ihre Möglichkeiten ausreizen. Auch die hiesigen Zulieferer, Portionierer und Verpacker müssen rechtzeitig in Gang kommen. "Man mag sich nicht vorstellen, was los wäre, wenn wir einen Impfstoff hätten, ihn aber nicht ausliefern könnten", sagt ein Branchen-Insider. Könnte die Rettung der Menschheit etwa an einem Glasfläschchen scheitern?

Zu den Weltmarktführern auf diesem Gebiet gehört die Schott AG aus Mainz. Dort sind nach Angaben eines Sprechers zuletzt Bestellungsanfragen von bis zu einer Milliarde Fläschchen eingegangen, und zwar jeweils von rund 100 Unternehmen aus aller Welt, die derzeit an einem Impfstoff forschen. 100 Milliarden Stück - das schafft die Firma niemals. Aber sie wissen natürlich auch, dass sie das gar nicht schaffen müssen, denn das ist ja die Besonderheit an diesem Impfstoffwettlauf: Alle Entwicklungsstufen, die herkömmlicherweise über mehrere Jahre verteilt sind, laufen im Fall von Corona parallel ab: Grundlagenforschung, Tierversuche, die Akquise menschlicher Probanden, die Vorbereitung auf die Massenproduktion. Am Ende werden vielleicht drei oder vier Hersteller das Rennen um eine Impfstoff-Zulassung machen, schätzt man bei Schott. Die Mainzer nehmen deshalb aus taktischen Gründen bislang keine Bestellungen an, sie wollen ihre Produktion nicht für die Falschen hochfahren. Schott wird sich um Karliczeks Fördertopf bewerben. Man habe sich solch ein Programm etwas früher gewünscht und hoffe, dass es jetzt zügig vorangehe, heißt es. Jegliche Panik vor einem Lieferengpass sei aber unangebracht. In einer gemeinsamen Erklärung teilten die drei Marktführer sinngemäß mit: Wir wären bereit. An der Flasche soll der Kampf gegen Corona nicht scheitern.

Auch der einflussreiche Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) sieht Deutschland bei der Impfstoff-Produktion grundsätzlich gut gerüstet. Es sei aber richtig, dass die Politik Geld bereitstelle, "damit Unternehmen bereits jetzt in die Produktion investieren können, wo sie nach den Gesetzen des Marktes normalerweise noch abwarten würden, bis die entsprechenden Studien abgeschlossen sind", sagt VFA-Präsident Han Steutel.

Ein unterschätztes Glied in der Produktionskette sind auch die Packungsbeilagen. Sie müssten ja für einen globalen Impfstoffeinsatz sehr schnell in nahezu allen Sprachen vorliegen. Damit kann aber nicht wirklich begonnen werden, solange nicht klar ist, welcher Impfstoff in welcher Dosis mit welchen möglichen Nebenwirkungen die Zulassung erhält. Ein Riesenthema sei das, heißt es aus dem Bundesforschungsministerium. Aus dem VFA ist zu hören, man sei sicher, "dass irgendjemand schon auf dem Schirm hat, dass diese Aufgabe auf ihn zukommt".

© SZ vom 26.06.2020
Zur SZ-Startseite