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Kamerun:Entführte Schüler sind wieder frei

Parents await for news of their children at a school where 79 pupils were kidnapped in Bamenda

Hoffen und Bangen: Eltern der zu diesem Zeitpunkt entführten Schüler warten auf Neuigkeiten.

(Foto: Blaise Eyong/Reuters)

Diese Geiselnahme hat auch mit den Folgen der Kolonialzeit zu tun. Nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs vor hundert Jahren beauftragte der Völkerbund Großbritannien und Frankreich mit der Verwaltung des Landes.

Im Nordwesten Kameruns sind am Mittwochmorgen 90 Schüler nach Angaben der Presbyterianischen Kirche von ihren Entführern freigelassen worden. Alle Kinder gingen auf die Oberschule der Kirche in der Regionalhauptstadt Bamenda, 79 von ihnen waren am Montag entführt worden, die übrigen elf bereits am 31. Oktober. "Sie sehen müde aus und haben psychisch gelitten", sagte Fonki Samuel von der Presbyterianischen Kirche am Mittwoch. Zwei Lehrer sollen noch in der Gewalt der Entführer sein, die zwar kein Lösegeld gefordert hätten, so der Geistliche, aber die Schließung der Schule. Während Kirchenvertreter von einer "Freilassung" sprachen, will die Regierung die Kinder selber "befreit" haben, ohne nähere Angaben zu Umständen oder Tätern zu machen.

Der Nachrichtenagentur AFP wurde ein Video zugespielt, auf dem elf der entführten Kinder zu sehen sein sollen, die sich nacheinander auf Englisch vorstellen und behaupten, von den "Amba Boys" aus der Schule entführt worden zu sein. Die Gruppe kämpft für die Unabhängigkeit des englischsprachigen Teils Kameruns vom mehrheitlich französischsprachigen Rest des Landes. Seit 2016 eskaliert der Konflikt, damals ließ die Regierung auf Demonstranten schießen. Ein Jahr später riefen einige Separatisten die Republik Ambazonia aus, die international aber nicht anerkannt wurde.

Ob die "Amba Boys" tatsächlich hinter der Entführung stecken, ist unklar. Andere Separatistengruppen beschuldigen die Regierung, die Geiselnahme vorgetäuscht zu haben, um danach noch härter gegen die abtrünnigen Regionen vorgehen zu können. In einem weiteren Internetvideo ist ein Mann mit Bart zu sehen, der in gebrochenem Englisch mit französischem Akzent vom Kampf für ein freies "Ambazonia" spricht, vor ihm die angeblich entführten Kinder. Wen oder was das Video wirklich zeigt, ist aber letztlich unklar.

Der Konflikt ist eine Folge europäischer Kolonialpolitik. Nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs vor hundert Jahren beauftragte der Völkerbund Großbritannien und Frankreich mit der Verwaltung Kameruns: Der französische Teil wurde an Paris angebunden, der britische von Nigeria aus verwaltet, letztlich also die Kolonie einer Kolonie. Nach einer Volksabstimmung 1961 schloss sich ein Teil der anglofonen Gebiete Nigeria an, der andere dem Rest Kameruns - aber unter der Bedingung, die anglofone Tradition, Erb-, Schul- und Justizsystem fortführen zu dürfen.

Anfangs wurde Kamerun föderal regiert, was den anglofonen Gebieten eine gewisse Autonomie sicherte. Seit 1972 aber wird Kamerun zentral verwaltet, so wie die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die den neuen Zentralismus nach Kräften unterstützte. Die anglofonen Gebiete fühlen sich seitdem zurückgesetzt und gedemütigt. Bei Behördengängen können die Menschen sich häufig nicht verständlich machen, da die Beamten der Regierung kein Englisch verstehen. An die Schulen werden immer häufiger Lehrer geschickt, die nur Französisch sprechen. In der Regierung ist die anglofone Minderheit unterrepräsentiert, wirtschaftlich fühlt sie sich benachteiligt. Der Konflikt hat seit Jahresbeginn mindestens 400 Menschen das Leben gekostet und Zehntausende vertrieben.

Menschrechtsorganisationen werfen der Armee Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung vor, dennoch hält die Bundesregierung an einem Ausstattungshilfeprogramm fest, das den kamerunischen Streitkräften Material und Know-how verspricht. Für die Schweiz ist Kamerun weiter Schwerpunktland der Entwicklungszusammenarbeit, obwohl die Regierung unter Paul Biya Millionen Dollar veruntreut hat. Der 85-Jährige wurde kürzlich mit großer Mehrheit wiedergewählt, die anglofonen Regionen boykottierten den Urnengang weitgehend.

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