Völkermord:Ein Abschluss für Kambodscha, aber kein Ende

Lesezeit: 3 min

Völkermord: "Ich werde eher symbolisch verurteilt als nach meinen tatsächlichen Taten", behauptete Khieu Samphan bei der Verkündung des Urteils vor einem Jahr.

"Ich werde eher symbolisch verurteilt als nach meinen tatsächlichen Taten", behauptete Khieu Samphan bei der Verkündung des Urteils vor einem Jahr.

(Foto: NHET SOK HENG/AFP)

Mit der Bestätigung des Urteils gegen den letzten überlebenden Anführer der Roten Khmer beendet das internationale Tribunal seine Arbeit. Das Trauma wird dem Land noch lange bleiben.

Von David Pfeifer, Bangkok

Am Donnerstag hat das Tribunal für die Roten Khmer in Kambodscha das Urteil gegen den letzten überlebenden Anführer des Terror-Regimes wegen Völkermordes bestätigt. Das Gericht wies die Berufung von Khieu Samphan, 91, ab, und hat seinen Dienst damit erfüllt. Das Trauma wird dem Land aber noch lange bleiben.

Wer heute durch Phnom Penh läuft, erlebt eine Stadt, in der Wolkenkratzer an zerbröckelten Bürgersteigen hochwachsen. Noch immer ist an jeder Ecke zu erkennen, dass die Steinzeit-Kommunisten 1975 die ganze Stadt entvölkerten, um ihre Vision eines Agrarstaats umzusetzen. Mindestens 1,5 Millionen Menschen wurden zu Tode geschunden, gefoltert und gehungert. Ein Schulgebäude wurde von den Roten Khmer zu einem Foltergefängnis umgebaut, heute befindet sich dort das Genozid-Museum Tuol Sleng. Touristen können mittlerweile von einem ehemaligen Klassenzimmer zum anderen gehen und sich die Erzählungen über Gräueltaten per Kopfhörer anhören, die erst vor 43 Jahren durch eine Invasion aus Vietnam endeten.

In Bussen waren Menschen aus ganz Kambodscha am Donnerstag laut AFP nach Phnom Penh gekommen, um das letzte Verfahren zu verfolgen. Khieu Samphan saß in einem Rollstuhl, trug eine Gesichtsmaske und verfolgte die Sitzung über Kopfhörer. Am Ende bestätigte das von den Vereinten Nationen unterstützte Tribunal die lebenslange Haftstrafe, zu der Khieu Samphan 2018 wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilt worden war. 337 Millionen US-Dollar wurden in 16 Jahren ausgegeben, um nur drei Männer zu verurteilen, das wirkt unverhältnismäßig.

Pol Pot, der Kopf der Roten Khmer, entkam der Justiz

Khieu Samphan war das nominelle Staatsoberhaupt der Roten Khmer gewesen, gebildet und kultiviert. Er bestand vor dem Tribunal darauf, dass er sich "der abscheulichen Taten, die von anderen Führern begangen wurden, nicht bewusst war". Das fand nicht nur das Gericht unglaubwürdig. "Ich werde in dem Bewusstsein sterben, dass ich allein vor Ihnen stehe. Ich werde eher symbolisch verurteilt als nach meinen tatsächlichen Taten als Individuum", hatte Khieu Samphan schon bei der Urteilsverkündung vor einem Jahr gesagt.

Die Bestätigung vom Donnerstag ist tatsächlich eher symbolisch. Khieu Samphan verbüßt bereits eine weitere lebenslange Haftstrafe für eine Verurteilung aus dem Jahr 2014 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Mitangeklagte Nuon Chea, die Nummer zwei der Roten Khmer, wurde zweimal verurteilt und erhielt die gleiche Haftstrafe. Er starb 2019 im Alter von 93 Jahren.

Der einzige weitere Verurteilte war Kaing Guek Eav, "Duch" genannt, Kommandant von Tuol Sleng. Er wurde 2010 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord und Folter verurteilt und starb 2020 im Alter von 77 Jahren in Haft. Pol Pot, der Kopf der Roten Khmer, entkam der Justiz. Er starb 1998 im kambodschanischen Dschungel, während die Überreste seiner Bewegung ihre letzten Kämpfe in einem Guerillakrieg austrugen. Der heutige Premierminister Hun Sen war selber bei den Roten Khmer, bevor er überlief. Er behinderte weitere Strafverfolgungen, weil er Unruhen fürchtete.

Heute sind drei Viertel der Bevölkerung Kambodschas unter 30 Jahre alt

Die meisten Beobachter sahen den Nutzen des Tribunals ohnehin darin, die Erinnerung aufrechtzuerhalten. Nach Beendigung der aktiven Arbeit wird das Gericht seine Archive in Ordnung bringen und Informationen über seine Arbeit zu Bildungszwecken verbreiten. So wie die Tausenden Fotos der Opfer, die man in Tuol Sleng vor dem Verblassen schützen will. Die meisten Frauen und Männer darauf sind bis heute anonym. Ihre Leichen wurden in den Killing Fields vor Phnom Penh in Massengräber geworfen, die Roten Khmer vernichteten alle Unterlagen, bevor sie den letzten Inhaftierten die Kehlen durchschnitten und flohen. Heute sind drei Viertel der Bevölkerung Kambodschas unter 30 Jahre alt. Die Kinder und Enkel tun die Erzählungen der Überlebenden gerne als übertrieben und unmöglich ab.

Verlässt man Tuol Sleng, trifft man zwei der sieben Überlebenden. Sie wurden nur verschont, weil sie Berufe hatten, die im Foltergefängnis gebraucht wurden, Maler, Schreiner, Elektriker. Chum Mey war Mechaniker, nach 12 Tagen Folter wurde ihm befohlen, Schreibmaschinen zu reparieren, mit denen Foltergeständnisse niedergeschrieben wurden. Seine Frau und vier Kinder haben die Roten Khmer umgebracht. Nun wartet Chum Mey täglich auf Besucher, um ihnen seine Lebensgeschichte zu erzählen und ein Selfie zu machen. Der Horror hat ihn nie losgelassen. Khieu Samphan, der erst 2007 verhaftet worden war, wurde auf die letzte Anordnung des Gerichts hin in das eigens für ihn gebaute Gefängnis zurückgebracht.

Zur SZ-Startseite

Südostasien
:Wie Kambodschas Premier die Opposition zerschlägt

Seit 1985 beherrscht Hun Sen das Land, nun lässt der Autokrat einen Schauprozess gegen Oppositionsführer Kem Sokha führen, um seine Gegner zu schwächen. Und einen treuen Nachfolger für sich bringt er auch schon in Stellung.

Lesen Sie mehr zum Thema