USA und Südostasien:Ausgerechnet Vietnam

Kamala Harris und Nguyen Xuan Phuc

US-Vizepräsidentin Kamala Harris mit Vietnams Staatschef Nguyen Xuan Phuc.

(Foto: Evelyn Hockstein/Reuters)

US-Vizepräsidentin Kamala Harris besucht Singapur und Vietnam, um die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen im indopazifischen Raum zu stärken. Doch auch dort geht es um den chaotischen Abzug aus Afghanistan.

Von David Pfeifer

Natürlich musste Kamala Harris auch in Hanoi über Afghanistan sprechen. Die US-Vizepräsidentin ist eigentlich in Südostasien unterwegs, um wirtschaftlich und politisch gute Stimmung zu machen. Zuerst war sie in Singapur, dann reiste sie weiter nach Vietnam, doch die Zustände in Kabul folgten ihr, wohin sie auch ging. Dass sie nun ausgerechnet in dem Land Station machte, das die USA einst überstürzt verlassen mussten, nach einem gescheiterten Kriegseinsatz, kann man als Ironie der Geschichte wahrnehmen.

In Singapur landete Harris am vergangenen Sonntag aber nicht, um über die Vergangenheit oder die Gegenwart zu sprechen. Es ging um die Zukunft, vor allem die wirtschaftliche. Die USA handelten alleine im Jahr 2019 Waren im Wert von knapp zwei Billionen US-Dollar mit den Ländern des indopazifischen Raums. Gleichzeitig ringt Washington mit Peking um Einfluss in der gesamten Region - und man kann sagen, dass die Biden-Administration einiges aufzuholen hat.

In einem Gespräch zur Resilienz von globalisierten Lieferketten in der Pandemie mit Handels- und Industrieminister Gan Kim Yong und Geschäftsleuten aus den USA und Singapur wies Harris darauf hin, dass die Delta-Variante den Handel in diesem Jahr weltweit stören wird: "Wenn Sie ihren Kindern an Weihnachten Spielzeug schenken wollen, dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, es zu kaufen, denn die Verzögerungen könnten viele, viele Monate dauern." Bei der Pressekonferenz musste sie dann wieder Fragen zum Truppenabzug in Afghanistan beantworten.

Am Montag traf Harris sich mit Premierminister Lee Hsien Loong. Die Themen: Handel und politische Beziehungen. Singapur ist Teil der Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), dem wirtschaftlichen Handelsraum, der in Asien im vergangenen Jahr unter Einbeziehung des Wirtschaftsriesen China gegründet wurde. Peking hatte die Zoll- und Handelsstreitigkeiten in der Trump-Phase genutzt, um die eigenen Beziehungen auszubauen.

Es gilt, sehr komplexe Verbindungen einzufädeln, aufzuwärmen und zu pflegen

Der Stadtstaat Singapur ist aber auch Teil der Vereinigung südostasiatischer Staaten (Asean), die sich politisch abstimmt, wenn es um Krisen in der Region geht. Ein Asean-Unterhändler wurde kürzlich nach langem Ringen nach Myanmar geschickt, das weiterhin Mitglied ist, auch nachdem die Junta dort die Macht übernommen hat. Gleichzeitig befindet sich Singapur in einem Verteidigungsbündnis mit den USA, das im Zusammenhang mit den Treffen von Harris und Loong auf Attacken in Cyber-Kriegen erweitert wurde.

Es sind sehr komplexe politische und wirtschaftliche Verbindungen, die es in diesen Tagen einzufädeln, aufzuwärmen und zu pflegen gilt. Und in der gesamten Region wurde genau registriert, dass US-Präsident Joe Biden im ersten halben Jahr seiner Amtszeit keinen Asean-Staat besucht hatte. Biden konzentrierte sich auf Europa und schickte nun Kamala Harris. Das Störgeräusch, das der Afghanistan-Rückzug zu ihrer kleinen Besuchstour lieferte, verband sich mit dem Hintergrundlärm, den der Dauerclinch mit China bietet.

Wo immer die USA ihren Fuß hinsetzten, "sehen wir Turbulenzen, Teilung, zerbrochene Familien, Tote und andere Narben, die sie zurücklassen", kommentierte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums jüngst den "überhasteten" Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan. Das kann man in Ländern wie Vietnam - die einerseits die Nähe zu China suchen, andererseits aber mit den USA Geschäfte machen - als Hinweis auffassen, dass man sich auf keinen Fall zu sehr mit den Verbündeten aus Übersee einlassen sollte. Denn die sind ja offensichtlich keine Hilfe, wenn es militärisch ernst wird.

Die USA müssten Wege finden, um den Druck auf Peking zu erhöhen, sagte Kamala Harris am Mittwoch laut der Nachrichtenagentur Reuters bei einem Treffen mit Vietnams Präsidenten Nguyen Xuan Phuc. In Singapur hatte sie am Montag bereits ähnliche Töne angeschlagen. Es ging ihr um die Achtung der Seerechte und das dortige "Bullying" Pekings, sowie das "exzessive" Erweitern der maritimen Gebiete Chinas. Im südchinesischen Meer hat Peking militärische Posten auf künstlichen Inseln errichtet, um das Gebiet zu kontrollieren, an dem auch Vietnam, Brunei, Malaysia, die Philippinen und Taiwan Rechte haben. Es geht um Gasvorkommen, Fischerei und Seewege, die vor allem der Handelsriese China braucht. Die US-Marine fährt dort, wenige Seemeilen vor der chinesischen Küste, regelmäßig Patrouillen.

Kamala Harris' Rede wurde von Chinas staatsnaher Zeitung China Daily dann auch als grundlose Attacke gewertet. Es erscheine so, "dass die Bemühungen der USA in Südostasien nur darauf abzielen, einen Keil zwischen die südostasiatischen Nationen und China zu treiben".

Wie jeder gute Besuch hatte Kamala Harris auch Geschenke dabei: 23 Millionen Dosen eines mRNA-Vakzins haben die USA an Staaten in der Region gespendet. Die Impfpolitik Washingtons kann man durchaus als Reaktion auf China sehen, das befreundete Länder mit Sinovac- und Sinopharm-Dosen beliefert hatte. Nun, da beispielsweise Vietnam mit seiner von Peking inspirierten No-Covid-Strategie in Not geraten ist - zumal die chinesischen Vakzine möglicherweise nicht ausreichend vor der Deltavariante schützen - können die USA mit den wirkungsvolleren Impfstoffen gute Stimmung machen. Es geht hier natürlich nicht nur um die Gesundheit der Menschen, sondern darum, zu demonstrieren, wer technisch und wirtschaftlich mehr Macht besitzt. Immerhin dominiert China beim Ausbau des 5G-Netzes durch Huawei einen großen Teil des asiatischen Raums.

Die wichtigste Botschaft aber war wohl, dass Kamala Harris in jeder Rede die Vorzüge der Partnerschaft mit den USA pries und gleichzeitig deutlich darauf hinwies, was man in Washington vom aggressiven Auftreten Pekings in der Region hält. Doch die ebenfalls aggressive Politik Donald Trumps, der Länder klar in Freunde und Feinde Pekings oder Washingtons unterteilte, soll nicht weiter geführt werden. Man soll im indopazifischen Raum Handel mit China treiben und sich trotzdem darauf verlassen können, dass die US-Marine im südchinesischen Meer Patrouillen fährt. Auch in Zukunft.

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