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Automobilbranche:Die Mär vom sauberen Verbrennungsmotor

Der Geräuschpegel der Stadt wird sich ändern: Ein Highway im Raum Los Angeles.

(Foto: Jessy Asmus)

Kalifornien macht es vor - und verabschiedet sich vom Diesel- und Benzinmotor. Und hierzulande? Da mauern der Minister und die Industrie.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Kalifornien hatte vorgelegt, jetzt musste schnell etwas passieren. Eilig verpassten die deutschen Autobauer ein paar Karosserien Batterie und Elektromotor, um sie dann rasch nach Rügen zu transportieren. 1992 startete dort der bis dahin größte Feldversuch mit Elektroautos - und das alles, weil Kalifornien Quoten für den Verkauf von "Null-Emissions-Autos" angekündigt hatte. Als der Bundesstaat das Gesetz wieder kassierte, endete fünf Jahre später auch das Experiment. Es hatte ohnehin vor allem die Tücken der neuen Technik belegen sollen. Einige der Autos stehen heute in Museen.

Nun holt Kalifornien abermals zum Schlag gegen den Verbrennungsmotor aus. Von 2035 an sollen dort keine Verbrenner mehr verkauft werden dürfen. Die Chancen, dass es so kommt, stehen ungleich besser als seinerzeit. Einmal, weil heute niemand mehr überstürzt Verbrenner umrüsten muss - die nötige Technologie ist da, und sie wird von Jahr zu Jahr wettbewerbsfähiger. Zum anderen, weil Waldbrände den Kaliforniern selbst in den Metropolen buchstäblich vor Augen führen, was Klimawandel bedeutet. Dass sie solche Erfahrungen bis 2035 seltener machen werden, steht eher nicht zu erwarten. Im Gegenteil.

Kaliforniens Regierung, seit jeher bekannt für ihre starke Umwelt- und Klimagesetzgebung, ist nicht die erste, die das Ende des Verbrenners ausgerufen hat. Norwegen ist so weit, die Niederlande, Dänemark. Irland arbeitet daran, auch Slowenien. Aber Kalifornien, das als Einzelstaat die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt wäre, macht einen Unterschied. Wenn ein Markt wie dieser auf Verbrenner verzichtet, geht das an keinem Hersteller spurlos vorbei. Nicht von ungefähr hatte der Golden State schon vor knapp 30 Jahren die hiesige Autoindustrie in Hektik versetzt.

Besonders viel weiter ist sie allerdings seither nicht gekommen. Stattdessen singt die deutsche Industrie neuerdings das Hohelied sogenannter E-Fuels: Das sind synthetische Kraftstoffe, die sich aus erneuerbaren Energien gewinnen lassen. Der Verbrennungsmotor würde so klimafreundlich, rein theoretisch. Dass, rein praktisch, genau diese Kraftstoffe dereinst auch Schiffe und Flugzeuge betreiben sollen, dass sie mutmaßlich viel teurer sein werden als konventionelles Öl, und dies umso mehr, wenn die ganze Welt danach dürstete, das verschweigen die Strategen des Verbrenners.

Sekundiert wird ihnen von einem Bundesverkehrsminister, dem es nicht peinlich ist, neue Diesel- und Benzinmotoren als "saubere Verbrenner" anzupreisen. Wer je einem Verbrennungsprozess beigewohnt hat, und dafür muss man nicht nach Kalifornien reisen, weiß um die Absurdität dieser Wortkombination. Fraglos ist der Verbrenner ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst, schon deshalb wird er so erbittert verteidigt. Nur: Die Urform dieses Meisterwerks stammt leider aus dem vorvergangenen Jahrhundert.

Kalifornien, Heimat des E-Auto-Bauers Tesla, betreibt nicht nur Klima-, sondern auch Wirtschaftspolitik. Natürlich wird die jüngste Ankündigung auch Tesla weiter beflügeln. Aber andere Staaten werden dem Beispiel Kaliforniens folgen, und andere Hersteller dem Beispiel Teslas. In Deutschland dagegen halten Politik und Industrie am Verbrennungsmotor fest, als gäbe es kein Morgen. Sie fügen dem Standort Deutschland so einen Schaden zu, den künftige Generationen zu tragen haben. Neben den Folgen des Klimawandels.

© SZ vom 25.09.2020
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