Ausbruch des Ersten Weltkriegs:Berlin träumte von einem großdeutschen Superstaat

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In seinem berüchtigten, 1961 von Fritz Fischer veröffentlichten Septemberprogramm - mit der Niederschift hatte der Kanzler bereits Mitte August 1914 begonnen - nannte Bethmann Hollweg als allgemeines Ziel des Krieges die "Sicherung des Deutschen Reiches nach West und Ost auf erdenkliche Zeit".

Zu diesem Zweck müsse "Frankreich so geschwächt werden, dass es als Großmacht nicht neu entstehen kann, Russland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden".

Frankreich dürfe keine Armee mehr aufstellen und müsse seine Erzgebiete, einen Küstenstrich "von Dünkirchen nach Boulogne" sowie seine Kolonien an Deutschland abtreten. In der neuen Staatenordnung werde Belgien zu einem "Vasallenstaat" des Deutschen Reiches "herabsinken", der gesamte Kontinent in einem Wirtschaftsverband unter der Vorherrschaft Deutschlands zusammengefasst werden.

Als Pendant käme ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich unter Einschluss des Kongo hinzu. In seinem Buch Griff nach der Weltmacht konnte Fischer belegen, dass diese Ziele im Verlauf des Krieges grundsätzlich gleichgeblieben sind, ja, im Osten sind sie teilweise durchgesetzt worden, als Trotzki im März 1918 den Diktatfrieden von Brest-Litowsk unterzeichnete.

Friedensverhandlungen in Brest-Litwosk, 1917

Empfang der russischen Delegation für die Verhandlungen über einen Waffenstillstand auf dem Bahnhof von Brest-Litowsk durch deutsche Offiziere im Jahre 1917.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Wilhelm II., die Militärs und einflussreiche Teile der Öffentlichkeit teilten diese Ziele vollauf und gingen in ihren Forderungen sogar noch weiter. In seiner Denkschrift vom 9. September 1914 stellte Bethmann Hollweg fest, er werde seit geraumer Zeit vom Kaiser gedrängt, eine Art ethnische Säuberung an der flandrischen Küste Belgiens und Frankreichs vorzunehmen, um dort verdiente deutsche Soldaten als Bauern anzusiedeln. Flanderns Küste mit den Häfen Antwerpen, Zeebrügge, Ostende, Dünkirchen, Calais und Boulogne bezeichnete der Kaiser als "das Kampfziel meiner Marine".

"England ist unser erbitterter, geschworener Haß- und Neiderfüllter Concurrent"

War dies also, wie Niall Ferguson behauptet hat, für England "der falsche Krieg", der Kriegseintritt der "größte Fehler" seiner ganzen Geschichte?

Hätte es zusehen sollen, wie Frankreich von der deutschen Armee niedergeschmettert und Belgien annektiert oder zum Vasallenstaat herabgedrängt wurde, deutsche Veteranen entlang des Ärmelkanals angesiedelt wurden und deutsche Kriegsschiffe und U-Boote in Brest und Bordeaux, später eventuell in Gibraltar und auf den Azoren, in Westafrika und der Karibik Stützpunkte errichteten, ein deutsches Kolonialreich quer durch Afrika erobert und Russland zum Agrarland degradiert wurde, mit deutschen Satellitenstaaten bis zum Kaukasus und deutschen Truppen vor den Toren Ägyptens und Indiens?

Was wäre dann der nächste Schritt gewesen? Wo sollte das alles enden?

Und abgesehen von der Frage der eigenen Sicherheit und der moralischen Verpflichtung den Ententepartnern gegenüber, welche Folgen für das internationale Recht hätte bei einer derartigen gewaltsamen Umwälzung der europäischen Staatenordnung ein britisches Hinwegsehen gezeitigt?

Im September 1917 verdeutlichte Kaiser Wilhelm II. Georg Michaelis, dem Nachfolger Bethmann Hollwegs als Reichskanzler:

Ich kenne England und die Engländer besser als meine Landsleute zumal meine Beamten, zumal das Ausw[ärtige] Amt!

Wenn Ew. Exz. Herren Vorgänger im Amte meinen Rathschlägen und Anregungen besser gefolgt wären, statt ihren Continentalpolitiktheorien zu folgen und mich nicht anzuhören, wäre die Behandlung der Kerls eine andere gewesen und vieles anders gekommen!

Ew. Exz. wollen sich klar machen: England ist unser erbitterter, geschworener Haß- und Neiderfüllter Concurrent, hat als solches sicher auf Gewinnen der Parthie spekuliert; verliert er sie, so wird der Haß nur größer; und der Kampf geht wirtschaftlich schonungslos weiter, nach dem Frieden, der für England eine auch nach außen erkennbare Niederlage werden muß. [...]

England hat den I Punischen Krieg - so Gott will - nicht gewonnen also verloren; wir haben es aber nicht bezwungen und scheinen es auch nicht zu können im Augenblick.

Also wird der II Punische Krieg - hoffentlich unter besseren Alliiertenbedingungen und Chancen - unbedingt sofort vorbereitet werden müssen. Denn er kommt. Ehe einer von uns beiden nicht allein oben ist, giebt es keinen Frieden in der Welt!

Condominium gestattet Großbritannien nicht; also muß es hinausgeschmissen werden. Es ist dasselbe wie '66 mit Österreich; was die Vorbedingung für '70 war! [...]

So ist es mit England in der Welt auch. Um das ordentlich niederringen zu können, müssen jetzt im Frieden unbedingt milit. und marinepolitisch die Vorbedingungen geschaffen werden.

Des Kaisers Wüten liest sich wie eine erschreckende Vorhersage des Zweiten Weltkrieges.

Und in der Tat: Im September 1940 jubelte Wilhelm II. im Exil nach der Eroberung Polens, Dänemarks und Norwegens, der Niederlande, Belgiens und Frankreichs, Hitlers Krieg sei

"eine Folge von Wundern! Der altpreußische Geist von Fredericus Rex, von Clausewitz, Blücher, Yorck, Gneisenau etc. hat sich wieder gezeigt, wie in 1870-71. [...] Die brillianten führenden Generäle in diesem Krieg kamen aus Meiner Schule, sie kämpften unter meinem Befehl im [Ersten] Weltkrieg als Leutnants, Hauptmänner und junge Majoren. Geschult von Schlieffen führten sie die Pläne durch, die er unter meiner Leitung ausgearbeitet hatte, genauso wie wir es 1914 taten."

Während die Meinungen über Sinn und Unsinn der britischen Kriegserklärung vom 4. August 1914 geteilt sind, gilt auf der Insel der Zweite Weltkrieg unumstritten als "guter" oder "gerechter" Krieg, doch die Unterscheidung trügt.

Bei dem Entschluss zum Krieg gegen Hitler am 3. September 1939 ging es nicht, wie viele Briten glauben, um einen Kreuzzug für die Demokratie gegen eine barbarische Diktatur, geschweige denn um eine Rettungsaktion der europäischen Juden, sondern um einen machtpolitischen Existenzkampf, der unausweichich geworden war, sollte der militärischen Expansion des Deutschen Reiches überhaupt noch Einhalt geboten werden.

Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 war ebenso wie mit dem Einmarsch der kaiserlichen Armee in Belgien am 3. August 1914 eine rote Linie überschritten worden, die ohne den Kriegseintritt Großbritanniens mit Sicherheit zur Eroberung des Kontinents geführt hätte.

Die Opfer, die Engländer, Schotten, Waliser und Iren, Kanadier, Australier, Neuseeländer, Inder und Afrikaner (um von den anderen Völkern ganz zu schweigen) erbringen mussten, sollten sich als ungeheuerlich erweisen und weitaus schrecklicher, als sich überhaupt jemand vorstellen konnte, als der Krieg begann. Aber sie waren ein notwendiges Übel und nicht die Folge von Fehlentscheidungen einer weltabgewandten Elite in London, die schlafwandelnd in einen sinnlosen Krieg hineingeschlittert ist.

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