Kämpfe um Aleppo Syrien-Krieg: Obama muss den ersten Schritt machen

Das Gemetzel in Aleppo kann nur gestoppt werden, wenn Moskau an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Die Abneigung des US-Präsidenten gegenüber Putin ist bekannt, aber sie ist kein Grund, das Gespräch zu verweigern.

Kommentar von Stefan Kornelius

Russland spielt nicht nur ein zynisches Spiel in Syrien, wie es die Bundesregierung nannte. Das Spiel ist vor allem undurchsichtig und perspektivlos. Die russischen Angriffe gegen vermeintliche Kämpfer der Nusra-Front oder andere Dschihadisten verschaffen dem Bunkerbewohner Baschar al-Assad ein wenig Bewegungsspielraum.

Aber wofür? Ein Sieg in Aleppo mag seine Verhandlungsposition verbessern, so lassen sich aber nicht die Dschihadisten oder die gemäßigteren Rebellen vertreiben. Diese Perspektivlosigkeit ist Russlands größte Schwäche in Syrien. Das Land ist auch eine Last.

Verbrechen an der Menschlichkeit - unter russischer Mitwirkung

Moskau kämpft in diesem Krieg um regionalen Einfluss und globale Anerkennung - und muss dabei feststellen, dass das Gemetzel von Aleppo exakt das Gegenteil bewirkt. In Aleppo wird die Welt Zeuge von Verbrechen an der Menschlichkeit unter massiver russischer Mitwirkung. Moskau befeuert eine militärische Auseinandersetzung, die Assoziationen an die Trümmerschlachten des Zweiten Weltkriegs auslöst. Deswegen sind die öffentliche Mahnung und die Forderung nach einem Waffenstillstand das Mindeste, was man Russland antun kann. Die Welt soll wissen, dass es vor allem in Moskaus Macht liegt, die humanitäre Katastrophe zu verhindern.

Mahnende Worte reichen freilich nie aus, um eine Kriegspartei zur Einsicht zu bewegen. Russland will mehr, vor allem will es seine Sicht auf diesen schlimmsten Krieg der Gegenwart zur Geschäftsgrundlage für politische Gespräche machen - und dazu braucht es die USA.

Wenn in diesen Tagen die Spannungen in der Ukraine wachsen, und wenn Russland den Druck in Syrien erhöht, dann geschieht all dies mit Blick auf den Terminkalender und die Frage, was der amtierende US-Präsident in den letzten Monaten seiner Amtszeit noch ausrichten will und kann.

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Die Bundesregierung fordert eindringlich eine Waffenruhe in der syrischen Metropole.

Barack Obama selbst ist es, den diese Sanduhr-Nervosität beschleicht. In der Ukraine will er unbedingt Teil eines neuen, umfassenden Friedensschlusses sein. Seine Ungeduld wirkt deshalb auch getrieben. Und wer getrieben ist, der ist ein schwacher Verhandler.

In Syrien bleibt Washington auf die Dschihadisten-Bekämpfung fokussiert und schiebt das übrige Kriegsgeschehen und die eigentliche Kriegsursache Baschar al-Assad aus seinem Blickfeld. Auch das wird Moskau im Eindruck bestärken, dass der eigene Handlungsspielraum größer ist.

Bei aller Komplexität des Syrien-Konflikts, bei allen Problemen mit der Türkei, mit dschihadistischen Winkelzügen und bei aller Ratlosigkeit: Die US-Regierung muss Russlands Signale richtig lesen und ihren Einfluss geltend machen. Obamas tiefe Abneigung gegenüber Präsident Wladimir Putin ist wohlbekannt, aber sie kann kein Grund sein, in dieser verfahrenen Situation das Gespräch zu verweigern. Russland muss an den Pranger - aber auch wieder an den Verhandlungstisch. Den ersten Schritt dazu muss Washington gehen. Das Wahl-Vakuum in den USA und übrigens auch jenes in Russland ist zu gefährlich.