Kämpfe in Ostukraine:"Es sieht nicht danach aus, dass die Armee Donezk einnehmen kann"

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Kämpfe in Ostukraine: Keller des Krankenhauses an der Rosa-Luxemburg-Str., in dem Andrejs Onkel operiert werden sollte.

Keller des Krankenhauses an der Rosa-Luxemburg-Str., in dem Andrejs Onkel operiert werden sollte.

(Foto: Andrej Sablozkij)

Eine Bombe habe das Wischnewski-Krankenhaus an der Rosa-Luxemburg-Straße getroffen. Dort sollte Andrejs Onkel operiert werden, die Patienten wurden in den Keller gebracht. Der Onkel sei mittlerweile ausgereist, um in Russland operiert zu werden. Das Haus 58a in der Artjomstraße sei zerstört. Im Haus 58b wuchs Sablozki auf. "Im Hof dieses Hauses spielte ich im Sandkasten, dort trank ich Bier (später Wodka), von dort brach ich zur Uni und zur Arbeit auf."

Vergangener Sonntag, 20 Uhr 36: "Das Pumpwerk ist vom Stromnetz abgeschnitten. Ab 21 Uhr gibt es kein Wasser."

20 Uhr 55: "Nach dem Beschuss riecht es stark nach Rauch."

20 Uhr 56: "Hab noch schnell geduscht, die Böden gewischt (hatte es eine Woche vor mir hergeschoben), sitze nun und warte, ob die Badewanne noch voll wird."

22 Uhr 05: "Ein Gewitter bricht aus!"

23 Uhr 07: "Regen und Beschuss spornen offenbar zur Kreativität an." Sablozki hat den französischen Chanson-Klassiker "Tout va très bien, Madame la Marquise" auf Russisch umgedichtet: "Euer Schloss ist ausgebrannt, das Feuer hat die Stadt erfasst, das Pumpwerk ist vernichtet, nun hocken wir da ohne Wasser. Aber abgesehen davon, Frau Marquise, geht alles sehr gut."

Kämpfe in Ostukraine: Alltag in Donezk: Ausgebranntes Auto am Lenin-Prospekt, Sonntagvormittag.

Alltag in Donezk: Ausgebranntes Auto am Lenin-Prospekt, Sonntagvormittag.

(Foto: Andrej Sablozkij)

Separatisten telefonieren nur noch

Man kann Andrej Sablozki am Handy erreichen. Anders als in Lugansk, der anderen belagerten Großstadt unter der Kontrolle der Separatisten, gibt es in Donezk meistens Empfang. Am Montagnachmittag telefoniert Sablozki am Steuer, er kommt von einer Automechanikerin, einer älteren Dame namens Nikitischna, die diese Tage noch geöffnet hat und in der Lage war, die Heckscheibe zu reparieren. "Die Heizung war seit langem kaputt. Eine großartige Omi!"

Die Badewanne sei zwar nicht ganz voll geworden, aber Trinkwasser, Nudeln und Konserven haber er genug vorrätig. Die Stimmung in Donezk wende sich. "Aus Russland sind sehr viele Waffen durchgesickert. Es sieht nicht danach aus, dass die Armee Donezk einnehmen kann. Aber sie werden uns lange beschießen."

Sablozki sagt, die Separatisten würden keine Walkie-Talkies mehr benutzen, sondern ausschließlich per Handy kommunizieren. "Walkie-Talkie-Gespräche kann sogar ich stören, man muss nur deren Frequenz rausfinden, und sie dann mit Signalen zuballern. Handys sind sicherer." Die ukrainische Armee übe Druck auf Mobilfunkgesellschaften aus, da der Feind nur noch telefoniert beziehungsweise die Walkie-Talkie-App Zello benutzt. "Wenn sie eine Offensive starten, sorgen sie dafür, dass es vorübergehend keinen Empfang gibt." In Donezk war so ein totales Funkloch zuletzt am 6. August, mehrere Stunden am Nachmittag.

Warnhinweis: Beschuss

In Lugansk, 150 Kilometer weiter nordöstlich, gibt es seit Wochen so gut wie keinen Handyempfang. "Ein Freund von mir lebte dort, nun ist er in Moskau", sagt Sablozki. "Vor jeder Bombardierung war der Empfang weg. Als er sich wieder meldete, war es jedes Mal wie eine Wiedergeburt."

Flüchtlinge aus Lugansk dagegen, die in Kiew die Internetseite informator.lg.ua betreiben, sagen, die Sendemasten in Lugansk seien zerstört. "Die Separatisten wollen nicht, dass die Menschen Kontakt zur Außenwelt haben", sagt ein Flüchtling am Telefon aus Kiew. "Es gab zwei Orte, an denen man noch telefonieren konnte, auf dem Okuliza-Markt und nahe des Cafés Disco. Da ging man hin und telefonierte. Die Separatisten schossen in die Menge. Nun hängen da Absperrbänder mit dem Warnhinweis: Beschuss."

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