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Kämpfe im Irak:Diplomaten kündigen Sitzung des UN-Sicherheitsrats an

Angesichts des Vormarsches der Islamisten im Irak verlangt Frankreich eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates, Diplomaten zufolge soll sie gegen Mitternacht MESZ stattfinden. Nach der jüngsten Offensive der Gruppe Islamischer Staat sind im Nordirak mehr als 100 000 Christen auf der Flucht.

  • Frankreichs Außenminister Laurent Fabius appelliert an die UN, "der terroristischen Bedrohung im Irak entgegenzutreten". Diplomaten kündigen eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats an.
  • Kämpfer der Dschihadisten-Organisation "Islamischer Staat" sollen weitere Städte im Nordirak kontrollieren, darunter eine überwiegend von Christen bewohnte Ortschaft. Auch in Syrien kann IS seine Position anscheinend festigen.
  • Nach Angaben des christlich-chaldäischen Patriarchen flüchten 100 000 Christen vor den Dschihadisten.
  • Regierungschef Al-Maliki hält trotz wachsender Kritik an seinem Amt fest.
  • Irakische Luftwaffe tötet 60 Menschen bei Angriff auf Mossul.

Frankreich ruft internationale Gemeinschaft zum Handeln auf

Angesichts des Vormarsches der Islamisten im Irak verlangt Frankreich eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. Diplomaten kündigen sie in New York für 23.30 Uhr (MESZ) an. Frankreichs Außenminister Laurent Fabius erklärte in Paris, die internationale Gemeinschaft müsse handeln, um "der terroristische Bedrohung im Irak entgegenzutreten und Hilfe und Schutz für die bedrohte Bevölkerung zu leisten".

IS-Kämpfer sollen Christen-Metropole kontrollieren

Kämpfer der Terrorgruppe "Islamischer Staat" haben Augenzeugen zufolge weitere Städte im Norden des Iraks erobert. Sie hätten Machmur, Al Kwair und die überwiegend von Christen bewohnte Stadt Tilkaif (Tel Kaif) unter ihre Kontrolle gebracht. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet unter Berufung auf Augenzeugen, dass die Dschihadisten auch Karakosch (Qaraqosh/Bakhdida) kontrollieren sollen, die größte christliche Stadt im Irak.

Die kurdischen Peschmerga-Milizen, die am Wochenende bereits Niederlagen gegen die IS-Kämpfer erlitten, hätten sich in der Nacht aus der Gegend zurückgezogen. Nach Angaben des obersten geistlichen Führers der chaldäischen Minderheit sind 100 000 Christen auf der Flucht, viele zu Fuß und ohne jede Habe auf dem Weg in die Kurdenregion im Norden. Die IS-Kämpfer seien dabei, Kreuze aus den Kirchen des Landes abzunehmen und religiöse Schriften zu verbrennen, sagte der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Sako der Nachrichtenagentur AFP. Es handle sich um eine "humanitäre Katastrophe". Der Erzbischof von Kirkut und Sulaimanija forderte die Vereinten Nationen zum Handeln auf.

Sorge bereitete derweil auch die Lage der aus Sindschar geflohenen Zivilisten, die überwiegend der Jesiden-Minderheit angehören. Infolge der Kämpfe seien etwa 50 000 geflüchtet und halten sich auf einem Berg in der Nähe der Stadt Sindschar versteckt. Dort droht ihnen der Hungertod, sollten sie nicht bald gerettet werden. Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit bei den Kurden. Sie werden von den Dschihadisten als "Teufelsanbeter" verfolgt.

IS gewinnt auch in Syrien an Boden

Kämpfer der IS haben nach Angaben von Aktivisten in der syrischen Provinz Rakka einen Militärstützpunkt gestürmt und weite Teile davon eingenommen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von heftigen Kämpfen um den Stützpunkt. Demnach starben mindestens 27 syrische Soldaten und elf IS-Kämpfer, darunter drei Selbstmordattentäter, die sich zum Beginn der Attacke am Mittwochabend in die Luft gesprengt haben sollen. Die Dschihadisten kontrollierten nun "große Teile" der Streitkräftebasis in Rakka, erklärte die Beobachtungsstelle, die sich auf ein weites Netzwerk vor Ort bezieht. Ihre Angaben sind von unabhängiger Seite nur schwer überprüfbar

Druck auf Iraks Premier Maliki wächst

Der Vormarsch der radikalen Islamisten erhöht den Druck auf Iraks Regierungschef Nuri al-Maliki, den Kritiker für die desaströse Lage verantwortlich machen. Doch der will sich für eine weitere Amtszeit wählen lassen. Bis zu diesem Donnerstag hätte Präsident Fuad Massum eigentlich einen Politiker mit der Bildung einer Regierung beauftragen müssen. Doch die Frist ist verstrichen, ohne dass sich die großen schiitischen Blöcke auf einen Kandidaten einigen konnten. Nach einer informellen Absprache der Parteien würde den Schiiten im Irak dieses Amt zustehen.

Der Vormarsch der Terrorgruppe IS ist nur deshalb möglich, weil sich viele Sunniten mit den radikalen Milizen verbündet haben und Seite an Seite mit ihnen kämpfen. Dass es dazu gekommen ist, liegt auch an der Politik in Bagdad in den vergangenen Jahren. Seit seinem Amtsantritt 2006 grenzt Malikis Regierung die Sunniten von der Macht aus und vergrößerte so die konfessionelle Spaltung im Land.

Irakische Luftwaffe tötet 60 Menschen bei Angriff auf Mossul

Operationsbasis der Dschihadistengruppe ist die Stadt Mossul, die die Terrormiliz Anfang Juni komplett erobert hatte. Seitdem zwingen sie die Bevölkerung, sich ihrer radikalen Auslegung des islamischen Rechts der Scharia zu beugen.

Am Vortag bombardierte die irakische Armee nach eigenen Angaben eine Gerichtsverhandlung der Dschihadisten in Mossul und tötete dabei 60 Menschen. Der irakische Militärsprecher Kassem Atta sagte, der Angriff habe außerdem 300 Gefangenen, die wegen Verstößen wie Rauchen oder das Tragen westlicher Kleidung inhaftiert waren, die Flucht aus dem Gebäude erlaubt. Augenzeugen bestätigten den Angriff auf das Scharia-Gericht, jedoch nicht die Angaben zu den Opferzahlen oder der Flucht der Häftlinge.

IS-Kämpfer 100 Kilometer vor Bagdad

Derzeit stehen die IS-Kämpfer etwa 100 Kilometer vor Bagdad und drohen, auch die Hauptstadt des Iraks einzunehmen. Der Islamische Staat hat ein Kalifat in Teilen des Iraks und Syriens ausgerufen.

Am Mittwoch hatten Kurden aus dem Irak, Syrien und der Türkei angekündigt, eine gemeinsame Offensive gegen die Dschihadisten zu starten.