Kabelfernsehen am Tag nach Obama-Sieg:Wie Fox News mit der Realität ringt

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Obamas Sieg ist für den konservativen US-Sender Fox News eine Niederlage. Am Tag nach der Wahl lecken Moderatoren und Experten ihre Wunden - und müssen zudem noch den Spott des liberalen Konkurrenzsenders MSNBC ertragen: Der zeigt genüsslich, wie die Fox-Wahlnacht beinahe im Chaos endete.

Matthias Kolb, Chicago

Rachel Maddow strahlt. Die Moderatorin des liberalen Kabelsenders MSNBC jubelt nicht nur über Obamas Sieg, sondern weidet sich am Entsetzen der Fox-News-Kollegen. Maddow spottet über die Parallelwelt des konservativen Amerikas und wiederholt einen Clip aus der Wahlnacht: Der mächtige konservative Stratege Karl Rove widerspricht dort den Fox-Statistikern, die Obamas Wiederwahl verkünden, und löst im Studio Chaos aus. Es wird deutlich: Das konservative Amerika ist schockiert, am Boden.

Es ist ein Video-Clip, den die Nation so schnell nicht vergessen wird. Wer nicht in Amerika lebt und verstehen will, wie polarisiert die US-Gesellschaft ist und in welchen Parallelwelten der liberale und der konservative Teil Amerikas leben, der findet hier bestes Anschauungsmaterial.

Vor der Wahl hatten konservative Blogger und das Leitmedium Fox News ihrem Publikum eingehämmert, dass Mitt Romney siegen werde und die Umfragen von den verhassten Mainstream-Medien gefälscht würden, um Obama zu helfen. Was Rachel Maddow, die populärste Moderatorin des Kabelsenders MSNBC, und ihre Kollegen am Tag nach Obamas Wiederwahl ihren Zuschauern wieder und wieder zeigen, spielte sich am Wahlabend um kurz nach 23 Uhr Ortszeit im Studio von Fox News ab.

"Fair und ausgewogen" ist keiner der beiden Sender

Als die Statistiker des Lieblingssenders der Konservativen vorhersagen, dass Barack Obama in Ohio gewinnen wird, fragt Moderatorin Megyn Kelly besorgt in die Runde, was dies bedeute. "Das heißt, Obama bleibt Präsident", sagt ein Experte. Ko-Moderator Chris Wallace sagt, er habe mit den Romney-Leuten telefoniert und die glaubten nicht an ihre Niederlage. Ganz ähnlicher Meinung ist der sichtbar schlecht gelaunte Karl Rove: "Es ist viel zu früh, jemanden zum Sieger auszurufen."

Nach diesen Worten ist in allen Gesichtern Verunsicherung zu sehen: Rove ist kein normaler TV-Analyst, sondern kennt sich als Ex-Chefberater von Präsident George W. Bush mit knappen Wahlausgängen aus. Zudem hat der 61-Jährige diverse Super-Pacs gegründet und als konservatives Mastermind entschieden, wie mindestens 300 Millionen Dollar ausgegeben wurden, um Obama zu besiegen. Dass jemand mit diesem Hintergrund als Experte in einer Wahlsendung sitzt, zeigt sehr deutlich, wie unzutreffend der Fox-News-Slogan "fair und ausgewogen" ist.

Nach einigen Sekunden findet sich eine Lösung: Moderatorin Megyn Kelly soll investigativ tätig werden und die Rechen-Nerds befragen. Sie verlässt das Studio, ein Kamerateam im Schlepptau, und geht nach nebenan. "Wie sicher seid ihr euch, dass Obama in Ohio gewonnen hat?" fragt Kelly den Chef-Statistiker David. Seine Antwort: "Sehr sicher. Zu 99,95 Prozent."

Häme bei MSNBC

Wer diesen Clip ansieht, dem wird klar, wie fest die Republikaner an Romneys Sieg geglaubt haben. Doch die Art, mit der Rachel Maddow und andere MSNBC-Moderatoren wie Lawrence O'Donnell sich diesen Szenen widmen, offenbart eine ähnliche Häme. Als das Video endet, spricht Maddow triumphierend in die Kamera: "Ja, der Präsident hat Ohio gewonnen. Er wurde auf Hawaii geboren, das Arbeitsministerium hat die Arbeitslosenquote nicht gefälscht. Keiner will euch die Waffen wegnehmen, nach Vergewaltigungen werden Frauen schwanger und Klimawandel gibt es wirklich."

Die Aufforderung an die Konservativen, ihre Blase zu verlassen, das Wahlergebnis zu akzeptieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, klingt aus Maddows Mund belehrend. Zu Beginn der Sendung hatte sie die "kurze Liste" der Republikaner-Erfolge heruntergerattert und dann ihre Fans aufgefordert, sich noch schnell einen Drink zu mixen, bevor sie all die Erfolge der Liberalen zelebrierte. Fair und ausgewogen - das gibt es auch bei MSNBC nicht.

"Amerika hat den Präsidenten bekommmen, den es verdient"

Zur gleichen Zeit muss sich Sean Hannity bei Fox News sichtlich zurückhalten. Der Hitzkopf mit treuer Fangemeinde und separater Talkradio-Show ist sichtlich schlecht gelaunt - womöglich weil er die kommenden vier Jahre weiter auf Obama schimpfen muss. "Immerhin hört nun eines auf: Obama kann nicht mehr alles auf seinen Vorgänger schieben", ätzt er.

Seine Enttäuschung kann und will der 50-Jährige nicht verbergen: "Amerika hat es so gewollt und den Präsidenten bekommen, den es verdient. Jeder weiß, wie verheerend Obamas Politik ist." Er selbst, seufzt Hannity, werde diese Entscheidung auch in tausend Jahren nicht verstehen. Wie so oft stänkert der Krawallmacher dann gegen die verhassten Mainstream-Medien: Er habe seine Zweifel, dass diese endlich kritisch über Obama berichten und ihn zu Rechenschaft ziehen würden.

O'Reilly wünscht sich Obama-Berater

Auch an diesem besonderen Abend ist die interessanteste Sendung auf Fox News "The O'Reilly Factor". Moderator Bill O'Reilly debattiert schon mal mit dem liberalen TV-Satiriker Jon Stewart und ist nicht nur der beliebteste, sondern auch der unabhängigste Moderator des Senders. Romney habe die Wahl aus zwei Gründen verloren: Seine Berater waren schlechter und die Partei verkenne die Realitäten in Amerika.

"Wenn Romney einen so smarten Strategen wie David Axelrod [Obamas Chefberater, Anm. d. Red.] hätte, dann würde er heute feiern", urteilt O'Reilly. Und der Ex-Gouverneur habe in den Vorwahlen den Fehler gemacht, in Einwanderungsfragen Härte zu zeigen und von "Selbstdeportation" gesprochen. Romney hätte den kubanischstämmigen Senator Marco Rubio zum Vize machen sollen, um den Hispanics zu zeigen, dass er sie respektiere. So hätte der Republikaner Florida gewonnen und Obama nicht landesweit 70 Prozent der Latino-Stimmen bekommen, analysiert der 63-Jährige.

Sein Fazit: "Die Republikaner werden in Amerika keine Wahlen mehr gewinnen, wenn sie nur um Weiße werben." Die gleiche Analyse hatte O'Reilly übrigens schon am Wahlabend abgegeben. Hätte Karl Rove dabei genau hingehört, hätte er sich die "Meuterei" (so die liberale Website Talking Points Memo) Stunden später sparen können. Künftige Historiker hätten dann jedoch auf ein bedeutendes Dokument amerikanischer TV- und Zeitgeschichte verzichten müssen.

Linktipps: Eine exzellente Erklärung, wieso es am Wahlabend bei Fox News zum Streit kam, ist auf der Website des New York Magazine nachzulesen. Dort findet sich auch ein Video, das der "Rove-Episode" die Jubel-Arien der Zeit davor voranstellt. Die vielfältigen Rollen des Karl Rove beleuchtet die New York Times.

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