Justiz:Die Irrwege der radikalen Linken

ULRICH ENZENSBERGER

In typischer Kommunardenaufmachung spricht der damals 23-jährige Ulrich Enzensberger 1968 mit seinem Anwalt.

(Foto: AP Photo/PGH)

1970 wurde ein Anschlag in München verübt, im Verdacht stand auch der Schriftsteller Ulrich Enzensberger. Jetzt ist das Verfahren eingestellt worden.

Von Hans Leyendecker

Willy Brandt war Kanzler, Gustav Heinemann war Bundespräsident als Gruppierungen, die sich "Tupamaros München" (TM) und "Tupamaros West-Berlin" (TW) nannten, die Republik aufschreckten. Also ganz lange her.

"Hasch-Rebellen" und Kommunarden taten revolutionär, und einige von ihnen warfen auch Brand- oder Sprengbomben. In München gab es damals ganz viele Anschläge. Am 23. Februar 1970 etwa schleuderte ein Unbekannter im Münchner Stadtteil Feldmoching gegen zwei Uhr morgens einen Molotow-Cocktail in das Wohnzimmer des damaligen Amtsgerichtsrats Albert Weitl. Eine zweite Brandflasche prallte an der Hauswand ab.

"Hätte man mich nicht geweckt, wäre ich in dem dichten Rauch erstickt", sagte der Richter damals. "München scheint ja ein Untergrunddschungel zu werden".

Immer wieder hat die Justiz versucht, die Hintergründe dieses Anschlags aufzuklären. Vor vier Jahren leitete auch die Karlsruher Bundesanwaltschaft unter dem Aktenzeichen 2 B Js 47/13 ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des versuchten Mordes und anderer Straftaten ein. Beschuldigte waren der Ex-Terrorist Rolf Heißler, der ehemalige Südfront-Aktivist Alois Aschenbrenner, die Schauspielerin und Musikerin Marianne Enzensberger und der Schriftsteller Ulrich Enzensberger, der einst das jüngste Mitglied in der Kommune I war. Das Verfahren wurde in diesen Tagen wegen fehlenden hinreichenden Tatverdachts eingestellt.

Ulrich Enzensberger war einst das jüngste Mitglied der Kommune I

Der Anschlag auf den Richter steht für die Irrwege der radikalen Linken in Deutschland. Weil Weitl einen reuigen Weltrevolutionstouristen, der ernüchtert aus Kuba zurückgekehrt war, wegen Fahnenflucht in Deutschland zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt hatte, geriet damals die gesamte Justiz und auch die Polizei in München ins Visier von selbsternannten Stadtguerilleros, Guerilla-Darstellern sowie von Träumern und Fanatikern. Justizgebäude und Polizeireviere wurden angegriffen. Anarchos spielten Krieg. Der Fall zeigt aber auch, dass die Justiz in solchen Fällen dranbleiben will. Immerhin handelte es sich bei dem Anschlag auf den Richter um versuchten Mord, und Mord verjährt nicht.

Für die obersten Strafverfolger, die sich vier Jahre lang mit diesem Fall schwer taten, bis sie am 11. Oktober die Akten schlossen, war der Ausgangspunkt ein Artikel, der 2013 im Focus erschienen war. Ein angeblicher Tatbeteiligter, der behauptet haben soll, als Fahrer bei dem Anschlag auf Richter Weitl beteiligt gewesen zu sein, kam im Magazin zu Wort: Heißler sei dabei gewesen und auch der Schriftsteller Ulrich Enzensberger. Der habe auf der Rückbank des Autos gesessen.

Enzensberger? Ulrich Enzensberger hat Jahre seines Lebens in einer Kommune zugebracht, er war einige Zeit in einer albanischen K-Gruppe und hat sich um Lehrlingsagitation gekümmert, die nichts brachte. Heute ist er ein wichtiger Autor, über den die Menschen allerdings meist nur sagen, er sei der jüngere Bruder des bedeutenden Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger. Das stimmt zwar, wird ihm aber nicht ganz gerecht. Gewöhnlich ist er sehr still.

Die Strafverfolger interessieren sich weniger für Literaturgeschichte, mehr für die Frage, wer was wann gemacht hat - und das Ergebnis ist jedenfalls in diesem Fall eindeutig. Sie befragten Nachbarn des Richters, sie befragten Journalisten. Den Beschuldigten, von denen einer vermutlich der Informant des Magazins war, ist der Anschlag auf den Richter nicht nachzuweisen. Sie gelten in diesem Fall als unschuldig. Enzensberger hatte auf Anfrage von Journalisten gesagt: "Das ist so eine Sache, mit der ich jetzt wohl leben muss." Das war hie und da als Geständnis missverstanden worden. Altfränkisch und etwas dusselig war die Antwort schon.

SZ-Serie "Deutscher Herbst"

Vor 40 Jahren stand die Bundesrepublik vor ihrer bislang größten Herausforderung. Die Rote Armee Fraktion (RAF), die im April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback und im Juli den Bankier Jürgen Ponto ermordet hatte, entführte den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ziel war es, die RAF-Anführer und andere Kampfgenossen aus den Gefängnissen freizupressen. Die SZ dokumentiert die dramatischen Tage der Schleyer-Entführung vom 5. September bis zum 19. Oktober, für die sich der Begriff "Deutscher Herbst" eingeprägt hat. Hinzu kommen politische Einschätzungen von damals und heute sowie neue Erkenntnisse der Zeitgeschichte. Die bisher erschienenen Folgen im Überblick.

Das Verfahren um den Anschlag auf den Richter macht aber auch deutlich, dass einer der schlimmsten Terroranschläge in Deutschland immer noch ungesühnt ist. Und es gab von Anfang an Theorien, dass es Querverbindungen zu dem Anschlag auf den Richter geben könnte. Am 13. Februar 1970 wurde ein Brandanschlag auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in München verübt, an die ein jüdisches Altersheim angegliedert war. Sechs Opfer verbrannten. Ein Opfer sprang, von den Flammen bedrängt, in den Tod.

Bei den Ermittlungen jetzt tauchten keine Belege für diese angeblichen Querverbindungen auf, und vielleicht hat auch der Anschlag vom 13. Februar gar nichts mit den linken Anarchisten von einst zu tun. Ulrich Enzensberger jedenfalls hat vor viereinhalb Jahren auf die Frage, ob er damit etwas zu tun habe, in einem Zeitungsbeitrag erklärt: "Ich war an diesem Verbrechen nicht beteiligt. Weder habe ich durch Schweigen irgendeinen mir bekannten Täter gedeckt, noch habe ich diese Morde mitgeplant, noch habe ich sie mit begangen." Er hoffe, dass die "verborgenen Täter hinter dem Anschlag namhaft" gemacht werden könnten.

Richter Weitl übrigens ist im August dieses Jahres im Alter von 82 Jahren gestorben. Am Ende seiner Berufslaufbahn war er Vorsitzender Richter beim Landgericht München I.

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