Sozialdemokraten:Andere Zeiten, andere Jusos

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Bundeskongress der Jusos

Eigentlich ganz zufrieden: Juso-Chefin Jessica Rosenthal.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Warum der SPD-Nachwuchs plötzlich versöhnliche Worte gegenüber der Spitze findet.

Von Mike Szymanski, Frankfurt

Es ist der erste Stimmungstest für das Ampel-Bündnis in der SPD: Am Freitag ist der Parteinachwuchs, die Jusos, in Frankfurt zum Bundeskongress zusammengekommen. Ein perfekter Zeitpunkt, wie Juso-Chefin Jessica Rosenthal findet. Das Treffen der Jusos bietet die Bühne, auf der der Erfolg der SPD bei der Bundestagswahl gefeiert und die sich nun abzeichnende Bundesregierung unter einem SPD-Kanzler Olaf Scholz diskutiert werden kann. "Dem Morgen entgegen", heißt das Motto des Bundeskongresses.

Am Mittwoch hatten SPD, FDP und Grüne den Koalitionsvertrag vorgelegt, der in allen drei Parteien noch angenommen werden muss. Jessica Rosenthal fragt in den Saal, ob die Jusos darin alles wiederfänden, was sie gefordert hätten? "Ne, finden wir nicht!", sagt sie selbst. Nicht alles, aber eine "riesige große Menge" davon. Das, sagt sie, sei eine "gute Grundlage". An diesem Freitag, in Frankfurt, klingt es erstmal nicht so, als ob Olaf Scholz, der am Samstag zu den Jusos sprechen wird, noch große Probleme mit seiner eigenen Partei kriegen wird.

Rosenthal legt dann doch noch einen wütenden Auftritt hin, aber das hat einen anderen Grund. Corona. Rosenthal fragt in den Saal, was sie Azubis sagen solle, die wieder um ihre Ausbildung bangen müssten, den Studenten und Studentinnen, die sich fragten, wie lange es jetzt wieder dauern werde, bis sie ihren Nebenjob los seien und Bildung wieder nur am Rechner stattfinde. "Wir können nicht mehr", sagt die Juso-Chefin und fordert eine allgemeine Impfpflicht sowie 2G Plus - einen Test zusätzlich zum Nachweis über eine Impfung oder einer überstandenen Erkrankung - "als Standard". Da ist die Juso-Chefin klarer als die Mutterpartei, die noch mit sich ringt. Am Abend wird Rosenthal als Juso-Chefin bestätigt, mit einem Wahlergebnis von 73 Prozent. Aber so beginnt der Juso-Bundeskongress. Erfreut über den Wahlsieg, erschüttert von der Lage, die eine große Party gerade nicht zulässt.

Bis vor Kurzem war das Verhältnis ein herzliches Gegeneinander

Die Parteispitze und die Jusos, das ist eine Geschichte für sich. Bis in die jüngere Vergangenheit war das Verhältnis ein herzliches Gegeneinander. Das letzte Mal, dass ein Kanzlerkandidat so kurz nach der Wahl vor diesem Publikum antreten musste, war die Stimmung alles andere als so gelöst wie heute: Im November 2017 musste Martin Schulz, damals auch Parteichef erklären, dass sich seine Partei in diesen Stunden just wieder aufmachte, abermals in eine große Koalition einzusteigen. Ein Jamaika-Bündnis war gescheitert. Die SPD hatte sich schon auf Opposition eingestellt. Schulz wurde unter Jubel als "Vorsitzender der größten Oppositionspartei im Deutschen Bundestag" vorgestellt. Andere Zeiten, andere Jusos.

In Frankfurt ist zu besichtigen, was sich seither getan hat. Klar, die SPD ist nicht mehr Juniorpartner in einer Regierung, sie wird die nächste anführen. Und die Partner heißen nicht mehr CDU und CSU, sondern FDP und Grüne. Das große Ziel, die Sozialdemokratie zur stärksten Kraft zu machen, das haben die einstigen Gegner zusammen erreicht. Allein 49 der 206 Parlamentarierinnen und Parlamentarier sind im Juso-Alter. Kevin Kühnert, seit 2019 Parteivize, gehört der Fraktion an genauso wie seine Nachfolgerin an der Spitze der Jusos, Jessica Rosenthal.

Regieren - das ist, wenn man so will, jetzt auch Aufgabe der Jusos. Scholz hat dafür gesorgt, dass die einflussreichsten Jusos, Rosenthal und Kühnert, zu den Verhandlerteams für den Koalitionsvertrag gehörten. Kühnert redete bei Wohnen und Bauen mit, Rosenthal bei Arbeit. Wie sollten sie nun noch mit voller Kraft anzweifeln können, was sie schließlich selbst mitverhandelt haben.

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