Gabriel beim Juso-Bundeskongress in Nürnberg:"Na, das erklär mal der Floristin mit fünf Euro die Stunde."

Das ist die Ausgangslage, als Sigmar Gabriel am Samstag um kurz vor eins den Saal betritt. Da stehen die Delegierten auf - aber nicht um zu klatschen, jedenfalls nicht alle. Stattdessen halten viele Jusos Schilder hoch, auf denen Parolen gegen das ungeliebte Bündnis stehen:"Der Politikwechsel ist wichtiger als die große Koalition." Oder: "Die Verteilungsgerechtigkeit ist wichtiger als die große Koalition." Gabriel nimmt das locker - er sei ja glücklicherweise weitsichtig, könne das also nicht lesen, sagt er. "Vielen Dank für den freundlichen Empfang."

Überhaupt wirkt er nicht, als wolle er hier allzu viel Energie darauf verschwenden, ein paar Jusos umzudrehen. Wenn jemand gegen die Koalition sei und entsprechend abstimme, dann müsse man das akzeptieren, sagt er. Er bitte nur darum, das Mitgliedervotum "nicht dadurch zu entwerten", dass die Gegner "am Ende gute Sozialdemokraten sind" und die Befürworter "angeblich keine".

Er lobt den Mitgliederentscheid, also letztlich sich selbst ("die größte politische Bewegung in der SPD, jedenfalls so lange ich Mitglied der SPD bin"), dann spult er mit deutlich weniger Leidenschaft als etwa noch vor gut einer Wochen bei der Regionalkonferenz in Südhessen seine Standardargumentation ab: Er zählt die Erfolge auf, die man erreicht habe, beruft sich auf die Zustimmung der Gewerkschaften und zitiert den Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, um klarzumachen, warum Rot-Rot-Grün nicht in Frage komme: "Meine Partei besteht aus zwei Teilen, die sich gegenseitig hassen." Kurzes Innehalten, Gemurmel, Gabriel grinst. "Ich hoffe, dass das bei Euch anders ist." Dazwischen sagt er noch ein paar Dinge, die man als Sozialdemokrat genauso zu dieser Koalition sagen muss wie als Christdemokrat oder Christsozialer: "Keine Liebesheirat" sei das, sondern "eine Koalition der nüchternen Vernunft".

Am Ende klatschen vor allem die Delegierten aus Hamburg und Baden-Württemberg - also die Juso-Rechten. Es folgt Uekermann, und es folgen weitere Delegierte, die sich gegen das Bündnis aussprechen. Sie haben den Saal auf ihrer Seite, Gabriel sitzt währenddessen auf dem Podium. Sein Blick wirkt ein bisschen müde. Ein paar Tage noch, dann ist es ja geschafft, so oder so. Wobei es im Erfolgsfall danach ja erst richtig losginge.

"Ich kenne in der CDU keine Rassisten"

Dann geht er noch mal ans Rednerpult, und jetzt kommt er doch noch mal in Fahrt. Er wendet sich an Uekermann: Eine Ablehnung des Koalitionsvertrags bringe "nicht mehr Gerechtigkeit in Deutschland, sondern sie bringt für Millionen Menschen weniger soziale Gerechtigkeit!", ruft er. Und fügt an: "Einer von Euch hat gerade Blödsinn gerufen. Na, das erklär mal der Floristin mit fünf Euro die Stunde."

Jetzt ist er voll da und arbeitet sich an einzelnen Delegierten ab: "Ja!", ruft er, "solche Koalitionsdebatten sind auch harte Diskussionen!" Schlagabtausch, das kann er am besten, und als ein Juso etwas von "Rassisten in der CDU" ruft, wird Gabriel wütend: "Ich kenne in der CDU keine Rassisten." Wieder ein Zwischenruf, nun dröhnt Gabriel: "Ihr habt mich eingeladen!" Und wenn man den SPD-Vorsitzenden einlade, dann sage der "seine Meinung, ob Euch das passt oder nicht!".

Das war es dann aber auch mit der Konfrontation, gegen zwanzig nach zwei muss Gabriel los, auch wenn noch 15 Redner auf der Warteliste stehen. Die kommen tatsächlich auch noch zu Wort, auch wenn Gabriel schon lange weg ist. Einer von ihnen sagt: "Ich bin jetzt nicht so traurig, dass Sigmar wieder weg ist. Er hatte uns sowieso nicht so viel zu sagen." Der bayerische Juso-Landeschef Philipp Dees urteilt: "Das was Sigmar Gabriel heute abgezogen hat, ist vielleicht ein neuer Tiefpunkt innerparteilicher Diskussionskultur."

Den Saal hat Gabriel nicht umdrehen können, am Ende stimmten die Delegierten mit großer Mehrheit für einen Antrag, in dem die große Koalition abgelehnt wird. Aber was die Partei angeht, scheint er sich seiner Sache mittlerweile recht sicher zu sein. Sonst wäre er hier nicht so gelassen aufgetreten. Für seine Verhältnisse.

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