Jurist Benjamin Ferencz "Im Krieg werden anständige Leute zu Massenmördern"

Benjamin Ferencz als Chefankläger im Einsatzgruppen-Prozess in Nürnberg und heute

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Während der Nürnberger Prozesse brachte Chefankläger Benjamin Ferencz SS-Verbrecher an den Galgen. Nun blickt der 96-jährige Jurist zurück - und auf das Deutschland von heute.

Porträt von Oliver Das Gupta

Wie erreicht man Benjamin Ferencz? Telefonisch derzeit nicht, teilt er über seinen Anrufbeantworter mit, "schicken Sie mir eine E-Mail." Die beantwortet er bald, kurz und bündig, fragt, wann man anrufen will und grüßt als "Ben". Ferencz ist auch bei Twitter präsent, bei Facebook hat er mehr als 1400 Freunde.

Dort postet er seine Videos, Interviews und alte Schwarz-Weiß-Fotos aus seinem Leben: Eines zeigt ihn als Knirps mit Krawatte, andere als Soldat mit Stahlhelm und als Staatsanwalt in Nürnberg. Am Telefon spricht Ferencz präzise und pointiert, bisweilen frotzelt er. Er arbeite nach wie vor an 365 Tagen im Jahr, verfasse inzwischen aber nur noch Artikel statt Bücher, sagt Ferencz - "sonst müsse ich mir eine neue Frau suchen, sagt meine Frau".

Fulminantes Belastungsmaterial in drei Leitz-Ordnern

Ferencz ist nun 96 Jahre alt, und er hat Weltgeschichte geschrieben. Der amerikanische Jura-Professor ist der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse gegen Nazi-Größen, deren Handlanger und Profiteure. Nach dem Hauptprozess der vier Siegermächte gegen Hermann Göring, Rudolf Heß und andere von November 1945 an folgten zwölf weitere Verfahren vor US-Tribunalen. Ferencz klagte Mitglieder der "Einsatzgruppen" an, jener SS-Killerkommandos, die im von der Wehrmacht eroberten Osten Hunderttausende wehrlose Menschen ermordeten.

Alliierte Prozesse

Noch während des Zweiten Weltkriegs vereinbarten die Alliierten in der Moskauer Erklärung vom 30. Oktober 1943, dass nach dem Sieg über Nazi-Deutschland dessen Verbrechen in den überfallenen Ländern juristisch aufgearbeitet werden müssten. Nach der Kapitulation richteten die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion in ihren jeweiligen Zonen zahlreiche Militärtribunale ein. Sie orientierten sich am Völkerrecht und dem am 20. Dezember 1945 erlassenen Gesetz Nr. 10 des Alliierten Kontrollrates. Dies wiederum folgte den Standards des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses (20. November 1945 bis 1. Oktober 1946), dem mit Abstand bekanntesten Tribunal. Hier wurden die Verschwörung gegen den Weltfrieden, die Planung, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und abgeurteilt. Unter der Federführung der USA fanden danach noch zwölf weitere Verfahren in Nürnberg statt, darunter gegen Beamte, die Wehrmacht, Ärzte, Juristen, Industrielle und SS-Einsatzgruppen.

SZ

Systematisch töteten sie hinter der Front vor allem Juden, auch Roma, viele weitere Zivilisten, Kriegsgefangene. Der Prozess behandelte die Taten, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begangen wurden, von den vier "Einsatzgruppen". "Mord", sagt Ferencz heute, "war ihr tägliches Brot."

Es liegt vor allem an zwei Männern, dass es überhaupt zu diesem Prozess im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes kommt. Ferencz ist der eine. Der andere heißt Otto Ohlendorf, ein ehemaliger SS-Offizier, der im Krieg die Einsatzgruppe D befehligt hatte. Ohlendorf schilderte im Hauptprozess als Zeuge der Anklage, wie seine Männer Zehntausende Menschen erschossen haben.

Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse

Nazi-Führung vor Gericht

Sein kalt vorgetragenes Geständnis belastete die Obernazis enorm, Göring soll ihn wütend als "Schwein" bezeichnet haben, das "sowieso hängen" werde. Die reuelose Offenheit des Zeugen Ohlendorf sensibilisierte die Ermittler hinsichtlich der Grausamkeiten hinter der Ostfront, deren ganzes Ausmaß wurde jetzt deutlich.

Ferencz leitete während dieser Anfangszeit für den US-Hauptankläger Telford Taylor ein Rechercheteam. Eines Tages bekam Ferencz von einem seiner Helfer einen besonderen Fund auf den Schreibtisch gelegt: drei prall gefüllte Leitz-Ordner über "Ereignismeldungen" aus der UdSSR. Sorgfältig war darin für das Reichssicherheitshauptamt dokumentiert, welche Einheit an welchem Ort wie viele Menschen ermordet hatte - Taten, die Ohlendorf eingeräumt hatte.

Ferencz war sofort klar, was er da vor sich liegen hatte: ein "smoking gun", wie die Amerikaner sagen, womit gemeint ist, dass man den Mörder gleich nach der Tat erwischt, während die Pistole in seiner Hand noch raucht. Es war fulminantes Belastungsmaterial für einen weiteren Großprozess. US-Hauptankläger Telford Taylor wendete zwar ein, die Anklagebehörde habe zu wenig Personal, und es bliebe zu wenig Zeit. Ferencz konnte ihn umstimmen.