CDU:Zu alt im Kopf?

Wahlkampfauftritt von Kanzlerkandidat Armin Laschet, CDU, Philipp Amthor, MdB, CDU, und Bundeskanzlerin Angela Merkel au

Hat trotz Affären Tipps für die CDU: Philipp Amthor (M.) mit Angela Merkel und Armin Laschet.

(Foto: Jens Schicke/imago)

Die Jungen in der Union fordern mehr Mitsprache. Aber ob die CDU damit moderner werden würde, ist noch keineswegs ausgemacht.

Von Boris Herrmann und Robert Roßmann, Berlin

Am Wochenende ist "großes Familientreffen", so jedenfalls bezeichnet die Junge Union ihren Deutschlandtag in Münster. Erwartet werden auch die wichtigsten Vertreter der etwas älteren Union. Die Parteichefs Armin Laschet und Markus Söder haben sich angesagt. Ebenso wie drei Herren, die sich gut vorstellen können, Laschet zu beerben: Ralph Brinkhaus, Jens Spahn und Friedrich Merz. Es dürfte also ein erster Stimmungstest im Rennen um die Laschet-Nachfolge werden. Aber es steht auch gehörig Familienkrach ins Haus. Denn die Frage, wo die Zukunft der Union liegt, berührt einen Generationenkonflikt.

46 Prozent der Erstwähler haben bei der Bundestagswahl FDP oder Grüne gewählt, aber nur zehn Prozent die Unionsparteien. Die CDU hat gerade mit vielen schmerzhaften Erkenntnissen zu kämpfen - das ist eine der schlimmsten. Es gibt derzeit nicht wenige in der CDU, die dafür auch die Junge Union verantwortlich machen. Die JU sei eine Jugendorganisation, die den Kontakt zur Jugend verloren habe, heißt es da. Sie sei vor allem ein Karrierenetzwerk, ihre Mitglieder lebten in einer Parallelwelt.

Und der eigenartige Widerspruch zwischen Größe und Ergebnis ist bei der JU ja tatsächlich erstaunlich. Die Junge Union bezeichnet sich als größte politische Jugendorganisation Europas. Sie hat fast 100 000 Mitglieder - und damit deutlich mehr als die ganze FDP. Besonders attraktiv für Jungwähler scheint sie trotzdem nicht zu sein.

Das hat vermutlich auch mit Vertretern wie Philipp Amthor zu tun. Amthor ist erst 28 Jahre alt, hat aber schon die ersten Affären hinter sich. Er hat sich trotzdem wieder in den JU-Vorstand wählen lassen - ausgerechnet als Schatzmeister. Und bei der Bundestagswahl war er trotzdem Spitzenkandidat der CDU in Mecklenburg-Vorpommern. Die Christdemokraten haben in dem Land dann mehr als 15 Prozentpunkte eingebüßt und damit noch viel schlechter abgeschnitten als im Bund. Amthor hat auch seinen Direktwahlkreis verloren, er landete sogar nur noch auf Platz drei. Doch all das scheint ihn nicht nachdenklich zu machen. Er gibt seiner Partei weiterhin beinahe täglich Ratschläge.

Dann doch lieber noch ein paar Jahre Volker Bouffier?

Es liegt auch an Menschen wie ihm, dass derzeit nicht alle in der CDU bei Verjüngung sofort an Verbesserung denken. Dann doch lieber noch ein paar Jahre Volker Bouffier und Wolfgang Schäuble, wird sich mancher denken.

Denn es gibt ja viele vom Schlage Amthors. Zum Beispiel den Hamburger Parteichef Christoph Ploß. Der Mann ist 36 Jahre alt. Mit ihm als Spitzenkandidat hat der CDU-Landesverband ein katastrophales Ergebnis eingefahren. Aber Ploß tourt trotzdem durch die deutschen Fernsehkanäle und fordert eine konservativere und wirtschaftsliberale CDU. Kein Wunder, dass Karl-Josef Laumann da der Kragen platzt. "CDU-Landesvorsitzende wie Christoph Ploß, die in ihrem eigenen Bundesland nur noch 15 Prozent holen, sollten sich mit Ratschlägen zur Ausrichtung der CDU zurückhalten", schimpft der Chef des Arbeitnehmerflügels. Die CDU wolle "eine Volkspartei sein und kein wirtschaftsliberaler Klientelverein".

Wegen des Einbruchs der Union bei der Bundestagswahl gibt es jetzt nur noch 15 Bundestagsabgeordnete, die Mitglied der Jungen Union sind. Die Jungsozialisten stellen 49, deutlich mehr als bisher. Was sagt Tilman Kuban, der Vorsitzende der Jungen Union, zu dieser Kräfteverschiebung - und zur Kritik an den Jungen in der CDU?

Das schlechte Abschneiden bei den jungen Wählern könne man doch nicht allein der Jungen Union in die Schuhe schieben, findet Kuban. Denn es habe sicher mehrere Gründe. "Thematisch habe ich häufig Fragen der Upload-Filter, des Klimaschutzes, der Legalisierung von Cannabis oder der Corona-Maßnahmen, die die Freiheiten von jungen Menschen eingeschränkt haben, gehört, wo die CDU vielfach nicht gut aufgestellt war", sagt Kuban. "Das haben wir angesprochen, aber da hätten wir als JU vielleicht noch lauter sein müssen." Sicher hätten für das schlechte Ergebnis aber "auch die unterschiedlichen Profile der Spitzenkandidaten eine Rolle gespielt". Kuban meint damit, dass Annalena Baerbock und Christian Lindner für viele Junge attraktiver waren als Armin Laschet.

Unter seiner Führung habe sich in der JU "doch schon viel geändert", sagt Kuban

Außerdem habe sich unter seiner Führung in der JU "doch schon viel geändert", sagt Kuban. Die Junge Union habe "bei den letzten Wahlen zum CDU-Bundesvorstand drei Frauen vorgeschlagen und durchgesetzt, in unserem eigenen Vorstand haben wir inzwischen fast Parität".

Und die stärkere Mitgliederbeteiligung, von der in der CDU jetzt alle sprechen, die würde in der Jungen Union schon lange "vorgelebt". Vor der letzten Wahl zum CDU-Vorsitzenden habe man "alle JU-Mitglieder online über die Kandidaten abstimmen lassen, um ein Meinungsbild der JU zu ermitteln". Denn die Mitglieder seinen "einfach viel selbstbewusster als früher und wollen nicht nur mitreden, sondern auch mitbestimmen".

Die JU sei "auch medial noch nie so breit aufgestellt" gewesen wie heute. Gesichter der Jungen Union seien "inzwischen so unterschiedliche Menschen wie Philipp Amthor und Wiebke Winter". Winter, das ist eine von den drei JU-Frauen, die jetzt im CDU-Bundesvorstand sitzen. Die 25-Jährige engagiert sich vor allem für den Klimaschutz.

Die anderen beiden Frauen sind Anna Kreye (27) und Laura Hopmann (31). Sogar zusammen sind die drei JU-Frauen immer noch jünger als das älteste Vorstandsmitglied, Otto Wulff von der Senioren-Union.

Hopmann ist auch Landtagsabgeordnete in Niedersachen sowie Mitglied des CDU-Kreisvorstands in Hildesheim. Generalsekretär Paul Ziemiak hat gerade angekündigt, dass Laschet in den kommenden Tagen in den Landes- und Kreisverbänden das "Ohr aufs Gleis legen" wolle. Hopmann sieht sich im Bundesvorstand als Vertreterin derer, die ihre Ohren dort schon lange liegen haben - und nicht selten nur noch Bahnhof verstehen. Verjüngung und Erneuerung würden nicht nur die Jungen in der Partei fordern, sondern eigentlich alle an der Basis, sagt Hopmann. "Aber dann müssen wir uns auch trauen, Leute in Verantwortung zu bringen, die einfach mal eine Chance bekommen, sich zu beweisen."

Hopmann hat keine bundespolitischen Ambitionen. Es ist ihr aber ein großen Anliegen, dass sich ihre Partei zu einer "modernen Organisation" wandelt. Der CDU gehe es aktuell wie einem Autobauer, der sich zu spät darum gekümmert habe, andere Antriebe jenseits des Dieselmotors zu entwickeln.

Aus Sicht von Hopmann ist die Erneuerung der CDU nicht nur eine Frage des biologischen Alters der Parteispitze, sondern auch der Themen, die Erstwähler bewegten: Medienkompetenz, Bildung, Klima. Aber der programmatische Kurs hängt natürlich mit Personen zusammen. "Wir werden als CDU nicht weiterkommen, wenn wir unser Spitzenpersonal nur aus Leuten speisen, die Themen wie Wirtschafts- oder Finanzpolitik vor sich hertragen", sagt Hopmann.

"Wir müssen uns auf jeden Fall trauen, den Generationswechsel zu machen", sagt Hopmann, "ob das mit jemandem gelingt, der schon vor 20 Jahren Fraktionsvorsitzender war, weiß ich nicht." Da darf sich Friedrich Merz angesprochen fühlen. Bei Hopmann ist aber auch wohldosierte Kritik am Beharrungswillen Laschets sowie an der Selbstherrlichkeit Söders herauszuhören.

Letztlich geht es Laura Hopmann aber nicht um einen Angriff auf einzelne Parteigranden, sondern eher um einen Kulturwandel in der gesamten Union. "Man hat in der Partei keine Lust mehr darauf, dass viele unter den Befindlichkeiten von Wenigen leiden", sagt sie. Jedes einzelne Mitglied müsse mit seiner Stimme genau so wichtig genommen werden wie die Berufspolitiker, das sei in den vergangenen Jahren bei CDU und CSU nicht ausreichend der Fall gewesen. "Diese alte Denke von starren Hierarchien, die wird nicht mehr funktionieren, wenn wir als Partei überleben wollen."

© SZ
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