bedeckt München 13°

Anhörung in London:Psychiater hält Wikileaks-Gründer für suizidgefährdet

Julian Assange

"Liefert Assange nicht aus", fordern die Unterstützer des Whistleblowers.

(Foto: AP)

Depressionen, jahrelange Isolation: Bei Julian Assange gebe es eine Vielzahl von Risikofaktoren, sagt ein Arzt vor Gericht in London. Ein Szenario belaste den 49-Jährigen besonders schwer.

Nach Aussagen eines Psychiaters ist der im Gefängnis sitzende Wikileaks-Gründer Julian Assange akut suizidgefährdet. Es gebe ein "hohes Risiko", dass der 49-Jährige sich das Leben nehmen wolle, berichtete der Psychiater Michael Kopelman vor dem Londoner Old Bailey-Gericht. Dort läuft derzeit die Anhörung zum US-Antrag auf Auslieferung des gebürtigen Australiers.

Assange habe in der Vergangenheit unter Depressionen gelitten, sagte Kopelman, der Assange während dessen Untersuchungshaft etwa 20 Mal besucht hat. Es sei dessen bevorstehende Auslieferung und/oder eine tatsächliche Auslieferung, die seiner Meinung nach einen Suizidversuch auslösen könne, sagte Kopelman, emeritierter Professor für Neuropsychiatrie am King's College London.

Es gebe eine Vielzahl bekannter Risikofaktoren, darunter Depression und Selbsttötung bei Verwandten Assanges in der Vergangenheit und die Isolation, in der er gelebt habe - zunächst in der ecuadorianischen Botschaft in London, in die er 2012 geflüchtet war, und seit April 2019 im britischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh.

Bei Assange sei zudem eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert worden, die mit einer erhöhten Tendenz für Suizidgedanken in Verbindung gebracht werde, sagte Kopelman. Dieser leide zudem seit längerer Zeit an Halluzinationen. Bei der Befragung durch James Lewis, einen Anwalt der US-Regierung, sagte Kopelman, er sei sich stets der Möglichkeit bewusst, dass ein Patient simulieren oder übertreiben könnte.

Die US-Justiz wirft Assange vor, der Whistleblowerin Chelsea Manning geholfen zu haben, geheimes Material von US-Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan zu veröffentlichen. Bei einer Verurteilung in allen Anklagepunkten drohen ihm bis zu 175 Jahre Haft. Die Wikileaks-Enthüllungen hatten unter anderem zur Aufdeckung von Kriegsverbrechen durch amerikanische Soldaten geführt. Assanges Verteidigung beruft sich auf die Pressefreiheit.

Assange war 2012 aus Angst vor einer Auslieferung an die USA in die ecuadorianische Botschaft in London geflüchtet, wo er aber offenbar konsequent ausgespäht wurde - vermutlich nicht von Ecuador, sondern mittels eines spanischen Sicherheitsdiensts durch die USA. Damals lag gegen ihn ein europäischer Haftbefehl wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Schweden vor. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Das ganze Verfahren warf zumindest Fragen auf.

Die britische Polizei verhaftete Assange im April 2019, da er mit der Flucht in die Botschaft gegen Kautionsauflagen verstoßen hatte. Er wurde zu einem knappen Jahr Haft verurteilt.

© SZ/AP/dpa/gal

SZ PlusWikileaks-Gründer Assange
:Zimmer mit Einsicht

Fast sieben Jahre verbrachte Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London. Ein Ort, an dem er sich sicher fühlte, es aber wohl nicht war. Die Chronologie einer Ausspähung.

Von John Goetz, Elena Kuch und Gianna Niewel

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite