Reaktionen nach der Freilassung von Julian Assange:„Es fühlt sich an, als wäre es nicht real“

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„Wir beabsichtigen, einen Notfallfonds einzurichten für Julians Gesundheit und Genesung“, sagt Stella Assange. (Foto: Free Assange via Youtube/via Reuters)

Nach der Freilassung von Julian Assange äußert sich seine Ehefrau Stella erleichtert. Die Eltern danken den Unterstützern. Der australische Premier Albanese sagt, durch eine andauernde Haft sei „nichts zu gewinnen“ gewesen.

Stella Assange, die Ehefrau von Wikileaks-Gründer Julian Assange, hat sich nach dessen Freilassung aus der Haft in London erleichtert geäußert. „Ehrlich gesagt ist es einfach unglaublich, es fühlt sich an, als wäre es nicht real“, sagte die Anwältin und Aktivistin der BBC. Die vergangenen Tage hätten einen Sturm der Gefühle ausgelöst. Sie habe noch keine Zeit gehabt, zu besprechen, was das Paar nach der Freilassung tun werde. Priorität habe, dass Julian Assange „wieder gesund wird – er ist seit fünf Jahren in einem schrecklichen Zustand“.

Ihre Kinder wissen bisher nicht über die Freilassung Bescheid. „Ich habe ihnen nur gesagt, dass es eine riesige Überraschung gibt“, sagte Stella Assange. Sie habe lediglich auf dem Weg zum Flughafen in London erzählt, dass die Familie nach Australien fliege, um ihre Großeltern zu treffen. Die Kinder hätten ihren Vater nie außerhalb seines Londoner Hochsicherheitsgefängnisses gesehen. „Alle ihre Interaktionen mit Julian haben in einem Besucherraum im Gefängnis Belmarsh stattgefunden – es war immer nur für etwas mehr als eine Stunde. Es war sehr restriktiv.“

Weil der Deal, den Assange mit der US-Justiz geschlossen hat, so heikel sei und noch von einer US-Richterin abgesegnet werden müsse, sei die Familie sehr vorsichtig vorgegangen. „Sie wissen es immer noch nicht. Wir sind sehr vorsichtig, denn natürlich kann niemand einen Fünf- und einen Siebenjährigen davon abhalten, es jederzeit von den Dächern zu schreien.“

Wikileaks-Gründer
:Assange in Australien gelandet

Nach jahrelangem juristischem Ringen um seine Freilassung ist der Wikileaks-Gründer wieder in seiner Heimat angekommen. Zuvor hatte sich Assange vor einem US-Gericht in einem Anklagepunkt schuldig bekannt. Eine Haftstrafe hatte er bereits abgesessen.

Auf der Plattform X veröffentlichte Stella Assange ein Foto, das ein Videotelefonat mit ihrem Mann zeigt. „Julian ruft gestern Abend (bei ihm tagsüber) in Sydney an vom Flughafen Stansted“, schrieb sie dazu.

Zuvor hatte sie sich bereits in einem Video geäußert. Sie rief die Unterstützer ihres Mannes auf, zu helfen. „Wir beabsichtigen, einen Notfallfonds einzurichten für Julians Gesundheit und Genesung“, sagt Stella Assange in dem Clip, der in der Nacht auf Youtube veröffentlicht wurde. „Ich bitte euch, wenn ihr könnt, einen Beitrag zu leisten und uns beim Übergang in diese neue Phase der Freiheit von Julian zu helfen.“

Das Video wurde den Angaben zufolge am 19. Juni aufgezeichnet. Darin steht Stella Assange vor dem Londoner Gefängnis Belmarsh, in dem Assange mehr als fünf Jahre inhaftiert war. Wikileaks-Chef Kristinn Hrafnsson sagte: „Wenn ihr dies seht, heißt das, dass er draußen ist.“ Über all die Jahre der Inhaftierung ihres Ehemanns habe sich eine Bewegung formiert, so Stella Assange. Sie unterstütze nicht nur ihren Ehemann, sondern auch die Werte, für die er stehe: „Wahrheit und Gerechtigkeit“.

Christine Assange: „Ich bin dankbar, dass das Martyrium meines Sohnes endlich ein Ende findet“

Auch die Eltern von Julian Assange meldeten sich nach der Freilassung zu Wort. Mutter Christine dankte den vielen Unterstützern, die sich jahrelang engagiert haben. „Ich bin dankbar, dass das Martyrium meines Sohnes endlich ein Ende findet“, zitierte der australische Sender ABC aus einer Mitteilung der Mutter. „Das zeigt, wie wichtig und mächtig stille Diplomatie ist.“

Christine Assange, hier im Jahr 2010, dankt den Unterstützern ihres Sohnes. (Foto: Peter Macdairmid/AP)

Viele hätten die Lage ihres Sohnes „ausgenutzt, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen, daher bin ich den unsichtbaren, hart arbeitenden Menschen dankbar, die Julians Wohlergehen über alles andere gestellt haben“, erklärte Christine Assange. „Die zurückliegenden 14 Jahre haben mich als Mutter offensichtlich stark gefordert, daher möchte ich Ihnen im Voraus dafür danken, dass Sie meine Privatsphäre respektieren.“

Assanges Vater John Shipton sagte ABC, alles deute darauf hin, dass sein Sohn nach Australien zurückkehren könne: „So weit ich es verstehe, wird Julian ein normales Leben mit seiner Familie und seiner Frau Stella führen können.“ Shipton dankte ebenfalls allen Unterstützern und speziell dem australischen Premierminister Anthony Albanese.

Australiens Premier: Assange in Begleitung von Hochkommissar unterwegs

Dieser sagte am Dienstag über Assange: „Durch seine fortgesetzte Inhaftierung ist nichts zu gewinnen, und wir wollen, dass er nach Australien zurückgebracht wird.“ Man habe sich für die Interessen Australiens eingesetzt und „alle geeigneten Kanäle genutzt, um ein positives Ergebnis zu erzielen“. Sobald das Gerichtsverfahren endgültig abgeschlossen sei, werde er sich eingehender äußern, sagte der Premier. Er hoffe, dass dies sehr bald der Fall sein werde. Nach seinen Angaben wird Assange weiter konsularisch betreut, und zwar durch den australischen Hochkommissar in Großbritannien, Stephen Smith, der Assange bei dessen Ausreise begleite.

In den USA gab es nach Bekanntwerden der Freilassung Kritik vom früheren Vizepräsidenten Mike Pence. „Julian Assange hat das Leben unserer Soldaten in Kriegszeiten gefährdet und hätte im vollen Umfang des Gesetzes strafrechtlich verfolgt werden müssen“, schrieb er auf X.

Ganz anders äußerte sich dagegen die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock. „Ich kann nur sagen, dass ich sehr froh bin, dass dieser Fall, der überall auf der Welt sehr emotional diskutiert wurde und viele Menschen bewegt hat, dass er nun endlich eine Lösung gefunden hat“, sagte sie während eines Besuchs in Jerusalem.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen sprach unterdessen von einem „historischen Sieg für die Pressefreiheit“. Die Geschäftsführerin von Reporter ohne Grenzen Deutschland, Anja Osterhaus, sagte laut einer Mitteilung: „In einer Zeit, in der kritische Berichterstattung weltweit immer stärker unter Beschuss steht, ist diese Entscheidung nicht nur für Julian Assange und seine Angehörigen wichtig. Sie ist ein Sieg für den investigativen Journalismus weltweit.“

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