Jugoslawien-Tribunal Das letzte Wort

Dem Angeklagten Radovan Karadžić gelang es, den Gerichtshof zu seiner politischen Bühne zu machen. Leider.

Von Ronen Steinke

Grundidee der internationalen Strafjustiz ist es, selbstherrliche Kriegsherren, die sich als Großdarsteller der Historie verstehen, von ihrem selbstgebauten Sockel zu stoßen, sie auf das Maß von gewöhnlichen Angeklagten zu stutzen. Das heißt auch, ihnen den Nimbus der Allmacht zu nehmen. Gestern Warlords, Hochmögende. Heute gewöhnliche Sterbliche, vor denen sich niemand mehr fürchten muss.

Aber die Wahrheit ist: Das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag, 1993 von den Vereinten Nationen gegründet, um Mordhetzer wie den bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić anzuklagen, ist zu einer Bühne geworden. Allein schon dieser Verhandlungssaal: Die Zuschauer sitzen im Halbdunkeln, alle Blicke richten sich nach vorne auf einen hell erleuchteten, mit Teppich ausgelegten Raum, der aussieht, als habe man ihn in der Hälfte durchgeschnitten und daran von außen eine Glasscheibe gepresst.

Narzisstischen Gemütern unter den hier Angeklagten, so hat sich über die Jahre gezeigt, flößt dieses Setting nicht unbedingt Demut ein. Der Versuch der Juristen, die Täter ihrer furchteinflößenden Aura zu entkleiden, ist aber wohl nie so spektakulär gescheitert wie im Fall von Karadžić, über den am Mittwoch das Berufungsurteil gefällt wurde. Zehn Jahre lang haben sie ihn jetzt befragt zu der Blutspur, die serbische Truppen durch Bosnien zogen zu Beginn der 1990er-Jahre. Zur Belagerung Sarajevos. Zu den Kampfverbänden, die an einem Sommertag einen kleinen Ort am Waldrand überfielen, Srebrenica, und etwa 7000 muslimische Jungen und Männer erschossen.

Tausende haben sich im Livestream der UN angesehen, was Karadžić zu sagen hatte

Immer haben Kameras gefilmt, was Karadžić dazu zu sagen hatte, für den Internet-Livestream der UN. Und zu Hause auf dem Balkan sahen sich das Tausende an.

In den Jahren zuvor, als Flüchtiger, hatte sich Karadžić unter falscher Identität verstecken müssen. Eine Demütigung für den Mann, der von sich selbst stets meinte, eine Art Dichterfürst zu sein, der in schwerer Stunde an die Spitze der Nation gelangte. In Den Haag dann hat Karadžić, das Chamäleon, sich wieder gern der Welt gezeigt, er hat sich der neuen Umwelt angepasst, sich in einen hoch effektiven Advokaten seiner selbst verwandelt - und von der Anklagebank aus politisiert. Er hatte den Saal im Griff.

Mal hat er seine Opfer als Lügner bezeichnet. Etwa wenn er Zeugen ins Kreuzverhör nahm und ihnen nachzuweisen versuchte, die aufgefundenen Massengräber seien Fälschungen. Mal hat er seine Opfer verhöhnt. Einem Zeugen, der von der Ermordung seiner Frau in Sarajevo erzählte und von dem Blut, das durch die Straßen floss, kondolierte Karadžić einmal ungerührt und versprach, die Verantwortlichen zu finden - als sei er selbst der Staatsanwalt.

Radovan Karadžić hatte wieder eine Stimme, im Jahr 2016 wurde in der bosnisch-serbischen Stadt Pale sogar ein Universitätsgebäude zu seinen Ehren benannt.

Dass der inzwischen 73-Jährige für den Rest seiner Tage eine Strafe wegen Völkermords wird absitzen müssen, wegen der Hölle, die seine Männer einst entfachten, war seit Jahren absehbar. Nichts an dem Haager Urteil vom Mittwoch kam nun überraschend. Aber eine internationale Justiz, die den Angeklagten zu Recht nicht schikaniert und entrechtet, sondern ihn ausreden und das letzte Wort haben lässt, muss auch diese Erkenntnis ertragen: Er hat es oft genossen.