Süddeutsche Zeitung

Jugendfahrten nach Verdun:Jetzt sollt ihr Freunde sein

Lesezeit: 5 min

Wie war das, so ein Weltkrieg? 23 junge Menschen aus Deutschland und Frankreich fahren in den Ferien durch eine der traurigsten Landschaften Europas. Eine Reise im Dienste der Versöhnung.

Von Nadia Pantel, Verdun

Als das verhaltene Interesse in Begeisterung umschlägt, wird es kurz gefährlich im Wald. "Schaut mal, was wir gefunden haben!" - drei junge Mädchen stochern mitten auf dem Wanderweg mit Ästen auf einem Metallzylinder herum, um sie bildet sich ein Kreis beeindruckter Teenager. "Vielleicht ist das noch aus dem Krieg", sagt ein Junge ehrfürchtig. Das Problem ist, dass er recht hat.

"Stopp!" schreit Jean-Paul de Vries. Eigentlich führt er Reisegruppen durch dieses Waldstück bei Verdun, um zu zeigen, wie lange die 100 Jahre alten Narben aus dem Ersten Weltkrieg nachwirken. Nun hat er eine dringlichere Aufgabe: "Nicht graben! Niemand darf hier graben!" Erst vor einem Monat explodierte wieder einmal ein Blindgänger.

Die Jugendlichen, die de Vries nun aus dem Wald heraus folgen, haben in ihren Sommerferien eine recht bedeutungsschwere Aufgabe übernommen. Sie besuchen nicht nur gemeinsam Soldatenfriedhöfe, Museen und Gedenkstätten, um zu begreifen, was das gewesen sein soll, so ein Weltkrieg. Sie sollen auch Freunde werden. Zwölf von ihnen kommen aus Frankreich, elf aus Deutschland. Deutsch-französische Freundschaften, die der Élysée-Vertrag seit 1963 nicht mehr dem Zufall überlässt.

Organisiert hat die elftägige Reise der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, das Deutsch-Französische Jugendwerk zahlt einen Zuschuss. Während ihre Klassenkameraden ihre Ferien am Strand verbringen, lassen sich 23 junge Menschen mit einem Bundeswehrbus durch eine der traurigsten Landschaften Frankreichs fahren. "Es sieht hier eigentlich ganz normal aus", sagt der zwölfjährige Lukas im Wald. "Nein", sagt de Vries, "alle Hügel und Täler, die du hier siehst, sind die Einschlaglöcher von Granaten."

Orte mit besonders schrecklicher Geschichte werden in der Gegenwart mit besonders viel Pathos aufgeladen. Das gilt auch für Verdun. Der Tod Hunderttausender Soldaten ist zu einer Touristenattraktion geworden. Jeder Schlachtfeld-Guide spricht früher oder später von Frieden oder Versöhnung, doch zu sehen bekommt man das Gegenteil. Und so stehen die Jugendlichen an diesem heißen Augusttag nicht nur in einem Wald voller Krater, Patronenhülsen und Blindgänger. Sie verbringen ihren Vormittag auch in einem kleinen Privatmuseum, das Waffen, Helme und Schaufeln aus dem Ersten Weltkrieg präsentiert.

Vor einer Vitrine mit verstaubten Soldatenstiefeln machen drei französische Mädchen aus der Reisegruppe ein Selfie mit Kussmund. "Findet ihr das angemessen?", fragt eine der Betreuerinnen. Die Mädchen stecken ihr Handys weg und fotografieren sich kurz darauf gegenseitig beim Posieren auf Lazarettbetten. Viele in der Reisegruppe sind noch eher Kinder als Jugendliche. Bei einem baumelt am Rucksack ein Kuscheltier, ein anderer fängt an zu weinen, als ihm eine Wespe zu nahe kommt. Manche hören den Erzählungen vom Krieg zu, als wären es Abenteuergeschichten.

Doch wie kann man sich dem Grauen nähern, wenn man Tod und Hunger nur aus dem Fernsehen kennt? Der 17-jährige Talat aus Berlin ist der Älteste der deutsch-französischen Gruppe. Er hat im Museum einen Helm in die Hand genommen, doch aufsetzen, sagt er, konnte er ihn nicht. "Da war ein Loch drin, das heißt, dass jemand unter dem Helm gestorben ist." Ob er sich vorstellen kann, dass vor hundert Jahren er auf der einen Seite der Front im Schützengraben gehockt hätte, auf der anderen Seite seine französischen Reisepartner? "Das kann sich doch niemand vorstellen," sagt Talat, "egal wie viele Bücher man liest oder wie viele Helme man sich anschaut."

Mittags sitzen die 23 Jugendlichen auf dem vertrockneten Gras im Schatten ihres Reisebusses und holen ihre Lunchpakete aus den Rucksäcken. Caprisonne, Schinken-Baguette, Chips und ein Keks. "Bei einer Frankreich-Reise habe ich eigentlich eher an den Eiffelturm gedacht", sagt Julia, 14 Jahre, aus Herne. Während sie spricht krault sie dem zwölfjährigen Dylan den Hinterkopf. Er spricht kein Deutsch, sie kaum Französisch, aber der Elysée-Vertrag geht auf.

Neben Julia und Dylan sitzt Jennifer aus Riesa in Sachsen. Jennifers Mutter hat einen Aushang für die Reise gesehen und ihrer Tochter vorgeschlagen mitzufahren. "So Jugendreisen sind ja oft teuer, die hier kostet nur 300 Euro." Jennifer hat vier Geschwister, "da hat man nicht so oft Gelegenheit, ins Ausland zu fahren." Die Reise nach Verdun ist ihr erster Urlaub außerhalb Deutschlands.

Dass Jennifer und die anderen hier ihren Sommerurlaub verbringen, liegt nicht daran, dass sie sich besonders stark für den Ersten Weltkrieg interessieren und lieber ins Museum als ins Freibad wollten. Die Reise ist zustande gekommen, weil sie politisch gewollt ist. Weil sich hinter dem sperrigen Begriff der deutsch-französischen Zusammenarbeit so konkrete Dinge verbergen wie neun gemeinsame Nächte in einem spartanischen Internat am Rande von Verdun. Für diese 23 Jugendlichen bedeuten das Geld und die Zeit, die Deutschland und Frankreich seit 55 Jahren in ihre Beziehung investieren, dass sie in den Urlaub fahren können und neue Freunde finden.

Logan Degez betreut die französischen Jugendlichen. Auf die zwölf Plätze haben sich 18 Kinder beworben. "Natürlich wären es mehr gewesen, wenn wir nach Spanien oder Portugal fahren würden. Aber durch die Förderung kann sich jede Familie diese Reise leisten." Anders als die deutschen kommen die französischen Teilnehmer alle aus derselben Stadt, aus Arques in Nordfrankreich. Degez arbeitet dort als Betreuer im Jugendzentrum, den Jungs und Mädchen, die er nun durch Verdun begleitet, hilft er jeden Tag bei den Hausaufgaben. Er sei ein bisschen wie ihr großer Bruder, sagt der 24-Jährige.

Dass die Jugendlichen sich anfreunden, zusammen reisen, ist politisch gewollt

Ob er Unterschiede sieht zwischen Franzosen und Deutschen? Degez winkt ab. "Wir sind uns doch total ähnlich, und das waren wir bestimmt auch schon vor 100 Jahren." Einerseits, sagt Degez, berühre es ihn, dass sie als Deutsche und Franzosen dort gemeinsam Urlaub machen, wo früher gekämpft wurde. Andererseits sei es doch "total bescheuert, dass das überhaupt etwas Besonderes sein soll, dass sich Jugendliche gut verstehen."

Lymaelle gehört zu den Stilleren in der Gruppe. Doch wenn man sie fragt, warum sie mitgefahren ist, fängt die Zwölfjährige so schnell an zu erzählen, als habe sie nur auf die Frage gewartet. "Ich will ganz genau wissen, was mein Opa erlebt hat." Das kleine Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz war fünf Jahre alt, als sie zum ersten Mal Geschichten vom Krieg hörte.

Ihr Opa hatte einen Brief an sie und ihre vier älteren Geschwister geschrieben. Wie es war, als er gegen die Deutschen kämpfte und warum er froh war, das für seine Enkel getan zu haben. Es ging um den Zweiten Weltkrieg, doch die zwei Erkenntnisse, die Lymaelle aus dem Brief mitgenommen hat, sind für sie universelle Wahrheiten. Erstens: Meinem Opa ging es schlecht, damit es mir heute gut geht. Zweitens: Vor Deutschen nimmt man sich besser in Acht. Lymaelle fährt hier zum zweiten Mal auf einer deutsch-französischen Reise. "Beim ersten Mal wäre es mir lieber gewesen, wenn nur Franzosen dabei gewesen wären", sagt sie. Nach ein paar Tagen änderte sie ihre Meinung. "Mich macht es traurig, all diese Dinge über den Krieg zu hören", sagt Lymaelle, "Aber ich glaube, nur weil der Krieg so viele Menschen traurig gemacht hat, hat sich heute etwas geändert."

Sie sitzt mit einem rosa Gipsbein im Aufenthaltsraum des Internats, in dem die Gruppe untergekommen ist. Drei Tage bevor die Reise losging, hat sie sich den Fuß gebrochen. Sie wollte auf keinen Fall zu Hause bleiben.

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Quelle:
SZ vom 11.08.2018
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