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Jugendfahrten nach Verdun:Jetzt sollt ihr Freunde sein

Wie war das, so ein Weltkrieg? 23 junge Menschen aus Deutschland und Frankreich fahren in den Ferien durch eine der traurigsten Landschaften Europas. Eine Reise im Dienste der Versöhnung.

Anhöhe von Vauquois französisches Denkmal vorn Grundmauern Rathaus von Vauquois Erster Weltkrieg

Die Schauplätze grauenhaften Sterbens rund um Verdun sind auch Touristenattraktionen, hier die Anhöhe von Vauquois.

(Foto: Harald Wenzel-Orf/imagebroker/imago)

Als das verhaltene Interesse in Begeisterung umschlägt, wird es kurz gefährlich im Wald. "Schaut mal, was wir gefunden haben!" - drei junge Mädchen stochern mitten auf dem Wanderweg mit Ästen auf einem Metallzylinder herum, um sie bildet sich ein Kreis beeindruckter Teenager. "Vielleicht ist das noch aus dem Krieg", sagt ein Junge ehrfürchtig. Das Problem ist, dass er recht hat.

"Stopp!" schreit Jean-Paul de Vries. Eigentlich führt er Reisegruppen durch dieses Waldstück bei Verdun, um zu zeigen, wie lange die 100 Jahre alten Narben aus dem Ersten Weltkrieg nachwirken. Nun hat er eine dringlichere Aufgabe: "Nicht graben! Niemand darf hier graben!" Erst vor einem Monat explodierte wieder einmal ein Blindgänger.

Die Jugendlichen, die de Vries nun aus dem Wald heraus folgen, haben in ihren Sommerferien eine recht bedeutungsschwere Aufgabe übernommen. Sie besuchen nicht nur gemeinsam Soldatenfriedhöfe, Museen und Gedenkstätten, um zu begreifen, was das gewesen sein soll, so ein Weltkrieg. Sie sollen auch Freunde werden. Zwölf von ihnen kommen aus Frankreich, elf aus Deutschland. Deutsch-französische Freundschaften, die der Élysée-Vertrag seit 1963 nicht mehr dem Zufall überlässt.

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Organisiert hat die elftägige Reise der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, das Deutsch-Französische Jugendwerk zahlt einen Zuschuss. Während ihre Klassenkameraden ihre Ferien am Strand verbringen, lassen sich 23 junge Menschen mit einem Bundeswehrbus durch eine der traurigsten Landschaften Frankreichs fahren. "Es sieht hier eigentlich ganz normal aus", sagt der zwölfjährige Lukas im Wald. "Nein", sagt de Vries, "alle Hügel und Täler, die du hier siehst, sind die Einschlaglöcher von Granaten."

Orte mit besonders schrecklicher Geschichte werden in der Gegenwart mit besonders viel Pathos aufgeladen. Das gilt auch für Verdun. Der Tod Hunderttausender Soldaten ist zu einer Touristenattraktion geworden. Jeder Schlachtfeld-Guide spricht früher oder später von Frieden oder Versöhnung, doch zu sehen bekommt man das Gegenteil. Und so stehen die Jugendlichen an diesem heißen Augusttag nicht nur in einem Wald voller Krater, Patronenhülsen und Blindgänger. Sie verbringen ihren Vormittag auch in einem kleinen Privatmuseum, das Waffen, Helme und Schaufeln aus dem Ersten Weltkrieg präsentiert.

Vor einer Vitrine mit verstaubten Soldatenstiefeln machen drei französische Mädchen aus der Reisegruppe ein Selfie mit Kussmund. "Findet ihr das angemessen?", fragt eine der Betreuerinnen. Die Mädchen stecken ihr Handys weg und fotografieren sich kurz darauf gegenseitig beim Posieren auf Lazarettbetten. Viele in der Reisegruppe sind noch eher Kinder als Jugendliche. Bei einem baumelt am Rucksack ein Kuscheltier, ein anderer fängt an zu weinen, als ihm eine Wespe zu nahe kommt. Manche hören den Erzählungen vom Krieg zu, als wären es Abenteuergeschichten.

Doch wie kann man sich dem Grauen nähern, wenn man Tod und Hunger nur aus dem Fernsehen kennt? Der 17-jährige Talat aus Berlin ist der Älteste der deutsch-französischen Gruppe. Er hat im Museum einen Helm in die Hand genommen, doch aufsetzen, sagt er, konnte er ihn nicht. "Da war ein Loch drin, das heißt, dass jemand unter dem Helm gestorben ist." Ob er sich vorstellen kann, dass vor hundert Jahren er auf der einen Seite der Front im Schützengraben gehockt hätte, auf der anderen Seite seine französischen Reisepartner? "Das kann sich doch niemand vorstellen," sagt Talat, "egal wie viele Bücher man liest oder wie viele Helme man sich anschaut."