Jugendämter Hilflos in die Katastrophe

Seit Jahren schon sind die Jugendämter überfordert mit der wachsenden Zahl problematischer Familien. Die Fehler liegen nicht bei den Mitarbeitern, sie liegen im System. Den Preis zahlen die Kinder.

Von Ulrike Heidenreich

Unfassbar, dass erst jetzt in großem Stil bei den Jugendämtern nachgefragt wurde, wie sie eigentlich ihre tägliche Arbeit schaffen. Gar nicht oder sehr schlecht - das ist die niederschmetternde Antwort von einem knappen Drittel der 560 Jugendbehörden. Es handelt sich hier nicht um Ausreißer, um einzelne Antworten frustrierter Fachkräfte aus sozialen Brennpunkten. Die Umfrage der Hochschule Koblenz, die nun öffentlich wurde, ist als repräsentativ zu werten. Es ist die erste Untersuchung dieser Art, die den Status quo aus Sicht der Fachkräfte aufzeigt. Sie war bitter nötig. Denn jene Ämter, die Missstände in Familien beheben sollten, sind ein Missstand für sich.

Dass da etwas nicht stimmt, weiß man. Besonders deutlich wird es immer dann, wenn Fälle des Totalversagens von Jugendämtern bekannt werden. Der neun Jahre alte Junge aus Freiburg, der von der Mutter im Internet zur Vergewaltigung angeboten wurde. Lara-Mia, die verhungert im Babybett gefunden wurde. Tayler, der von den Eltern zu Tode misshandelt wurde. Kevin, dessen Leiche der drogensüchtige Ziehvater in den Kühlschrank steckte.

Das sind Fälle, die ganz furchtbar unter die Haut gehen; Bilder, die man nicht vergessen kann; Fragen, die immer ratloser machen. Denn all diese Schicksale haben gemeinsam, dass die Ämter informiert waren über die Konstellationen in diesen Familien, die lebensgefährlich werden können für Kinder. Die Menschen in den Behörden wollten helfen, schafften es aber nicht. Die Koblenzer Untersuchung zeigt drastisch auf, warum. Die Struktur, die Rahmenbedingungen, behindern eine wache Sozialarbeit. Der Fehler liegt hier im System, wo es doch um Menschen geht, um die schwächsten noch dazu.

Die Fachleute in den Ämtern arbeiten unter Bedingungen, die widriger nicht sein können. In ihren Akten ballen sich die schlimmsten Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen. Immer häufiger greifen die Frauen und Männer vom Amt in überforderten Familien ein - und sind selbst überfordert, weil nicht genügend Kollegen da sind. Die Kinderarmut nimmt zu, die Obdachlosigkeit ebenso. Die Fallzahlen in den Jugendämtern steigen beständig: 1,08 Millionen Fälle hatten die circa 14 000 Mitarbeiter zu bearbeiten. Im vergangenen Jahr war das ein neuer Höchststand. 84 000 Inobhutnahmen waren darunter, ebenfalls ein trauriger Rekord. Die Fachkräfte müssten sensibler auf Hinweise zu Missbrauch reagieren - doch sie werden von der Bürokratie und der Dokumentationspflicht gebremst. Es fehlt Zeit für Qualifizierung und Supervision. Berufsanfänger können kaum eingearbeitet werden. Allerorten fehlen Fachkräfte - obwohl die Kommunen immer mehr Geld für die Finanzierung der Jugendämter ausgeben. Der Etat hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwa verdoppelt - auf 12,2 Milliarden Euro. Der Personalmangel ist auch so akut, weil die Wertschätzung fehlt. Wer lässt sich schon zum Sozialarbeiter ausbilden, wenn er später wenig Geld bekommt und dann auch noch Gefahr läuft, misshandelte Kinder zu übersehen oder aus Überlastung falsche Entscheidungen zu treffen?

Als Notmaßnahme müssen Bund und Länder die Kommunen endlich beherzt bei der Finanzierung unterstützen. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen: Es ist eine Katastrophe, was in den Jugendämtern passiert. Für jedes Kind, das zu spät - oder zu früh - aus Familien geholt wird, ist es eine ganz persönliche Katastrophe.