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Jüdisches Leben in Deutschland:"Mein Spitzname ist Ruvi"

Bei der Begrüßung in dem jüdischen Gymnasium steht der israelische Präsident zwischen Amtskollege Frank-Walter Steinmeier (l.) und Schulleiter Aaron Eckstaedt.

(Foto: Michael Sohn/AP)

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin besucht eine jüdische Schule in Berlin, es geht um ernste Themen wie Antisemitismus und Hass im Internet. Doch der Gast weiß um die Wirkung auflockernder Worte.

Es dauert nicht lange, bis der israelische Staatspräsident die Zuhörer für sich gewinnt, mit einem einfachen Trick zwar, der aber wird dankbar angenommen. Der Präsident ist am Dienstagmorgen mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier in das jüdische Gymnasium in Berlin-Mitte gekommen. Es gibt weiträumige Straßensperrungen, viel Security und Presse, rund 60 ausgewählte Schüler warten. Der Gast hat bewegende Momente hinter sich, Mahnungen in Yad Vashem und Gedenken in Auschwitz. In der Aula des Gymnasiums dann nimmt er neben Bundespräsident Steinmeier Platz und sagt: "Ich bin Reuven Rivlin, und mein Spitzname ist Ruvi."

Zwar ist jener Spitzname "Ruvi" bekannt. Doch nach den ernsten Worten von Steinmeier über den "sehr schwierigen" Besuch in Auschwitz ist Rivlins Satz eine willkommene Geste: Die Anspannung unter den Schülern legt sich spürbar. Rivlin ist es dann auch, der die jungen Zuhörer für ihre Offenheit bewundert und davon berichtet, wie er mit seinem Kollegen und Freund Steinmeier mit einem kalten Bier angestoßen habe.

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Viele junge Deutsche wüssten nicht mal, dass es hier Juden gibt, erzählt eine Schülerin

Die Schüler haben viele Fragen, weitaus mehr, als es der Zeitplan erlaubt. Wie die Schoah in deutschen Schulen behandelt werden solle, zum Beispiel. Auch Rivlin hat Fragen, hakt nach. Welchen Unterschied es für einen Jungen mache, auf eine jüdische Schule zu gehen. Ob ein anderer seine Bar Mitzwa gemacht habe. Ob einer, der sein Hebräisch verbessern will, denn schon auf Hebräisch fluchen könne.

Schon vor Kurzem gab es im Moses Mendelssohn Gymnasium politischen Besuch. Mit Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) ging es unter anderem darum, wie es ist, als jüdisches Kind angefeindet zu werden. Antisemitismus, aber auch Mobbing ohne religiösen Bezug ist immer häufiger der Grund, warum Kinder an die jüdische Privatschule wechseln. Sie steht auch nichtjüdischen Kindern offen, doch mitten in Berlin ist sie eine kleine Festung, mit Sicherheitsfenstern und Taschenkontrollen am Eingang. In diesen Tagen diskutieren die Kinder auch darüber, ob sie ihren Davidstern an der Halskette gut sichtbar tragen oder auf der Straße lieber unter dem Pullover verstecken.

Ein 18-Jähriger sagt vor dem Eintreffen der Präsidenten, er hoffe, dass sich das Gespräch auch um politische Fragen dreht, um Iran, den Klimaschutz. Er wisse um die Bedeutung von Holocaust und Antisemitismus, aber er finde es schade, wenn bloß die Rede von "armen Juden" sei. Ein anderer Junge sagt später, er habe an der Schule Toleranz gelernt und sei stolz, jüdisch zu sein. Die Schule ist auch ein Ort, an dem man sich nicht kleinmachen will.

Es geht dann doch weniger um politische als um gesellschaftliche Fragen. Rivlin betont, wie wichtig es sei, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenlebten. "Es ist unser Schicksal", so sei auch Israel gegründet worden, von Menschen verschiedener Länder. Doch in Deutschland, so berichtet eine Schülerin, wüssten viele junge Menschen nicht einmal, dass es hier Juden gebe und diese auch Teenager wie andere seien. Eine andere erzählt von Anfeindungen wegen ihrer Hautfarbe. Wäre Hitler noch am Leben, wärst du tot, habe eine Lehrerin gesagt.

Steinmeier betont, es sei die Pflicht der Lehrer und Schulen, über die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu informieren. Doch "Information ist nicht genug", sie solle mit Besuchen in Israel, Yad Vashem oder ehemaligen Konzentrationslagern einhergehen. Anders als Rivlin, der in Erzähllaune zu sein scheint, zeigt sich Steinmeier, wie schon in den vergangenen Tagen, nachdenklich. Und kommt auf die sozialen Medien zu sprechen. Es beunruhige ihn, dass deren negativer Einfluss der Erziehung in Schulen und Familien immer mehr zu schaffen mache. Auch auf seine Reden in Yad Vashem habe es "unglaubliche", negative Facebook-Kommentare gegeben. Er erinnert daran, dass Überlebende geschworen hätten, niemals wieder die deutsche Sprache hören oder Deutschland besuchen zu wollen. Seine Rede dort hatte er in Hebräisch begonnen und auf Englisch fortgesetzt. Rivlin hatte ihm dort unter Tränen gedankt. Auch jetzt noch, hier in Berlin, zeigt er sich von Steinmeiers Rede beeindruckt. Sie sei in etlichen Zeitungen Israels abgedruckt worden. Und ja, man habe auch unterschiedliche Meinungen, sagte er. "Aber wir teilen die gleichen Werte."

© SZ vom 29.01.2020
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