Jüdischer Widerstand gegen die Nazis:Eine zutiefst moralische Komponente

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Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, l) und Zus Bielski (Liev Schreiber) in einer Szene aus 'Defiance'.

Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, l) und Zus Bielski (Liev Schreiber) in einer Szene aus 'Defiance'.

(Foto: Foto: Constantin)

Von den achtzig Juden entkamen vierzig zu den Partisanen. Der Leichengeruch haftete noch lange an ihren Kleidern. Aber sie nahmen Rache, als sie kurz danach eine deutsche Wagenkolonne beschossen, fast alle Insassen töteten und sogar ein gepanzertes Fahrzeug zerstörten.

Oder der Aufstand der Häftlinge im deutschen Vernichtungslager Sobibor auf polnischem Boden. Der Lager-Untergrund lockte die SS-Wachen in die Werkstätten, wo die Häftlinge auf ihre Peiniger warteten und elf von ihnen erschlugen. Alexandr Petscherski, ein Offizier der Roten Armee, gab den Befehl: "Zu den Waffen, der Rest an den Stacheldraht."

Mehr als 300 Juden schossen sich mit den wenigen erbeuteten Waffen den Weg frei, durchschnitten den Zaun und flohen in die Wälder. Die meisten starben auf der Flucht: von Minen zerrissen, von den Jagdkommandos der SS ermordet. Aber 50 Ausbrecher überlebten den Krieg.

Leben zu retten - das allein rechtfertigte den Widerstand. Tuvia Bielski, dem charismatischen Anführer aus den Wäldern Weißrusslands, ging es weniger ums Töten als ums Retten der Bedrohten - ein Aspekt, den der Film eindringlich nachzeichnet. Im Gespräch mit Nechama Tec sagte Bielski: "Der Feind machte keine Unterschiede. Sie nahmen jeden und töteten alle. Ich wollte sie nicht imitieren."

Die Sümpfe, die undurchdringlichen Wälder und die Unterstützung von Stalins Partisanen verhalfen den Bielskis zu einer einmaligen Gelegenheit: Sie schafften es, aus den Ghettos eine große Anzahl von Verfolgten herauszuholen.

Eine drangsalierte Minderheit

Als die Rote Armee 1944 in der Operation "Bagration" die Heeresgruppe Mitte zertrümmerte und die Besatzung zu Ende war, kamen 1200 Menschen aus dem Familienlager der Bielskis.

Wegen solcher Erfolge inmitten der großen Tragödie hat der jüdische Widerstand eine zutiefst moralische Komponente. Denn niemand unter der deutschen Herrschaft hatte geringere Aussichten, sich mit der Waffe in der Hand zur Wehr zu setzen als die Juden Osteuropas.

In Polen und auch in der Sowjetunion waren sie eine drangsalierte Minderheit, die über Jahrhunderte meist ohne gewaltsame Gegenwehr überlebt hatte. Nur wenige besaßen überhaupt Waffen, und klein war selbst der Anteil jener, die durch den Militärdienst, in dem Juden oft nicht erwünscht waren, Grundkenntnisse von ihrem Gebrauch hatten. Und wer zu den Waffen griff, musste wissen, dass die Unbewaffneten als Erste die Rache der Besatzer treffen würde.

Und sie waren allein, sehr allein. Es gab kein verborgenes Netz von Kämpfern wie das der polnischen Untergrundarmee und schon gar kein mächtiges Schattenheer wie jenes der sowjetischen Partisanen.

Es gab nicht einmal jene Bevölkerung, in denen der Partisan, nach Mao, wie der Fisch im Wasser schwimmt, denn dieser Feind vernichtete, sinnbildlich gesprochen, sogar das Wasser selbst. Nur wer das versteht, kann die Bedeutung dieser Gegenwehr ermessen.

Nechama Tec, die als Kind selbst der Judenverfolgung entronnen war, setzte am Schluss ihres Buches Tuvia Bielski und mit ihm dem jüdischen Widerstand ein schönes Epitaph: "Er gab dem jüdischen Volk viele wertvolle Gaben: Es waren die Hoffnung, die Träume und das Leben."

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