Süddeutsche Zeitung

Jüdischer Terrorismus:Wer Israel im Inneren bedroht

Zwei Bluttaten jüdischer Terroristen haben Israel in diesem Sommer aufgewühlt. Es sind die Auswüchse der fast 50-jährigen Besatzung, die parallel zu Israels Demokratie ein Schattenreich entstehen ließ.

In Israel hätte es ein schöner, ruhiger Sommer werden können. Die Rekordhitze bietet auch zwischen Mittelmeer und Jordan genügend Stoff für herrlich harmlose Schlagzeilen - was für ein Kontrast zum Vorjahr, als der Gaza-Krieg sich im Juli und August 50 Tage lang blutig austobte.

Aktuell sind die äußeren Bedrohungen eher übersichtlich, denn die palästinensische Hamas leckt noch ihre Wunden, die libanesische Hisbollah ist anderweitig beschäftigt im syrischen Sumpf, und selbst in Sachen Iran ist erst einmal die Luft raus nach dem Atom-Abkommen. Doch Ruhe ist in Israel immer nur die Ruhe vor dem Sturm, und der Sturm dieses Sommers hat eine neue Gefahr für den jüdischen Staat ans Licht gebracht: den jüdischen Terrorismus.

Schock, Schmerz und Scham nach zwei Bluttaten

Zwei Bluttaten religiöser Fanatiker haben das Land aufgewühlt und diesen Sommer zum Sommer der Selbstbespiegelung gemacht. Erst stürmte in Jerusalem ein sittenstrenger Ultra-Orthodoxer mit dem Messer in der Hand in die Schwulenparade und tötete ein 16-jähriges Mädchen. Dann wurde im Dörfchen Duma im Westjordanland das Haus einer palästinensischen Familie in Brand gesetzt, ein 18 Monate altes Baby und der Vater starben in den Flammen. Auf Hebräisch hinterließen die Täter die Graffitis "Rache" und "Lang lebe der König, der Messias".

Schock, Schmerz und Scham - das ist die Reaktion der israelischen Gesellschaft auf diese beiden Vorfälle. Mit Gefahren von außen kennt das Land sich aus seit der Staatsgründung vor 67 Jahren. Doch plötzlich kommt die Verrohung und Bedrohung von innen, und das erfordert neues Denken und neues Handeln.

Anders als in den Palästinensergebieten, in denen Terrorismus immer noch oft zur Heldentat verklärt wird, stellt sich Israel dieser Herausforderung, auch wenn die Debatten schmerzhaft sind. Im gesamten Spektrum von rechts bis links werden die Verbrechen verurteilt.

Es wird nach den Tätern gefahndet, Verdächtige werden verhaftet und Strafmaßnahmen wie die Inhaftierung ohne Anklage, die bislang nur für Palästinenser galten, können nun auch bei jüdischen Extremisten angewendet werden. Mit aller Kraft will Israels Demokratie zeigen, dass sie wehrhaft ist auch gegenüber Extremisten aus den eigenen Reihen.

Die Regierung ist Teil des Problems

Aber all dies könnte als Aktionismus verpuffen, wenn sich der Kampf nur gegen die Symptome richtet und nicht gegen die Ursachen. Letzteres jedoch ist viel schwieriger zu bewerkstelligen, und es ist ungewiss, ob die nun so demonstrativ tatkräftige Regierung dazu in der Lage ist.

Fraglich ist auch, ob sie dazu willens ist. Denn die Umtriebe dieser Minderheit sind die extremen Auswüchse eines aus fast 50-jähriger Besatzung erwachsenen gesellschaftlichen Klimas, in dem immer wieder das Recht gebeugt, gebrochen oder als Recht des Stärkeren definiert wird. Und in diesem System ist die gegenwärtige rechts-religiöse Regierung durchaus ein Teil des Problems.

Präsident Rivlin hat die richtigen Worte gefunden

Die Besatzung hat parallel zu Israels Demokratie ein Schattenreich entstehen lassen, in dem andere Normen gelten und in dem es Menschen erster und zweiter Klasse gibt. In diesem Schattenreich ist die Gewalt jüdischer Extremisten gegen Palästinenser in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort "Preisschild-Aktion" zu einem verbreiteten Phänomen geworden.

Die perfide Idee: Jedes Mal, wenn die Siedler irgendwo in die Schranken gewiesen werden, sollen Palästinenser dafür büßen und einen Preis bezahlen. Autoreifen werden durchstochen, Olivenhaine abgeholzt, Moscheen angezündet. Geahndet wurden solche Taten bislang in den seltensten Fällen, und in manchen wirren Köpfen dürfte sich dadurch festgesetzt haben, das Westjordanland sei eine Art rechtsfreier Raum, jedenfalls beim Umgang mit den Palästinensern.

Nach dem mörderischen Anschlag von Duma fällt nun ein grelles Licht auf dieses Schattenreich. Präsident Reuven Rivlin hat dazu die richtigen Worte gefunden, als er bekannte, der Staat habe die Extremisten in den eigenen Reihen "zu lange nicht ernst genommen". Er hat das verknüpft mit einem Aufruf zu mehr Toleranz und Miteinander von Juden und Palästinensern.

Das ist gut gemeint, doch die Reaktion darauf sollte der israelischen Gesellschaft als weiterer Weckruf dienen: Rivlin wurde sogar aus den Reihen der eigenen Likud-Partei als Verräter geschmäht, und er bekam Morddrohungen, die von Israels Inlandsgeheimdienst Schin Bet sehr ernst genommen werden. Schließlich war wegen seiner Friedenspolitik auch schon Premierminister Jitzchak Rabin von einem jüdischen Extremisten ermordet worden. Im Herbst jährt sich das zum 20. Mal - und im Sommer davor ist klar geworden, welche Gefahren in Israel heute im Innern heranwuchern.

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SZ vom 20.08.2015/fued
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