Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg Netanjahus Großmufti-Theorie

Der Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini schreitet 1944 die Front bosnischer Freiwilliger der Waffen-SS auf einen Truppenübungsplatz ab.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Netanjahu zu Holocaust: Hitler habe die Juden nur aus Deutschland ausweisen wollen, erst der palästinensische Großmufti Amin al-Husseini habe ihn aufgefordert, sie zu "verbrennen".
  • Die Theorie, die den Palästiensern eine Mitschuld am Holocaust zuschreibt, ist in Israel sehr beliebt, sagt Historiker Tom Segev. Historisch ist sie nicht zu belegen.
Von Ronen Steinke

Kurz vor seinem Abflug nach Berlin, auf dem Rollfeld des Flughafens in Tel Aviv, rief Israels Premierminister Benjamin Netanjahu am Mittwoch die Journalisten zusammen, um eine Klarstellung zum Thema Adolf Hitler abzugeben.

Es bestehe kein Zweifel, so der Premier, dass Hitler der Verantwortliche für die "Endlösung" gewesen sei. Dass also er die Entscheidung zur Vernichtung der europäischen Juden getroffen habe.

Doch sei es "absurd", wenn heutige Akademiker ausblendeten, welche Rolle damals auch der palästinensische Großmufti von Jerusalem gespielt habe, Amin al-Husseini. Dieser erst habe Hitler zu dessen Beschluss "ermutigt".

Kleiner rhetorischer Sprengsatz

Der kleine rhetorische Sprengsatz, mit dem sich Netanjahu so nach Berlin verabschiedete, rührt an den Kern des Selbstverständnisses von Israelis und Palästinensern: Netanjahu weist den Palästinensern eine Mitschuld am NS-Völkermord zu, dessen Folge die Gründung des Staates Israel war.

Die Großmufti-Theorie hat Netanjahu schon 2012 einmal verbreitet. Sie ist überhaupt beliebt in Israel, wie der israelische Historiker Tom Segev beklagt. Vor allem in den Anfangsjahren des Staates erschienen viele Bücher, die Husseini zum Kriegsverbrecher stilisierten, der vor das Nürnberger Tribunal gehört hätte.

Überlebende des KZ Auschwitz

Augen, die die Hölle auf Erden sahen

Bei einem Auftritt am Mittwochmorgen in Jerusalem hatte Netanjahu eine Begegnung zwischen Hitler und Husseini, die im November 1941 in Berlin stattfand, so geschildert: "Hitler wollte die Juden damals nicht vernichten, er wollte die Juden ausweisen."

Der Mufti habe gesagt: "Wenn Sie sie deportieren, kommen sie hierher (nach Palästina)." Hitler habe entgegnet: "Was soll ich also mit ihnen machen?" Husseini habe geantwortet: "Verbrennen Sie sie."