Wittenberg:Antijüdische Schmähplastik soll weichen

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Wittenberg: An der Fassade der Stadtkirche in Wittenberg soll die "Judensau" künftig nicht mehr zu sehen sein, aber sie soll der Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

An der Fassade der Stadtkirche in Wittenberg soll die "Judensau" künftig nicht mehr zu sehen sein, aber sie soll der Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

(Foto: Jens Meyer/AP)

Seit dem 13. Jahrhundert hängt die "Judensau" an der Stadtkirche Wittenberg. Der Bundesgerichtshof sah darin keine Rechtsverletzung, ein Expertengremium empfiehlt, das Relief nun trotzdem entfernen zu lassen.

Von Iris Mayer, Leipzig

Die judenfeindliche Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche soll bald entfernt werden. Ein eigens eingesetzter Beirat sprach am Dienstag die Empfehlung aus, die als "Judensau" bekannt gewordene Plastik von der Fassade der evangelischen Kirche abzunehmen und künftig an einem geeigneten Lernort aufzubewahren. In einem angemessenen, einordnenden Rahmen soll die Plastik weiter zu sehen sein, dafür werde ein Platz in unmittelbarer Nähe gesucht. "Wir wollen hier eine tiefe gesellschaftliche Wunde schließen", sagte der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Christoph Maier, der Süddeutschen Zeitung.

Maier gehört dem Beirat selbst an, der 2020 im Auftrag des Gemeindekirchenrats einberufen wurde. Die weiteren Schritte müssten nun mit dem Denkmalschutz besprochen werden, der im Grundsatz aber einverstanden sei. Wichtig sei ihm, die Plastik nicht in irgendein Museum abzuschieben, sondern an einem Lernort in unmittelbarer Nähe zur Stadtkirche zu zeigen, "wie tief der Judenhass seit Jahrhunderten in unsere Gesellschaft hineinreicht".

BGH sah Mahnmal statt Schandmal

Das Sandsteinrelief hängt seit dem 13. Jahrhundert in vier Metern Höhe an der Kirche und zeigt eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Dritter hebt den Schwanz des Tieres und schaut ihm in den After, laut Bundesgerichtshof handelt es sich bei der Darstellung um einen Rabbiner. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein. Ähnlich herabwürdigende Darstellungen finden sich auch an anderen Kirchen. Weil die Kirchgemeinde selbst das Relief mit einer Bodenplatte und einem Aufsteller ergänzt und sich so erfolgreich von dessen Inhalt distanziert habe, entschied der Bundesgerichtshof im Juni, dass das Relief trotz des antisemitischen Inhalts bleiben darf. Aus einem Schandmal sei ein Mahnmal geworden.

Schon damals hatte Stadtkirchenpfarrer Alexander Garth aber angekündigt, der "schrecklichen Plastik" eine noch deutlichere Botschaft entgegenzusetzen. "Die Tradition des Gedenkens vor Ort soll bestehen bleiben", sagte Maier am Dienstag. Es sei eine "Zumutung", die Plastik in der bestehenden Form in der Öffentlichkeit zu halten. Das Relief dürfe aber nicht versteckt werden, sondern müsse zugänglich bleiben. "Es ist wichtig, dass es vor Ort eine lebendige Gedenkkultur gibt", betonte der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Zugleich plädierte der Beirat für die Umsetzung von Sofortmaßnahmen. Dazu gehören die Erstellung einer Broschüre, die Installation eines neuen Erklärtextes für die Informationsstele an der Kirche sowie eine Ergänzung der Dauerausstellung im Innenraum der Kirche. Mit einer Neukonzeption der Dauerausstellung müsse zudem gewährleistet werden, dass "Antijudaismus und Antisemitismus thematisiert und kontextualisiert werden".

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