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Juden:"Wir überleben auch dieses Desaster"

Pessach-Fest in Jerusalem

So wird es dieses Jahr nicht sein: Gläubige vor der Klagemauer während des Pessachfestes.

(Foto: Kobi Gideon/picture-alliance/dpa)

Zum Pessachfest verschärft Israels Regierung noch einmal drastisch die Ausgangsbeschränkungen.

Der 95-jährige Manfred Rosenbaum muss dieses Jahr alleine das Pessachfest feiern. Rosenbaum wurde in Berlin geboren, er hat das KZ Bergen-Belsen überlebt. Jetzt wohnt er mit seinem Pfleger Justin, einem Christen aus Indien, in einem kleinen Haus in Givatayim bei Tel Aviv. Die von der israelischen Regierung verhängten Maßnahmen hält er für "sehr erforderlich", um das Coronavirus zu bekämpfen. Seine Tochter Gaby und die Enkel dürfen ihn nicht besuchen. "Wir telefonieren und mailen", schreibt Rosenbaum und meint lakonisch: "Wir überleben auch dieses schauerliche Desaster."

Die israelische Regierung hat die Ausgangsbeschränkungen vor dem jüdischen Pessachfest noch einmal verschärft. Acht Tage lang feiern Juden den Auszug der Israeliten aus Ägypten und die Befreiung von der Sklaverei. Den Auftakt bildet der Sederabend, an dem sich traditionell die gesamte Familie versammelt. Um in diesem Jahr eine Zusammenkunft größerer Menschengruppen zu verhindern, verfügte die Regierung, dass von Mittwochnachmittag bis Donnerstagfrüh niemand in Israel das Haus verlassen darf. Diesmal darf der Sederabend nur im Kreise jener, die in einem Haushalt leben, gefeiert werden. Bis Sonntagmorgen darf auch niemand sein Dorf oder sein Stadtviertel verlassen, der öffentliche Verkehr und der gesamte Flugverkehr werden eingestellt. Armee und Polizei überwachen mit Straßensperren die Einhaltung der Vorschriften.

Um dennoch zusammen feiern zu können, wurden alle Israelis aufgefordert, am Mittwochabend um 20.30 Uhr ein traditionelles Pessach-Lied zu singen - auf dem Balkon. Säkulare Israelis nutzen die Videoplattform Zoom. Aber das Oberrabbinat in Israel hat gläubigen Juden so etwas untersagt. Der Rat der Oberrabbiner: "Ein Anruf am Abend des Fests, bevor es beginnt."

Vor dem Obersten Gericht hatte ein jüdischer Siedler aus dem Westjordanland eine Verschiebung der Feiertage im Eilverfahren beantragt - ohne Erfolg. Für eine solche Maßnahme, hieß es in der Urteilsbegründung, fehle die rechtliche Grundlage.

Die wegen des Coronavirus verhängten Einschränkungen haben auch Folgen für die Osterfeiern der Christen in Jerusalem. Wenn Markus Bugnyar auf die Straße tritt, bietet sich dem Rektor des österreichischen Hospiz in Jerusalem jetzt ein ungewohnter Anblick: "eine unglaubliche Leere". Normalerweise drängen sich hier, an der dritten Station des Kreuzweges auf der Via Dolorosa, Menschenmassen - gerade zu Ostern. Christen gehen auf den Spuren Jesu den Kreuzweg, der sich durch die Altstadt schlängelt, und sie besuchen die Grabeskirche.

Die Grabeskiche ist eine der zentralen heiligen Stätten des Christentums, laut biblischer Überlieferung die Stelle der Kreuzigung und des Grabes Jesu. Geschlossen ist diese Kirche in diesem Jahr das erste Mal seit 1350 - dem Jahr der Pest in Jerusalem. Für einen kleinen Kreis von Geistlichen werden sich die Tore zu Ostern öffnen, hofft Wadie Abunassar, der Sprecher der katholischen Kirche im Heiligen Land. Die Verhandlungen mit den israelischen Behörden laufen noch. Die Geistlichen wollen die heiligen Messen feiern, eine Prozession soll am Karfreitag über die Via Dolorosa führen - mit größtmöglichem Abstand. Gläubige aus aller Welt sollen die Feierlichkeiten in Jerusalem in einem Livestream verfolgen können. Christen und Juden hoffen gleichermaßen, dass der traditionelle Wunsch am Ende jedes Sederabends in Erfüllung geht: "Nächstes Jahr in Jerusalem!"

© SZ vom 09.04.2020

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