Juden in Nazi-Deutschland:Nachbar Adolf Hitler

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Angst hatten trotzdem auch viele "Arier". Es war die Angst, etwas falsch zu machen, aufzufallen in Hitlers Reich der Blockwarte und NSDAP-Ortsgruppenleiter. Es wurde hingenommen, dass immer mehr Menschen in Konzentrationslagern verschwanden, weil sie Juden oder Kommunisten waren oder Sozialdemokraten oder aufrechte Christen.

Außerdem ging ja alles nach Recht und Gesetz, auch die "Arisierung" genannten Enteignungen jüdischen Eigentums, die im Frühjahr 1938 begannen. Die Deutschen freuten sich über Schnäppchen.

Gegen die Zerstörung von Synagogen im Reich sagte niemand etwas. Weder in Nürnberg, wo der Judenhasser und dortige Gauleiter Julius Streicher den Abrissbefehl regelrecht zelebrierte, noch in München, wo die Behörden den Abriss der Alten Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße anordneten.

Reichspogromnacht -Judenverfolgung

SA-Männer mit einem Boykott-Plakat vor einem jüdischen Geschäft in Berlin.

(Foto: dpa)

Im Juni wird der prächtige Monumentalbau im Herzen der Stadt eingerüstet. Ernst Grube schaut von nebenan dabei zu, wie die Baufirma Leonhard Moll die Synagoge abbricht. Ernsts Mutter ist jüdisch, der Vater Christ. Aber Religion spielt in der Familie eigentlich keine Rolle. Ernst ist fünf Jahre alt und versteht nicht so recht, was los ist. Aber er spürt, dass etwas nicht stimmt. Dass es dort draußen etwas Bedrohliches gibt.

Das Haus, in dem der Fünfjährige mit seiner Familie lebt, gehört der Jüdischen Gemeinde, genauso wie weitere, anschließende Gebäude. Dort gab es einen Hof, in dem Ernst spielte, auch eine Kammer voller Spielzeug und Kleidung für Bedürftige. Für Ernst ist es eine heile Welt. Das Gotteshaus, die Wohnung, die Nachbarshäuser. Das war Ernsts kleine Heimat, bis zum Juni 1938. Als die Bauarbeiter kamen.

Nach dem Abbruch der Synagoge holen sich die NS-Behörden die Häuser der Gemeinde. Die Grubes sollen ausziehen. Aber wohin? Emigration war nie ein Thema, die Grubes haben wenig Geld, Ernsts Vater ist Malermeister. Die Grubes ignorieren die Forderung. Man stellt ihnen Strom und Wasser ab. Am 7. November 1938 werden Ernst und seine Geschwister abgeholt und ins jüdische Kinderheim nach Milbertshofen gebracht.

Hass, Gewalt und Flucht nach 1938

Zwei Tage später begannen die Pogrome im Reich. Synagogen brannten, und SA-Leute schändeten und zerstörten Geschäfte (den Schaden mussten die Juden später selbst zahlen). Hitlers willige Helfer erschlugen Menschen oder stießen sie von Balkonen. Zehntausende Juden wurden verschleppt. Oder versuchten zu fliehen.

Einer davon ist Ludwig Feuchtwanger, der Münchner Verleger, bislang wohnhaft in der Grillparzerstraße in Bogenhausen. Schon vor seiner Verhaftung war ihm und seiner Frau klar, dass sie Deutschland verlassen müssen. Allein schon wegen Edgar, dem Sohn. Aber wohin? Wer nimmt schon Juden auf? Dorle, die ältere Tochter, hat in der Schweiz geheiratet. Vater Feuchtwanger fuhr alleine zur Hochzeit, denn drei Visa hätten die Schweizer Beamten der jüdischen Familie nicht ausgestellt. Dabei waren schon einige Verwandte emigriert. Etwa Edgars Onkel Lion nach Frankreich, in dessen berühmtem Roman "Erfolg" der Schreihals Hitler schon auftauchte.

Edgar Feuchtwanger

Edgar Feuchtwanger während seines SZ-Gesprächs.

(Foto: Daniel Hofer)

Aber nun ist Ludwig Feuchtwanger im KZ. Seine Frau darf nicht zu ihm. Edgar glaubt, dass er den Vater nie wiedersehen wird. Die Familie bereitet die Flucht vor. Die Behörden ordnen an, dass sie neue Vornamen tragen sollen. Edgar heißt Edgar-Israel, wie alle männlichen Juden. Mutter Erna trägt wie alle Jüdinnen den Namen Sarah. Dann steht ein Mann vor der Tür, ein Händler. Er schaut sich in der Wohnung um. Am nächsten Tag kommt er mit Möbelpackern und beschlagnahmt, was er will. Sie nehmen auch die Bilder von der Wand und das Tafelsilber. Der Mann sagt: Das ist nur Plunder, Sie können sich glücklich schätzen. Er lässt Geldscheine da.

Am 20. Dezember steht der Vater vor der Tür. Ausgezehrt, abgemagert, ein Schatten. Nach ein paar Tagen hat er sich erholt. Er sagt zu Edgar: Wir verlassen diese Hölle, und dann werden wir nicht mehr unter den Augen dieses Dreckskerls wohnen. Ludwig Feuchtwanger meint den Nachbarn von schräg gegenüber. Sein Name: Adolf Hitler.

Was aus Edgar Feuchtwanger, Ernst Grube und Ingeborg Syllm wurde

Die Feuchtwangers emigrierten 1939 nach Großbritannien, wo Edgar als Historiker lehrte und noch heute lebt. Seine Kindheitserinnerungen hat er im Buch "Als Hitler unser Nachbar war" aufgeschrieben. (Siedler-Verlag ISBN 9783827500380).

Ernst Grube überlebte den Zweiten Weltkrieg, er wurde im KZ Theresienstadt befreit. Er wohnt in Regensburg. Hier sind seine Kindheitserinnerungen an München während der NS-Zeit.

Ingeborg Syllm wurde in den USA Kinderärztin und heiratete Samuel Mitja Rapoport. Die Familie siedelte erst nach Österreich und dann in die DDR über, wo Ingeborg Rapoport an der Charité lehrte. Sie lebt in Berlin. Im Mai 2015 hat sie im Alter von 102 Jahren ihre von den Nazis abgelehnte Doktorarbeit erfolgreich verteidigt und doch noch promoviert (hier mehr dazu).

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