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Juden in Deutschland:Wie Juden in Deutschland Antisemitismus wahrnehmen

Die Juden in Deutschland nehmen antisemitische Straftaten anders wahr, als es die Polizeistatistik wiedergibt. Bereits 2013 wies Rabbi Daniel Alter von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin auf tagesschau.de darauf hin, dass es neben der Gefahr von rechts auch einen "starken Antisemitismus in der Community mit türkischem, arabischem, islamischen Migrationshintergrund" gebe. Ganze Stadtviertel wären für Juden zu No-Go-Areas geworden, wo sie mindestens mit Pöbeleien oder verbalen Übergriffen rechnen müssten.

2015 bestätigte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Joseph Schuster, in der Welt diese Wahrnehmung: "Die meisten Übergriffe kommen tatsächlich von Rechtsextremisten, die meisten antijüdischen Demonstrationen und lautesten antisemitischen Verunglimpfungen kommen seit einiger Zeit von muslimischer Seite." Und auch Gewalttaten durch Muslime kämen vor.

Die Studie der European Union Agency for Fundamental Rights (EU-Agentur für Grundrechte) im Jahre 2013 spiegelt diesen Eindruck ebenfalls wieder. Bei Fällen von körperlicher Gewalt oder ihrer Androhung schätzten 40 Prozent der Betroffenen die Täter als Personen "mit extremistisch muslimischer Orientierung" ein. Deutlich seltener wurden sie als links- oder rechtsgerichtet wahrgenommen.

Bei schwerwiegenden Fällen antisemitischer Belästigung war die Verteilung etwas ausgeglichener. Bei den Einschätzungen wurden die Täter allerdings häufig mehreren Kategorien zugeordnet. So wurden 36 Prozent der als extrem muslimisch wahrgenommenen Täter auch als links orientiert erlebt, 19 Prozent als rechtsorientiert. Worauf die Befragten ihre Zuordnung stützten, geht aus der Studie allerdings nicht hervor.

Eine Umfrage des IKG unter mehr als 550 Juden zeigte 2017, dass fast alle irgendeine Form von antisemitischem Verhalten erlebt hatten. 29 Prozent waren beleidigt oder belästigt worden, 16 Teilnehmer hatten körperliche Angriffe erlebt.

Am häufigsten hatten die Betroffenen die Täter als muslimische Personen oder Gruppen wahrgenommen. Ähnlich war es bei den Fällen körperlicher Angriffe. Vier der Angreifer wurden als linksextrem wahrgenommen, einer als rechtsextrem, zwei als christlich. Und in 13 der 16 Fälle beschreiben die Opfer die Täter als muslimisch. Wie die Zahlen deutlich zeigen, gab es allerdings Überschneidungen zwischen den Kategorien. So hatten die Opfer einige Täter zum Beispiel sowohl als muslimisch als auch linksextrem wahrgenommen.

Die Studien zu Antisemitismus unter Muslimen und Nichtmuslimen und die Wahrnehmung der Juden selbst zeigen: Antisemitismus ist zwar unter Rechtsextremen häufig. Ein großer Teil der Ablehnung von Juden und von Angriffen auf sie geht aber auch auf Muslime zurück. Auch die Sorge des Zentralrats der Juden in Deutschland, dass durch Flüchtlinge aus dem arabischen Raum zusätzlich Antisemitismus "importiert" würde, ist demnach nicht unbegründet.

RIAS, bei der Betroffene selbst antisemitische Vorfälle in Berlin melden, berichtete für 2018 allerdings, lediglich 19 Fälle (zwei Prozent) von insgesamt 1083 wären von Tätern aus dem politischen Spektrum "islamistisch" verübt worden. Wie viele Islamisten möglicherweise unter den "israelfeindlichen" Tätern (neun Prozent) waren oder unter jenen, bei denen die politische Einstellung unbekannt war (49 Prozent), ist unklar.

Wie aber kommt es zu der Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Betroffenen, den Umfragen der Sozialwissenschaftler und der Polizeistatistik? Dafür, so heißt es im Bericht des Expertenkreis' Antisemitismus für die Bundesregierung 2017 "gibt es derzeit keine plausible Erklärung".

Fazit

Der offene Antisemitismus "war gesamtgesellschaftlich selten so sehr an den Rand gedrängt wie heute", schreibt der Expertenkreis Antisemitismus. Zwar seien seine modernen Facetten - etwa die Forderung nach einem "Schlussstrich" oder israelbezogener Antisemitismus - in der breiten Bevölkerung noch weit verbreitet. Die Situation aber sei weitgehend stabil.

Antisemiten selbst allerdings sind zunehmend aktiv und treten offensiver auf als früher, worunter die Juden in Deutschland entsprechend leiden. Wie eine Reihe von Studien inzwischen zeigt, ist das Ausmaß antisemitischer Einstellungen unter Muslimen höher als unter Nichtmuslimen. "Insbesondere Migranten aus arabischen bzw. nordafrikanischen Ländern neigen zum Antisemitismus", schreibt der Expertenkreis Antisemitismus. Neben der Herkunftsregion ist noch das Alter von Bedeutung. Es sind vor allem junge Muslime, die deutlich antisemitischer sind als gleichaltrige Nichtmuslime.

Das ist zugleich eine Chance: Denn Schulbildung, so die Fachleute, kann gegen antisemitische Einstellungen helfen. Das gilt auch für bessere Integrationsangebote für junge Muslime: Wer ausgegrenzt wird, reagiert häufig damit, selbst andere abzuwerten.

Eine wichtige Rolle kann den muslimischen Gemeinden zukommen. Viele der für den Expertenkreis befragten Imame sagten in den Interviews, Antisemitismus sei in ihren Gemeinden nicht Ausdruck einer geschlossenen und manifesten Ideologie. Eher handle es sich um unreflektierte antisemitische Stereotype oder Ideologiefragmente. Deshalb sei es eine Chance, in die Bewusstseinsbildung der Gemeindemitglieder einzugreifen und Vorurteile abzubauen. Insbesondere die Gleichsetzung zwischen Juden und dem Staat Israel müsste ihnen zufolge aufgehoben werden.

(Der Artikel wurde im August 2019 aktualisiert.)

© SZ/segi/gal
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