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Juden in Deutschland:Wer sind die Straftäter?

Sozialwissenschaftler aus Bielefeld und Leipzig betonen seit Jahren, dass antisemitische Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft verbreitet seien. Klassischen Antisemitismus identifizierten die Bielefelder nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung (5,8 Prozent), israelbezogenen Antisemitismus allerdings bei jedem Vierten. Gemeinhin gilt Antisemitismus aber immer noch als eine Haltung, die vor allem bei politisch rechts orientierten Deutschen zu finden ist.

Das scheint die Polizeistatistik zu bestätigen. Seit 2001 wird in der Rubrik "politisch motivierte Kriminalität" nach rechten und linken Tätern sowie Ausländern und solchen Fällen, bei denen keine Einordnung möglich ist (Sonstige) unterschieden. Die Zahl der Straftaten durch Rechte liegt hier immer um ein Vielfaches höher als die von ausländischen oder linken Tätern.

So wurden 2018 von den 1799 antisemitischen Straftaten 1603 als Delikte von Rechten bewertet. 102 Straftaten wurden Personen mit "ausländischer Ideologie", also nicht religiös, sondern etwa anti-israelisch motivierten Tätern zugeschrieben, weitere 52 Delikte "religiös" motivierten Antisemiten, also meist muslimischen Fanatikern ausländischer sowie deutscher Herkunft. 14 Straftaten - etwa Volksverhetzung - wurden von Linken verübt. 28 Vergehen konnten nicht eingeordnet werden. Sämtliche Werte liegen deutlich höher als im Jahr zuvor.

Doch diese auf den ersten Blick eindeutig wirkenden Zahlen werden zunehmend kritisch betrachtet. Inzwischen gibt es unter den Experten Zweifel daran, dass Rechte tatsächlich für alle die Taten verantwortlich sind, die dieser Kategorie zugeordnet wurden. So wurde lange Zeit kaum berücksichtigt, dass manche antisemitische Straftaten offenbar im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern stehen. Belegt wird dieser Zusammenhang schon dadurch, dass die Zahl der Vergehen durch ausländische und sonstige Täter zunahm, wenn es im Nahen Osten zu einer Eskalation kam.

Im Jahre 2014 etwa fanden im dritten Quartal nicht nur Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg statt; es kam auch zu einer deutlichen Zunahme antisemitischer Straftaten - auch Gewalttaten - von Tätern in den Gruppen "Ausländer" und "Sonstige". (Wobei die ganz überwiegende Zahl der Straftaten offiziell immer noch rechten Tätern zugeordnet wurde.)

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS), die in Berlin 2018 insgesamt 1083 antisemitische Vorfälle gezählt hat, konnte die Hälfte der Täter keinem politischen Spektrum zuordnen, etwa ein Fünftel allerdings schätzt sie als rechtsextrem ein.

Inzwischen versucht die Polizei zu unterscheiden, ob Straftaten antiisraelisch motiviert sind oder antisemitisch: Begeht jemand eine antisemitische Straftat und versucht das nur durch Kritik an Israels Politik zu rechtfertigen? Oder ist das Vergehen tatsächlich durch Hass auf Israel motiviert, und Juden werden als "Stellvertreter" Israels angegriffen?

Experten halten es allerdings für äußerst schwierig, hier klar zu trennen - eine Erkenntnis, die sich schon bei den Studien zum israelbezogenen Antisemitismus in der Bevölkerung ergeben hatte.

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