Journalistin Viktoria Marinowa Gewürgt, vergewaltigt, ermordet

Menschen haben ein Mahnmal für Viktoria Marinowa in der Stadt Ruse errichtet.

(Foto: AFP)
  • In Bulgarien ist die kritische TV-Journalistin Viktoria Marinowa vergewaltigt und ermordet worden. Die 30-Jährige hatte viel über mutmaßlichen Betrug mit EU-Fördermitteln berichtet.
  • Von offizieller Seite heißt es, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Tat mit der Arbeit der 30-jährigen Mutter zu tun hat.
  • Jedoch sind Drohungen und Gewalt gegen Journalisten, die wie Marinowa den Mächtigen unbequeme Fragen stellen, in Bulgarien keine Seltenheit.
Von Florian Hassel, Warschau

Es war kurz vor Mittag am vergangenen Samstag, als Viktoria Marinowa, Fernsehmoderatorin in der 150 000-Einwohner-Stadt Ruse im Norden Bulgariens, zum Joggen an der Donau aufbrach. Zuvor hatte die 30 Jahre alte geschiedene Mutter einer siebenjährigen Tochter in einem Café in der Nähe der Donau-Promenade Bekannte getroffen. Knapp drei Stunden später entdeckte ein Spaziergänger in einem Gebüsch ihre Leiche.

Nach Angaben von Ruses Staatsanwalt Georgi Gergijew und Vize-Polizeichef Ilian Entschew wurde Marinowa so massiv geschlagen und gewürgt, dass sie erst Stunden nach der Entdeckung identifiziert werden konnte. Innenminister Mladen Marinow ergänzte, Marinowa sei vergewaltigt worden. "Es handelt sich um Vergewaltigung und Mord", so der Minister. Noch bevor bulgarische Ermittler, geführt vom Generalstaatsanwalt, am Montag die Ermittlungen übernahmen, verkündete der Innenminister, es gebe keine Hinweise darauf, dass der Mord im Zusammenhang mit Marinowas Arbeit als Journalistin stehe.

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Das allerdings sehen Kollegen Marinowas anders. Bulgarien ist nicht nur ein unbequemes, sondern oft auch gefährliches Pflaster für Journalisten. Vier Fünftel des Zeitungsmarktes werden durch den hoch umstrittenen Parlamentarier und Oligarchen Deljan Pejewski kontrolliert. Druck und Drohungen gegen Journalisten, Androhung sexueller Gewalt, das Anzünden ihrer Autos oder das Zusammenschlagen unbequemer Journalisten sind in Bulgarien nicht selten.

Der Fundort der Leiche an der Donau in Ruse

(Foto: REUTERS)

Wer hohen Politikern öffentlich unbequeme Fragen stellt, wie dies etwa im November 2017 der Fernsehjournalist Viktor Nikolajew gegenüber Vize-Ministerpräsident Walerij Simeonow wagte, wird vor laufender Kamera mit Jobverlust bedroht. Bulgarien ist beim Thema Pressefreiheit in den vergangenen Jahren wegen steigender Attacken auf Reporter, Drohungen und Medienkontrolle durch Oligarchen stetig zurückgefallen: Die Reporter ohne Grenzen sehen Bulgarien auf Platz 111 von 180 Ländern - das schlechteste Ergebnis eines EU-Mitglieds.

Die Bivol-Journalisten arbeiten wegen häufiger Drohungen an wechselnden Orten

Viktoria Marinowa bewies trotzdem Mut. Schon im Herbst 2017 bot ihr Fernsehsender TVN den Kollegen vom Internetdienst Bivol an, deren Rechercheergebnisse auch in Fernsehshows zu präsentieren. Bivol, das seine Arbeit ausschließlich online veröffentlicht, gehört in Bulgarien zu den wenigen Medien, die sich mit organisierter Kriminalität, Korruption und Verbindungen in bulgarische Ministerien und den Regierungsapparat beschäftigen. "Oft sind wir die einzigen", sagt Bivol-Direktor Assen Jordanow. "Doch egal, wie brisant unsere Rechercheergebnisse sind - bulgarische Kollegen ignorieren sie in aller Regel. Viele haben Angst vor der Reaktion unserer Mächtigen. Das Angebot von TVN war das erste und einzige seiner Art überhaupt."

Die Bivol-Journalisten arbeiten wegen häufiger Drohungen an verschiedenen Orten und haben nicht einmal ein gemeinsames Büro. "Wir konnten den Vorschlag von TVN aus organisatorischen Gründen schlicht nicht annehmen", sagt Jordanow. Doch im September begann Bivol mit der Veröffentlichung einer Serie über mutmaßlichen millionenschweren Betrug bei EU-Subventionen in Bulgarien.

Verbindungen zwischen Tarnfirmen und Politik

Aufbauend auf geheimen Kassenbüchern und Datenbanken beteiligter Beraterfirmen, zeichneten die Bivol-Journalisten ein Bild, bei dem ein Netz von Beratungs-, Tarn- und Baufirmen systematischen Betrug mit EU-Geldern verübe, die Bestechung bulgarischer Beamten bis hinauf zu Vize-Ministern eingeschlossen. Die Recherchen legen auch Verbindungen zu hohen Politikern der Regierungspartei Gerb und zu politisch bestens vernetzten russischen Firmen oder Oligarchen nahe.

Die durch etliche Dokumente gestützten Rechercheergebnisse, die Bivol vom 10. September an veröffentlichte, wurden in Bulgarien Jordanow zufolge wiederum weithin ignoriert - nicht aber von Viktoria Marinowa und TVN. Dort hatte Marinowa die neue politisch-investigative Sendung "Detektor" gestartet. Am 30. September präsentierte Marinowa etliche Bivol-Dokumente und ein Interview mit Reporter Dimitar Stojanow. Der berichtete etwa, wie bulgarische Polizisten ihn zusammen mit einem Kollegen festnahmen, anstatt in Verbindung mit der EU-Betrugsrecherche die Verbrennung belastender Dokumente zu verhindern. Marinowa stellte den Bericht auch auf ihre Facebook-Seite: Allein dort wurde er von fast 170 000 Bulgaren abgerufen. Die Journalistin kündigte zudem eigene Recherchen an.

"Viktoria Marinowa und TVN hatten als einzige in Bulgarien den Mut, ein breites bulgarisches Fernsehpublikum über unsere Erkenntnisse zu informieren", sagt Jordanow: "Wir sehen ihre Ermordung als klare Warnung an uns und alle anderen, die Recherchen zum Betrug mit den EU-Geldern in Bulgarien zu stoppen." In ihren bisherigen Recherchen wollen Jordanow und seine Kollegen Belege dafür gefunden haben, dass in Bulgarien "alle Institutionen, die für die Verteilung von EU-Fonds verantwortlich sind, von den Siegerfirmen Kommissionsgebühren" - sprich: Bestechungsgelder - bekommen haben.

Nach dem Start der Bivol-Serie erklärte Bulgariens Generalstaatsanwaltschaft am 17. September den Beginn von Ermittlungen durch die Nationale Sicherheitsagentur (DANS). Bivol-Direktor Jordanow bleibt skeptisch. "Schon als wir vor drei Jahren Fälle von Betrug mit EU-Geld aufgedeckten, wurden Ermittlungen an DANS übergeben", sagt er. "Bis heute gibt es keine einzige Anklage. Wir trauen derlei Mitteilungen bulgarischer Behörden grundsätzlich nicht mehr." Mitte September rief Bivol die EU-Kommission und die Anti-Betrugsbehörde Olaf auf, selbst eigenständige Ermittlungen zum Betrug mit EU-Geld durchzuführen - und bis zu deren Ergebnis alle EU-Zahlungen an Sofia einzustellen. "Wieder ist ein mutiger Journalist im Kampf für Wahrheit und gegen Korruption gestorben", kommentierte EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans via Twitter.

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